Saigon 1.2.68: Die Hinrichtung

von Dominik Landwehr


© Associated Press

Vietnam 1968: Der Polizeikommandant von Saigon, General Nguyen Ngoc Loan, erschiesst auf offener Strasse einen verdächtigen Mann. Im gleichen Moment, in dem der Schütze seinen Revolver abdrückt, betätigt der amerikanische Fotograf Eddie Adams den Auslöser seiner Kamera. Die Bilder gehen um die Welt - das Foto zählt bis heute zu den meistpublizierten Kriegsbildern. Dominik Landwehr hat die Geschichte dieses Bildes rekonstruiert.

"Südvietnamesische Truppen hatten vor einem Hauseingang einen Gefangenen gepackt und schleppten ihn in dieselbe Richtung, in die wir gingen. An einer Ecke blieben sie stehen und plötzlich taucht dieser Polizeikommandant auf. Ich stand nur eineinhalb Meter vom Gefangenen entfernt, als der Mann zu seinem Revolver griff. Im selben Moment wie sein Arm hochging, riss auch ich die Kamera hoch und drückte ab". Der amerikanische Fotograf Eddie Adams erinnert sich an jenes dramatische Foto in Saigon. Adams drückte genau im richtigen Moment auf den Auslöser seiner Kamera: "Mir war das gar nicht bewusst. Als der Vietcong zu Boden fiel, spritzte das Blut über einen Meter hoch. - Ich drehte mich weg, ich konnte nicht hinsehen, geschweige denn fotografieren. Erst später habe ich eine Aufnahme von der Leiche gemacht".

Eddie Adams machte sein Bild zu Beginn der Tet-Offensive, am l.Februar 1968 - das Wort 'Tet' bezeichnet das vietnamesische Neujahr - Ho Chi Minh hatte das Datum dieses Festes für die grosse Offensive gewählt, mit welcher er den Krieg endgültig zu seinen Gunsten zu wenden hoffte. Die Amerikaner sollten in einer entscheidenden Schlacht vertrieben werden, wie ein Jahrzehnt zuvor die Franzosen in der berühmten Schlacht von Dien Bien Phu. Südvietnam sollte mit dem kommunistischen Norden vereinigt werden. Die Absicht misslang - das vietnamesische Volk und seine Armeen, aber auch die amerikanischen Streitkräfte zahlten einen horrenden Blutzoll: 14 000 vietnamesische Kinder, Frauen und Männer verloren bei den Kämpfen ihr Leben, zusammen mit gegen l0 000 amerikanischen und südvietnamesischen Soldaten. Am schlimmsten traf es die nordvietnamesischen Truppen und den Vietcong, die zusammen gegen 60 000 Mann verloren.

Die USA und Nordvietnam hatten für die Tet-Feierlichkeiten einen 36-stündigen Waffenstillstand vereinbart, der am 29.Januar um 6.00 begann. Man fühlte sich sicher in Saigon. Erstmals seit Jahren war auch der Gebrauch von Feuerwerk wieder erlaubt.

Am 3l.Januar 1968 um 02:47 löste einer der wachthabende Militärpolizisten der amerikanischen Botschaft in Saigon mit dem Funkspruch "Signal 300" Alarm aus. Feindlicher Angriff. Einen Moment später erschüttert eine heftige Explosion das Gebäude. Elite-Einheiten des Vietcong hatten eine Loch in die Mauer rund um das Botschaftsgebäude gesprengt. Der Militärpolizist kann noch in Richtung der Eindringlinge schiessen und schreit in sein Funkgerät "Sie kommen! - Hilfe!" - Sekunden später ist er tot.

Mit der Tet-Offensive wird der Krieg, der so lange in den Reisfeldern und im Dschungel von Südvietnam stattgefunden hatte, in die Städte getragen. In Saigon - dem Hauptquartier der südvietnamesischen Armee und der mit ihnen verbündeten US Truppen gab es wohl blutige Terroranschläge auf Kinos, Restaurants, auf Einrichungen der südvietnamesischen Regierung und der USA - aber bisher keine direkten Kampfhandlungen. Auch die Korrespondenten waren bis zu diesem Zeitpunkt sicher in Saigon. Wer etwas vom Krieg sehen wollte, musste schon zur Stadt hinaus, ins Kampfgebiet.

