Großer Geländekurs Vietnam

Hanoi - Hue - Hoi An - Nha Trang - HCM-City

13. März - 2. April 1999

Rückkehr ohne Heimkehr?
Die Problematik der in der DDR ausgebildeten Vietnamesen und ihre Rückführung nach Vietnam

Referent: Dennis Reiß

INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung
1. Die vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR
1.1 Die Interessen der beteiligten Seiten
1.2. Zur Situation der Vietnamesen in der DDR
2. Die Situation der Vietnamesen nach der Wende in der DDR
3. Integrationsprobleme bei der Rückkehr nach Vietnam
4. Die vietnamesische Zigarettenmafia
5. Schlußbetrachtung
Literaturverzeichnis
Presseartikel

Einleitung
Drei Gruppen von Vietnamesen sind seit den späten 70er Jahren nach Deutschland gekommen. Zuerst kamen die "Boat people", die vor allem 1978/79 von einer Reihe von Bundesländern, allen voran Niedersachsen, aufgenommen worden waren. Es waren dies Angehörige der ehemaligen Republik (Süd-)Vietnam, die mittlerweile fast alle fest in die deutsche Gesellschaft integriert sind.

Die zweite Gruppe besteht aus den ehemaligen Vertragsarbeitern der ehemaligen DDR, von denen heute noch etwa 10.000 in Deutschland leben.

Bei der dritten Gruppe handelt es sich um Asylsucher , die nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Ostblocks nach Deutschland übergesiedelt waren - meist aus der ehemaligen CSSR. Ende 1993 belief sich Zahl auf immerhin 10.000. Nur weniger als 1 % erhielten Asylstatus.

Abb. 1: Prozentualer Anteil der Vietnamesen an der Bevölkerung nach Bundesländern
Stand: 31.12.1993

Quelle: KEMPER 1997

1. Die vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR
Die Beziehungen der DDR zu Vietnam begannen schon Mitte der 50er Jahre. Der Führer des kommunistischen Nordens Ho Chi Minh suchte Unterstützung im sozialistischen Lager und akzeptierte 1955 sowjetische Hilfe und damit auch die solidarische Unterstützung der anderen "Bruderländer". So wurden seit den 50er Jahren an Hoch-, Fach- und Berufschulen der damaligen DDR Vietnamesen aus Nordvietnam ausgebildet. Nach dem Abkommen zwischen Vietnam und der DDR vom 22.10.1973 "über die Berufsausbildung und weitere Qualifizierung von Bürgern" Vietnams erhielten zwischen 1973 und 1983 ca. 10.000 vietnamesische Arbeiter eine Berufsausbildung in der DDR.

Anfang der 80er Jahre vereinbarte Vietnam mit den europäischen "Bruderländern" UDSSR, DDR, Bulgarien und CSSR eine verstärkte Arbeitskräftekooperation, auf deren Grundlage Anfang 1990 mehr als 200.000 vietnamesische Arbeitskräfte in diesen Ländern beschäftigt waren. Die rechtlichen Grundlagen für die Arbeitskräftekooperation wurde zu Beginn der 80er Jahre in bilateralen Abkommen zwischen Vietnam und den vier europäischen RGW-Ländern gelegt. Den Anfang machte das mit der DDR am 11. April 1980 unterzeichnete "Abkommen über die zeitweilige Beschäftigung und Qualifizierung vietnamesischer Werktätiger in Betrieben der Deutschen Demokratischen Republik". Die anderen drei "Bruderländer" schlossen 1981 ähnliche Verträge.

Ziele des Regierungsabkommens zwischen der DDR und Vietnam waren die Beschäftigung für vietnamesische Facharbeiter, Fach- und Hochschulkader sowie die berufliche Aus- und Weiterbildung im Rahmen der betrieblichen Erwachsenenbildung, andererseits aber auch einen Beitrag zur Erfüllung der Produktionspläne der damaligen DDR leisten.

Die Entsendung der Vietnamesen in die DDR erfolgte in zwei großen Etappen, nämlich von 1980 bis 1986 mit der Aufnahme von 12.000 Arbeitskräften und in den drei Jahren zwischen 1987 und 1989, als fünfmal so viele Arbeitskräfte entsendet wurden wie in all den sieben Jahren zuvor (s. Tab.1). Insgesamt waren bis zum Ende der DDR knapp 80.000 vietnamesische Arbeitskräfte tätig. Insbesondere die überhastete zweite Entsendung hatte Schwierigkeiten mit sich gebracht, vor allem was die Bereitstellung von Wohnraum, von Transportmitteln und die Transferierung von Geld und Gütern anbelangt.

Tab. 1: Entwicklung des Einsatzes vietnamesischer Werktätiger im Rahmen des Abkommens vom 11. April 1980
 
Jahr
Anreisen
Stand1
1980
1.540
2.482
1981
2.700
5.168
1982
4.420
9.905
1983
150
10.335
1984
330
10.040
1985
0
8.650
1986
0
7.334
1987
20.446
26.001
1988
30.552
53.197
1989
8.688
59.053
1990
48
k. A.

1Der Stand ergibt sich aus Anreisen, der Übernahme von Jungfacharbeitern und Ausreisen.

Quelle: SCHÖNMEIER 1991

Die Gastarbeiter wurden in ca. 700 großen und kleinen Betrieben in fast allen Wirtschaftszweigen der 13 Ministerien bzw. Fachbereiche eingesetzt. Sie lebten und arbeiteten in 14 Bezirken und in der damaligen Hauptstadt Berlin (Ost). Die meisten von ihnen waren jedoch in den Zentren der Industrie, z.B. in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Dresden, Leipzig, Halle, Magdeburg und Berlin, tätig. Die Aufteilung auf die Bezirke erfolgte nicht gleichmäßig. So waren beispielsweise in Chemnitz/Karl-Marx-Stadt 13.000 in Frankfurt/Oder nur 1.500 und in Rostock gar nur 1.000 tätig (s. Tab. 2). Im großen und ganzen wurde die Zahl der einzusetzenden Arbeitskräfte vom Bedarf der einzelnen Betriebe abhängig gemacht. So gab es Betriebe, in denen bis zu 1.000 Arbeitskräfte eingesetzt wurden, in anderen dagegen waren es nur 15.

Tab. 2: Vietnamesische Vertragsarbeiter in den Bezirken der ehemaligen DDR, Stand 31.12.1987
 
Bezirke Anzahl in v. H. 
Berlin
1.148
4,6
Cottbus
1.068
4,3
Dresden
3.071
12,3
Erfurt
1.524
6,1
Frankfurt
736
2,1
Gera
914
3,6
Halle
2.643
10,6
Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)
5.633
22,6
Leipzig
2.570
10,3
Magdeburg
1.645
6,6
Neubrandenburg
330
1,3
Potsdam
1.344
5,4
Rostock
480
1,9
Schwerin
449
1,8
Suhl
810
3,2

Quelle: SCHÖNMEIER 1991

1.1 Die Interessen der beteiligten Seiten
Ende der 70er Jahre war die Arbeitskräftesituation vor allem in der Textil-, Lederwaren- und metallverarbeitenden Industrie in der DDR sehr angespannt. In den befreundeten Entwicklungsländern gab es ein Überangebot an Arbeitskräften. So konnte z.B. in der Schuhfabrik Schwedt die Produktion an Kinderschuhen nur mit Hilfe von Vietnamesinnen von 600.000 Paar auf 1,6 Mio. Paar im Jahr erhöht werden. So lag es im Interesse der damaligen DDR das Abkommen mit der Sozialistischen Republik Vietnam (SRV) zu unterzeichnen. Zudem war das Abkommen für die DDR eine finanziell verkraftbare Form von Entwicklungshilfe.

Obwohl Vietnamesen in einer großen Zahl von Betrieben tätig waren, entwickelten sich mit ihrer zunehmenden Zahl einige Beschäftigungprobleme. Ein Problem lag in der "planmäßigen", auf der Grundlage zwischenstaatlicher Abkommen vorgenommenen Abwicklung dieser Zusammenarbeit. So nahm mit der zunehmenden Zahl von Vietnamesen die Zahl der Betriebe, die gezwungen waren, nicht "angeforderte" Vietnamesen zu beschäftigen, da die Kennziffern des Abkommens erfüllt werden mußten.