Die Tet-Offensive überraschte die Amerikaner in Vietnam - und schockte Bevölkerung, Medien und Politiker zuhause in Washington. Man sei dem Sieg nahe, liessen Regierung und Pentagon in jener Zeit regelmässig stereotyp melden und habe auch jetzt alles unter Kontrolle. Wie konnte dies stimmen - wenn es dem Feind gelang unbemerkt bis ins Herz von Saigon vorzustossen und auf das Gelände der amerikanischen Botschaft einzudringen? - Die Nachricht vom Sturm auf die US Botschaft traf in einem Moment ein, als immer grössere Teile der amerikanischen Oeffentlichkeit von diesem Krieg am Ende der Welt die Nase voll hatte. Der Kreis der Kriegsgegner beschränkte sich längst nicht mehr auf Studenten an den grossen Universitäten. Schon im Sommer 1967 hatten konservative Zeitungen die Regierung aufgefordert, ihre Position zu überprüfen. Im Januar 1968 wurde dem bekannten Kinderarzt Dr.Benjamin Spock der Prozess wegen Konspiration gemacht. Er wollte "seine Babies" nicht sterben sehen und half ihnen, dem gefürchteten "draft" zu entgehen. Schweden hatte eben einer Gruppe von jungen Amerikanern, die nicht in den Krieg wollten, politisches Asyl gewährt.

US General Westmoreland, der Oberbefehlshaber im Feld, verlangte nach mehr Truppen. Einige Tausend erhielt er sofort - sie schifften kaum zwei Wochen später ein, mussten an einem Krieg teilnehmen, von dem kaum einer von ihnen wusste, wann er begonnen hatte.

Wann hatte dieser Krieg eigentlich begonnen - warum wurde er geführt? - Die Wurzeln des Vietnamkrieges gehen zurück in die Zeit des kolonialen Befreiungskampfes. 1945 deklariert Ho Chi Minh der Führer der kommunistischen Bewegung Vietnams die Unabhängigkeit. Die Franzosen machten ihr Kolonialrecht wieder geltend, das sie 1940 den Japanern abtreten mussten. Es kommt zum Krieg, der 1954 mit der Niederlage der Franzosen bei Dien Bien Phu endet. Vietnam wird entlang des 17.Breitengrades geteilt - fortan gibt es einen kommunistischen Norden mit Hanoi als Hauptstadt und einen kapitalistischen Süden mit dem Zentrum Saigon. Die USA entscheiden sich dafür, das korrupte südvietnamesische Regime von Präsident Diem zu unterstützen - zunächst nur mit Waffen und Geld, mit Militärberatern und Luftunterstützung. Es gilt ein weiteres Vordringen des Kommunismus zu stoppen. Nur 3'200 amerikanische Soldaten und Militärberater waren zu Beginn von 1962 in Südvietnam. In den ersten sechs Monaten des Jahres waren keine 20 amerikanischen Soldaten ums Leben gekommen."Ein richtiger Krieg ist das eigentlicher nicht, aber es ist der einzige, den wir haben - so geht hin und geniesst ihn", konnte 1962 ein US Offizier zu seinen Soldaten sagen. 1968 waren über 500 000 GI's engagiert. 500 von ihnen wurden jede Woche in schwarzen Säcken 'body bags' heimgeschickt. Tot.

Amerika rutschte scheibchenweise in diesen Krieg, den eigentlich niemand verstand, der in einem Land ausgetragen wurde, das den Amerikaner nicht hätte fremder sein können. "Wir führten nicht 14 Jahre lang Krieg - sondern 14mal ein Jahr lang", urteilt der amerikanische Journalist und Historiker Don Oberdorfer "und blieben Fremde unter Fremden".