Für die vietnamesische Regierung stand zu Beginn die "Ausbildung für die vietnamesische Entwicklung" im Vordergrund. Dieses Ziel verlor jedoch objektiv immer mehr an Bedeutung. Denn es wurde offensichtlich, daß Vietnam nicht in der Lage sein würde, für jeden der rückkehrenden Arbeiter einen adäquaten Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Insgesamt maß die vietnamesische Partei- und Staatsführung der Arbeitskräftekooperation eine zunehmende Bedeutung bei. Der 6. Parteikongreß 1986 verstärkte mit der Forderung nach "Erweiterung der Arbeitskooperation mit dem Ausland" diese Entwicklung. Zwar war der mit der Auslandsarbeit verbundene Erwerb beruflicher Qualifikationen langfristig für Vietnam nach wie vor von Bedeutung, erhielt aber einen nachgeordneten Stellenwert. Vorrangiges Ziel nach dem 6. Parteikongreß waren nun " der Erhalt von Devisen für den Staatshaushalt, ohne wesentliche Investitionen vorzunehmen, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Verbesserung der beruflichen Fähigkeiten, Ausbildung in industriellen Arbeitsmethoden und die Erhöhung des Einkommens eines Teils der Arbeiterschaft".

In Vietnam stand dem zunehmenden Arbeitskräftebedarf in den europäischen RGW-Ländern ein großes freies Arbeitskräftepotential gegenüber. Aufgrund des hohen Bevölkerungs-zuwaches drängten immer mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt; Ende der 80er zwischen 1 und 1,5 Mio. Arbeitskräfte jährlich. Die Folge war eine ständig wachsende Arbeitslosigkeit. Daher hatte Vietnam ein großes Interesse daran, Arbeiter in die sozialistischen Bruderländer zu entsenden, um den einheimischen Arbeitsmarkt zu entlasten.

Ein wichtiges Ziel, das in den 80er Jahren wachsende Bedeutung erlangte, war der Erhalt ausländischer Währungen für den Staatshaushalt. Die wichtigste Einkommensquelle war dabei die Verpflichtung der vietnamesischen Arbeiter, einen Teil ihres Einkommens "zum Aufbau und zur Verteidigung des vietnamesischen Vaterlandes" an die Regierung in Hanoi abzuführen. Der Anteil betrug in der DDR 12% und wurde von den Betrieben sofort einbehalten, an staatliche Stellen des Aufnahmelandes abgeführt, umgerechnet und zur Bilanzierung der Außenhandelsbilanz (laufende Lieferungen oder Schuldenzahlungen) verwendet. Aus der DDR erhielt der vietnamesische Staat darüber hinaus weitere Leistungen aus Kindergeldzahlungen und Ausgleichsleistungen aus den Beiträgen der vietnamesischen Arbeiter zur Sozialversicherung.

1.2. Zur Situation der Vietnamesen in der DDR
Im einzelnen sahen die Vereinbarungen zwischen der DDR und Vietnam vor, daß die Bewerber zwischen 18 und 35 Jahre (bei Fach- und Hochschulkadern 40 Jahre) alt und bei guter Gesundheit sein mußten. Zudem wurde von vietnamesischer Seite Wert auf politische Zuverlässigkeit gelegt. Die vietnamesischen Staatsbetriebe waren mit der Durchführung der Auswahlverfahren beauftragt. Offiziell mußten die zu entsendeten Arbeitkräfte also bereits einen festen Arbeitsplatz besitzen. Dieses Auswahlverfahren bot jedoch genügend Ansatzpunkte, um mit Hilfe von Korruption und Bestechung die attraktive Auslandsarbeit zu erhalten. Aber angesichts fehlender Mittel, wurden die Bestechungsgelder vielfach nicht sofort bezahlt, sondern der entsandte Vietnamese mußte sich verpflichten, einen Teil seines zukünftigen Verdienstes (sprich der nach Vietnam mitgebrachten Waren) zur Tilgung dieser Schuld aufzubringen. Die vorzeitige Auflösung der Arbeitsverträge und die Schwierigkeiten Waren in ausreichender Menge nach Vietnam auszuführen, führte dazu, daß viele Vietnamesen nach der Rückkehr nicht in der Lage waren ihre "Gläubiger" zufriedenzustellen.

Den Vietnamesen wurden die gleichen Rechte und Pflichten eingeräumt wie den Bürgern der ehemaligen DDR. Eine grundlegende Einschränkung ergab sich aus der auf die Dauer des Arbeitsverhältnisses begrenzten Vertrags- und damit Aufenthaltsdauer der Vietnamesen, die zunächst auf 4 Jahre begrenzt war, 1987 aber auf 5 Jahre erhöht wurde. Die Pässe, die den Vietnamesen in dieser Zeit von ihrer Regierung ausgestellt wurden, berechtigten dabei nur zu einem Aufenthalt in der DDR und wurden nach Ankunft in der DDR von der vietnamesischen Botschaft eingezogen. Reisen in dritte Länder bedurften der Zustimmung der vietnamesischen Botschaft in Ost-Berlin.

Vertragspartner der vietnamesischen Arbeitskräfte waren nicht die staatlichen Organe der DDR, sondern nach der Ankunft mußten Arbeitsverträge mit dem Einsatzbetrieb abgeschlossen werden, deren Rahmen jedoch durch die Festlegungen des Regierungsabkommens vorgegeben waren. Eine vorzeitige Beendigung des Arbeitsverhältnisses bedurfte der Zustimmung beider Abkommenspartner. Das Arbeitsverhältnis konnte aber vorzeitig aufgelöst werden, wenn im Krankheitsfall "mit der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist". Diese Festlegung bildete auch die Grundlage für die inhumane Behandlung schwangerer vietnamesischer Frauen. Sie wurden vor die Alternative "Entlassung oder Abtreibung" gestellt.

Die Vietnamesen wurden in der DDR jedoch nicht als billige Arbeitskräfte mißbraucht. Da sie ihre Normen in den Betrieben mit durchschnittlich 120 bis 130 Prozent erfüllten, verdienten sie mehr als viele ihrer deutschen Kollegen. Zudem sahen die Regierungsabkommen eine Reihe von Vergünstigungen für die vietnamesischen Arbeitskräfte vor. So mußten die DDR-Betriebe folgende Zusatzkosten übernehmen:

Die vietnamesischen Arbeiter bezahlten für ihre Gemeinschaftsunterkunft nicht mehr als 30 Mark/Monat. Die Betriebe mußten jedoch mindestens 7,50 Mark/Person/Tag, das heißt ca. 225 Mark entrichten. Zum Teil mußten die Betriebe auch den Bau der entsprechenden Heime selbst finanzieren.

Die Kosten für Gruppenleiter und Sprachmittler, teilweise die der Bezirksbeauftragten.

Es war nicht die Bezahlung, die Unzufriedenheit unter den vietnamesischen Vertragsarbeitern hevorrief, sondern die allgemeinen Lebensbedingungen. So mußten die vietnamesischen Arbeitskräfte häufig die schmutzigsten und gefährlichsten Arbeiten verrichten. Eine Integration der Vertragsarbeiter wurde von Beginn an nicht angestrebt. Die Arbeitskräfte sollten nach dem Rotationsprinzip ausgetauscht werden. Daher sollte der Aufenthalt in der DDR in jedem Fall ohne Familienangehörige erfolgen. Entsprechend war auch die Unterbringung organisiert. Sie erfolgte in der Regel in gesonderten Gemeinschafts-unterkünften unter stark einschränkenden Bedingungen. So sollte jeder Wohnraum mit höchstens vier Personen belegt sein, wobei jedem Bewohner mindestens 5 m² zur Verfügung stehen mußten. Diese Form der Unterbringung bot den Behörden der DDR auch bessere Möglichkeiten, die Außenkontakte der Vietnamesen zu kontrollieren, da Kontakte zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Vietnamesen nicht gern gesehen war. Vietnamesen wurden zudem verdächtigt, Überträger ansteckender Krankheiten, insbesondere AIDS, zu sein. In der CSSR kam es sogar so weit, daß in einigen Städten den Vietnamesen die Benutzung von Badeanstalten untersagt wurde.

2. Die Situation der Vietnamesen nach der Wende in der DDR
Die mit dem Umbruch in der DDR völlig veränderte ökonomische, soziale und politische Situation hatte auch gravierende Konsequenzen für die Beschäftigung der vietnamesischen Arbeitskräfte. Die zügige Umstellung auf die Marktwirtschaft führte zur Schließung oder Umstrukturierung vieler Betriebe. Viele Arbeitskräfte, vorrangig ausländische, gingen in die Arbeitslosigkeit. Am 25.04.1990 beschloß die Regierung der DDR, unverzüglich Verhandlungen mit den vietnamesischen Abkommenspartnern aufzunehmen, die am 03.05.1990 in Vietnam begannen. Infolge der Verhandlungen kam es u. a. zu folgenden Änderungen des Regierungsabkommens:
 
 Es wurden Maßnahmen beschlossen, die sichern sollten, daß ein vietnamesischer Werktätiger für die Betriebe nicht teurer ist als ein Inländer. Das hieß u. a. Abschaffung der bezahlten Urlaubsreise sowie der Trennungsentschädigung.