Noch während der Tet-Offensive reist US Generalstschef General Earle Wheeler nach Saigon um dort ein klareres Bild der Lage zu gewinnen. Er will mehr Truppen - genau 206 000. Sein Antrag wurde nie bewilligt - für die amerikanische Oeffentlichkeit war der Antrag die Bestätigung dafür, dass die Tet-Offensive ein Sieg der Kommunisten war und der Krieg in eine Sackgasse geraten war. Warum brauchten die Militärs so viel Verstärkung, wenn sie doch eigentlich am gewinnen waren, wie sie selber nicht müde wurden zu verkünden?

Kaum einen Monat später wurde sein Counterpart im Feld, General William Westmoreland ins Pentagon zurückgerufen - US Präsident Lyndon B.Johnson kündigte seinen Rückzug aus der Politik an, die USA stoppten die massiven Bombardierungen und öffneten damit den Weg für Verhandlungen.

Tet 1968 war der Höhepunkt und gleichzeitig die Wende des Vietnamkrieges. Aber es sollte noch lange und qualvolle Jahre dauern, bis der Krieg zu einem Ende kam. Erst 1975 verliess der letzte Amerikaner im Helikopter Saigon. Nord- und Südvietnam wurden wiedervereinigt.

Das berühmte Bild des amerikanischen Fotografen Eddie Adams wurde in den ersten Tagen der Tet-Offensive publiziert. - Ein Schrei des Entsetzens ging durch die Oeffentlichkeit: wie konnte ein Vertreter einer mit den USA verbündeten Macht am hellheiteren Tag einen Verdächtigen, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren, auf offener Strasse exekutieren? Das Bild bestätigte, was viele bisher befürchtet hatten - Vietnam war der falsche Krieg...

London 199l - im Associated Press House nahe der legendären Fleet-Street treffen wir Horst Faas. Er ist Leiter des Fotodienstes der renommierten amerikanischen Nachrichten- und Bildagentur Associated Press (AP) und verbrachte lange Jahre als Fotograf für AP in Vietnam. Horst Faas sagt gleich zu Beginn, dass er sehr beschäftigt sei und wenig Zeit habe. Wir verbringen schliesslich fast den ganzen Nachmittag miteinander. Faas war in jenen dramatischen Tagen im Jahr 1968 Redaktor am Foto-Desk in Saigon. Schon Jahre zuvor war er für seine Vietnam-Bilder mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. Horst Faas erinnert sich detailliert an die Zeit der Tet-Offensive:
"Ich war in jenen Tagen und Wochen "desk-bound", wie man so sagt, hatte also das Pech im Büro sitzen zu müssen: anfangs Dezember war ich nämlich auf einer Patrouille verwundet worden. Ich begleitete die amerikanischen Truppen: kurz nach dem Morgengrauen um fünf oder sechs Uhr gingen wir aus einem kleinen Posten heraus, der von Vietcongs eingeschlossen war und wurden sofort unter Beschuss genommen. Unmittelbar vor mir explodierte eine Rakete. Die Splitter trafen mich in den Beinen und im Unterleib, wo ich von meinen Kameras etwas geschützt war.
Ich lag einen Monat im Spital und sollte dann zur Erholung fahren - entweder nach Europa oder Amerika." Aus der Angst heraus versetzt zu werden, entschloss er sich zu bleiben wo er war. Und dann kam Tet, das vietnamesische Neujahrsfest: "Ich blieb bis spät nachts im Büro um Bilder der vietnamesischen Neujahrsfeierlichkeiten zu übermitteln. Alles war in heiterer Feststimmung - kein Mensch ahnte, was 24 Stunden später passieren würde. Ich fuhr dann nach Hause; so um drei Uhr morgens hörte ich Maschinengewehrfeuer - irgendwie schaffte ich es, mich ins Auto zu setzen und ins Büro zu fahren. Auf der Fahrt dahin sah ich die unmöglichsten Sachen - und bald war uns klar, dass etwas ganz Grosses im Tun war. Das gipfelte an jenem Morgen in der vorübergehenden Besetzung der amerikanischen Botschaft durch Vietcong-Streitkräfte; die Botschaft war nur gerade 500 Meter von unserem Büro entfernt".
Von da an verliess er das Büro während Tagen nicht mehr: "Freiwillig und unfreiwillig war ich zum Ankerpunkt der AP Fotoaktivitäten geworden. Ich konnte nicht weg, weil meine Beine nicht mitmachten - so war es mir beispielsweise nicht einmal mehr möglich, den Generator im Keller anzustellen, und dann wieder in den vierten Stock hoch zu gehen - ich konnte nicht weg, ich wollte auch nicht mehr weg." Associated Press beschäftigte zwar nur gerade eine Handvoll festangestellter Fotoreporter - dazu kam aber ein ganzes Heer von "Freelance" Fotografen, freien Reportern, die sich einfach auf dem Büro meldeten:"Vom ersten Tag der Tet Offensive an kamen täglich hunderte von Rollen Film in unser Büro - jeder, der uns einen Film brachte, kriegte gleich einen neuen; dann wurde sein Film entwickelt, und ich habe dafür geschaut, dass wirklich jeder etwas verkaufen konnte, selbst der unbedeutendste Amateur - und jeder kriegte für sein Bild 50 Dollar, was damals eine ganz schöne Summe war. Der kam dann natürlich wieder und das Resultat davon war, dass wir eben unheimlich viele Bilder kriegten". Unter diesen freien Fotografen gab es bedeutende Männer und Frauen - und viele unbedeutende Amateure und Abenteurer.