Es wurden die Modalitäten von Kündigungen vietnamesischer Arbeitskräfte geregelt. Als zwingende Gründe dafür wurden u. a. Reduzierungen des Produktionspersonals aufgrund von notwendiger Erhöhung der Rentabilität des Betriebes, von Umstrukturierungen des Produktionsprofils oder im Zusammenhang mit Betriebsstillegungen genannt.

Es wurden Festlegungen für gekündigte vietnamesische Werktätige und solche, die vor Ablauf ihres Arbeitsvertrages vorzeitig aus dem Abkommen ausscheiden wollen, getroffen. Vietnamesische Werktätige haben im Falle einer vorzeitigen Kündigung durch den Betrieb die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie sofort in ihre Heimat zurückkehren oder bis zum Ablauf der vereinbarten Frist in Deutschland bleiben wollen. Entschädigungsleistungen im Falle der vorzeitigen Kündigung und unverzüglichen Rückreise nach Vietnam sind:

Von diesen Rückkehrhilfen machten viele Vertragsarbeiter Gebrauch. Bereits bis Ende November 1990 kehrten mehr als 30.000 Arbeitskräfte nach Vietnam zurück, d. h. mehr als die Hälfte der nach dem Mauerfall in der DDR noch verbliebenen Gastarbeiter. Diese massenhafte, unplanmäßige und schlecht organisierte Rückführung löste Unruhen unter den noch in Deutschland tätigen Vietnamesen aus und schuf auch zu Hause Wiedereingliederungsprobleme, vor allem aber Schwierigkeiten bei der Bereitstellung neuer Arbeitsplätze.

Nach dem Umbruch in Osteuropa stellten viele ehemalige Vertragsarbeiter auch aus der CSSR und der ehemaligen Sowjetunion einen Asylantrag in der Bundesrepublik Deutschland. Zudem stieg die illegale Einreise von Vietnamesen durch organisierte Schlepperbanden, die meist von Vietnam aus operierten, rapide an. Meist legen ganze Familien das Geld für die Schlepper zusammen, die pro Person zwischen 4.000 und 6.000 Dollar kassieren. Anschließend haben die Eingeschleusten laufend Geld nach Hause zurückzuüberweisen. Viele Vertragsarbeiter in der DDR nutzten die Wirren der Wende , um ihre Angehörigen nachzuholen.

1994 lebten ca. 95.000 Vietnamesen in der Bundesrepublik Deutschland. Davon hatten knapp 55.000 eine Aufenthaltsgenehmigung. 40.000 von ihnen hielten sich illegal in Deutschland auf. Davon sind etwa 10.000 von ihnen ehemalige Vertragsarbeiter, ca. 20.000 abgelehnte Asylbewerber und weitere 10.000 illegal Eingereiste. Der Aufenthalt von 40.000 Vietnamesen ohne Aufenthaltsgenehmigung führte 1994 zu erheblichen Spannungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Vietnam, da Vietnam kein Interesse an der Rückführung hatte. Auf Druck der Bundesrepublik Deutschland (Einstellung der Entwicklungshilfe) wurde am 13. April 1995 ein Abkommen über die Rückkehr von 40.000 Vietnamesen bis zum Jahre 2000 unterzeichnet. Die Bundesrepublik stellte 20 Mio. DM für die Unterstützung der Rückkehrer bereit. Die Hälfte des Geldes ist für Kredite vorgesehen, die den Rückkehrern beim Aufbau einer eigenen Existenz zur Verfügung gestellt werden.

Die Rückführung der rund 40.000 ausreisepflichtigen Vietnamesen sollte nach festen Quoten erfolgen (1995: 2.500, 1996: 5.000, 1997: 6.000 und 1998: 6.500). Von Vietnam sind die Verpflichtungen aber bei weitem nicht eingehalten wurden. Von den insgesamt 24.000 Personen, für die die Bundesregierung die Rückführung beantragt hat, sind bis Herbst 1998 12.900 Fälle von Hanoi anerkannt und 8330 Anträge negativ beschieden worden. Nur knapp 1000 Vietnamesen haben ihre Heimreise freiwillig angetreten, ca. 5000 sind abgeschoben worden.