Unter ihnen war auch ein vietnamesischer Junge, Sohn eines alten vietnamesischen Fotografen: "Dieser Junge fuhr mit einem kleinen Motorrad in die gefährlichsten Gegenden und fotografierte dort, was das Zeug hielt. Er fuhr auch hinter unseren Fotografen her und knipste dasselbe, das auch sie fotografierten. Dann raste er zurück und war häufig vor unseren eigenen Leuten im Büro - das passierte auch am Tag, als das Loan-Bild entstand. Der kleine 14-jährige war auch in der Gegend vor der An Quang Pagoda; er machte Bilder, brachte mir den Film, darauf waren Fotos zu sehen von Gefangenen, Schiessereien, Toten - aber jenes Bild brachte er natürlich nicht...das brachte dann eben unser Fotograf Eddie Adams rein. Das heisst er kam gar nicht selber, sein Film wurde uns gebracht. Eddie Adams kam erst einige Stunden später - er wollte sofort wissen, ob wir das richtige Bild übertragen hatten, dann ärgerte er sich über den vietnamesischen Jungen, der ihm auch an diesem Tag gefolgt war. Eddies Foto war auf einer Rolle, wie ich sie damals Dutzende, ja Hunderte durchzusehen hatte. Aber als ich jenes Bild zum ersten Mal sah, da spürte ich eben diesen kleinen Stich, nahm die Lupe um das Negativ genau zu betrachten und wusste: das ist es". Warum eigentlich? - "Zunächst natürlich, weil es sofort an das berühmte Bild des Fotografen Robert Capa aus dem spanischen Bürgerkrieg erinnert, das einen Mann genau in jenem Moment zeigt, wo er von einer Kugel getroffen wird". Dann kam etwas weiteres dazu - der Schütze, der die Hinrichtung ausführte, war nicht irgendein namenloser südvietnamesischer Soldat oder Offizier, sondern eine Persönlichkeit in Saigon, die jeder Journalist kannte. Der Polizeichef Nguyen Ngoc Loan, der heute ein zurückgezogenes Leben in den USA führt, war ein jovialer Typen, der die Publizität liebte und öfters Reporter in seinem Jeep mitnahm. Als Loan selber Monate später verletzt wurde, waren es die Journalisten, die ihn zur Kampfzone herausholten und ihm damit wohl das Leben retteten - es gibt ein berühmtes Bild, das zeigt, wie der australische Fotoreporter Pet Burgess den verletzten Polizeichef wegträgt. "Er war also nicht so unbeliebt, dass man ihn einfach liegen liess. Er war eine Polizeipersönlichkeit - nicht im Sinn der Himmlers auf dieser Welt, eher so, dass er ein Monster mit guten Seiten war..."

Und das das Opfer:"Das war nicht der Vietcong, wie man ihn von anderen Bildern kannte. Gewöhnlich waren die Vietkong Kämpfer ja einfach Menschen, Bauern vom Land, die sich auch danach kleideten. Dieser war anders, es war ein Stadtmensch, ein Rikscha-Fahrer, Obstverkäufer, Taxifahrer - einer jener, wie man sie eben damals täglich in der Stadt sah. Viele von uns glaubten übrigens, dass es sich bei diesem Mann um einen Doppelagenten gehandelt hatte, der gleichzeitig für den kommunistischen Norden und für Loans Polizeitruppe arbeitete".

Dass gerade dieses Pulitzer-Preis gekrönte Bild zu einem der meistpublizierten Bilder des Krieges wurde, dachte man damals nicht - andererseits waren sich die AP Leute wohl bewusst, dass ihre Bilder wichtig waren. Ihr Ziel war, jeden Tag ein AP Bild in den grossen Zeitungen zu sehen - auf der Frontseite der WASHINGTON POST oder der NEW YORK TIMES - und in unzähligen anderen grossen Zeitungen und Zeitschriften. Jeden Tag - wenn möglich mehrmals, denn damals gab es eine Morgen- und eine Abendausgabe, mindestens bei den grossen Zeitungen. Das war ein hochgestecktes Ziel. Um es zu erreichen brauchte es mehr als nur gute Fotografen, die gute Bilder schossen - die Bilder mussten auch noch um den halben Weltball übermittelt werden. Eine rasche Uebermittlung dieser Bilder war zwar schon damals möglich - aber aufwendig. Um einen Originalabzug von Saigon nach Washington, London oder Paris zu schicken rechnete man damals vier bis fünf Tage. Es blieb die Uebermittlung per Telefon - ein äusserst mühevolles und zeitraubendes Unterfangen: tragbare Satelliten-Telefone gab es natürlich in jenen Tagen noch nicht: "Man musste zuerst eine halbe Stunde oder so versuchen, Manila anzurufen - von dort aus gab es dann eine Funk-Verbindung nach Paris, die aber nur zu gewissen Zeiten offen war".

Das Saigoner AP Büro hatte ein Geheimrezept um Bilder sicher zu übermitteln: "Wir hatten in jener Zeit einen alten Vietnamesen, der hiess Tran Van Nung; der war im Postbüro und blieb während der Tet Offensive Tag und Nacht dort sitzen, er wohnte im Postbüro, er liess sich sein Essen dorthin schicken - seine Frau besuchte ihn ab und zu und brachte ihm frische Unterwäsche. Er hatte zu schauen, wann und wo eine Leitung offen war, wo wir Bilder drüber schicken konnten. Er war einer meiner wichtigsten Leute, der diese Arbeit während 15 Jahren gemacht hat. Dieser Vietnamese war genau so engagiert bei der Sache, wie unsere Fotografen draussen, und er war genau so aufgeregt wie wir; nicht nur weil es um sein eigenes Land ging, sondern auch weil er wusste, wie wichtig diese Bilder waren, die er übermittelte. Die Bedeutung der Bilder rechtfertigte manchmal auch eine kleine Bestechung. Es konnte dann schon geschehen, dass sich zum Beispiel ein japanischer Geschäftsmann wunderte, warum seine Leitung plötzlich tot war..."

Der Fotograf Eddie Adams (gestorben am 19.9.2004 im Alter von 71 Jahren) brachte nicht nur jenes Bild der Erschiessung selber - er brachte auch Bilder, die unmittelbar vor und nach dieser Hinrichtung entstanden. AP wählte eine ganze Serie von Bildern aus, die unmittelbar nach dem ersten Foto übertragen wurden - so dass die Zeitungen eine lückenlose Sequenz hatten: man sah wie dieser Mann gefangen wurde, wie US Soldaten ihn auf die Strasse führten, wie der Polizeikommandant hinzutrat, seine Waffe hob und schoss und wie sein Opfer tot auf der Strasse lag. - "Der Fotograf Eddie Adams war einer unserer besten, wenn auch einer unserer schwierigsten Männer. Adams hatte ein sicheres Gespür für Bilder und Situationen". Aber auch ein Fotograf wie Adams konnte nicht überall hingehen, wo er hingehen wollte - auch für ihn gab es bestimmte Situationen, die er instinktiv vermied, weil sie eben zu gefährlich waren. In diesen Situationen war es von entscheidender Bedeutung, dass man die vietnamesische Sprache perfekt beherrschte und beispielsweise wusste, wenn jemand rief "Keine Bilder" - ein Missverständnis hätte dem Fotografen das Leben kosten können: "Unsere vietnamesischen Fotografen waren da sehr gut. Einer von ihnen hiess Le No Kung - und er war von Tag Null bis zum Ende an jenen Orten, wo es für uns zu gefährlich war. Le No Kung hat sich jeden Tag bis ganz an die Front vorgearbeitet - auch an jenem l.Februar. Zurück im Büro ärgerte er sich furchtbar, denn er hatte alle möglichen Erschiessungen am Boden und an der Wand. Dramatische, wirklich dramatische Bilder. Er brachte uns in den Tagen nachher jeden Tag das Foto einer solchen Erschiessung. Wir brachten sie noch am Anfang, aber dann wurde auch das eintönig. Le No Kungs Bilder hatten natürlich nicht die Wirkung jenes Bildes von Eddie Adams - weil eben nicht der Saigoner Polizeichef drauf war, sondern irgendein unbekannter Schütze".

Was wusste man damals in Saigon über den Erfolg dieses Bildes, seine Wirkung? - "Wir wussten einfach, dass es ein gutes Bild war, dass viele Zeitungen es abdruckten. Dann kam unsere Zentrale und wollte tausend Sachen wissen - man hatte dort Zweifel: ist das Bild gestellt, warum hat der Fotograf das nicht verhindert? - Eine tatsächlich entscheidende Frage - wie konnte der Fotograf dortstehen, Zeuge sein, ohne einzugreifen und dem namenlosen Opfer vielleicht das Leben retten? - Horst Faas antwortet pragmatisch: "Man mischt sich eben nicht ein - wenn ich jetzt zum Beispiel in Jugoslawien wäre, ich würde mich nicht einmischen, wenn die sich gegenseitig umbringen. Man stellt sich nicht dazwischen, wenn sowas passiert. Man ist schon froh genug, dass man überhaupt da ist. Am liebsten möchte man natürlich ganz unsichtbar sein - das ist man leider nicht". Als Fotograf hat er ähnliche Situationen erlebt, als er Jahre später in Bangladesh dokumentierte, wie Kriegsgefangene völkerrechtswidrig hingerichtet wurden - mit dem Bajonett abgestochen: "Da hätte ich nichts machen können. Diese Soldaten hatten ihre Aktion so geplant und führten sie auch durch. Ich hatte mich durch meine eigene Cleverness - oder Dummheit, wie mans nimmt - in die Situation gebracht, Zeuge zu sein".

Dieser Text wurde in der Zeitschrift DAS MAGAZIN Nr. vom 30.Januar 1993 gedruckt. DAS MAGAZIN ist eine Publikation des Zürcher TAGES-ANZEIGERS und der BERNER ZEITUNG. Quelle: http://www.peshawar.ch/varia/vietnam.htm.

Tet-Offensive Saigon: Festnahme einer Vietcong-Kämpferin - Hintergrundbericht
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*Letzte Änderung: 8.10.2004 - Michael Waibel

 

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