3. Integrationsprobleme bei der Rückkehr nach Vietnam
Vietnam ist an der Rückführung nicht interessiert, da unter den Abzuschiebenden auch Oppositionelle sind, die nur schwer in die vietnamesische Gesellschaft eingegliedert werden können. Hinzu kommt das Hanoi finanziell von den Vietnamesen in Deutschland profitiert. Nach Schätzungen überweisen die Auslandsvietnamesen jährlich mehrere Millionen Mark Devisen in die Heimat, weit mehr, als alle Entwicklungsgelder, Darlehen und Zuschüsse der Bundesrepublik zusammen. 1995 wurden von den 40.000 Vietnamesen ohne Aufenthaltsgenehmigung etwa 30 Mio. DM nach Hause überwiesen, die aus der deutschen Sozialhilfe, aus legalen Erwerbsquellen oder aber aus kriminellen Einkünften stammten. Viele Vietnamesen unterstützen ihre Familien in der Heimat finanziell und wurden oft nur deshalb nach Deutschland geschickt. Dadurch stehen sie unter enorm hohen Druck und haben bei der Rückkehr oft Angst als "Versager" dazustehen.

Zudem sind die Rückkehrer auf dem ohnehin sehr angespannten Arbeitsmarkt nicht unterzubringen. 1.253 freiwillige Rückkehrer aus Deutschland haben bis Ende 1998 von dem Existenzgründungsdarlehen Gebrauch gemacht. Sie haben durch dieses Förderprogramm einen Neuanfang geschafft und sich eine Existenzgrundlage geschaffen, oftmals in den Berufen, in denen sie in der ehemaligen DDR als Vertragsarbeiter ausgebildet wurden.
   

4. Die vietnamesische Zigarettenmafia
Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Umstellung auf die Marktwirtschaft entließen die Betriebe zumeist erst die Vietnamesen. Dadurch fiel es organisierten vietnamesischen Banden leicht ihre Landsleute als Straßenhändler für den illegalen Zigarettenverkauf einzuspannen. Die ehemaligen Vertragsarbeiter zählten jedoch nur selten zum harten Kern der Zigarettenmafia. Die besonders Gewalttätigen unter den Vietnamesen sind erst nach der Wende in die Bundesrepublik eingereist. Die kleinen Händler waren eine Art Leibeigene der Mafia. Machten sie nicht mit, konnten sie das entweder mit dem Leben bezahlen - oder aber mit dem Leben ihrer Angehörigen zu Hause in Vietnam. Allein in Berlin boten 1995 etwa 10.000 Straßenhändler zollfreie Zigaretten an. Gut organisierte Banden verdienten rund 750 Millionen Mark jährlich. Um ihre Organisation zu finanzieren, erpressten die Banden zudem Schutzgelder von Zigarettenverkäufern, Restaurantbesitzern und Textilhändlern. So kam es 1992 zu Verteilungskämpfen zwischen rivalisierenden vietnamesischen Banden. Der Streit um die rund 1.200 lukrativen Schwarzhändler-Standplätze spielte sich ursprünglich zwischen der nordvietnamesischen Ngoc-Thien- und der zentralvietnamesischen Quang-Binh-Bande ab. Begonnen hatte der Bandenkrieg am 6.Dezember 1992, als die damals noch weitgehend unbekannte Gruppierung aus Zentralvietnam auf einem Parkplatz in Marzahn einen Nordvietnamesen erschoß, der zu der bis dahin marktbeherrschenden Ngoc Tien gehört hatte. Der Vorfall führte dazu, daß die aggressiven Zentralvietnamesen fortan immer mehr den Berliner Markt unter Kontrolle bekamen. Aber auch unter ihnen kam es in der Folge wieder zu Auseinandersetzungen, die bis Ende 1996 92 Menschen das Leben kostete. Zum Jahreswechsel 1996/97 gelang es der Polizei jedoch die Chefs der großen Banden festzunehmen und die vietnamesische Zigarettenmafia zu zerschlagen.

Schlußbetrachtung
In Vietnam sprechen rund 120.000 Vietnamesen, von denen viele in der DDR gearbeitet und studiert haben, deutsch. So stellte sich bei einer TV-Umfrage in Hanoi nach den Französischkenntnissen der Vietnamesen heraus, daß von zehn Befragten keiner Französisch sprach, statt dessen aber vier von zehn deutsch.

Die deutschsprachigen Vietnamesen sind auch für die deutsche Wirtschaft durchaus von Interesse. "Viele wären wegen ihrer Deutschkenntnisse ein unschätzbares Potential für deutsche Investoren in Vietnam", so Heiko Fähnel, der das Rückkehrer-Programm für die Deutsche Ausgleichsbank in Hanoi koordiniert.

Literaturverzeichnis
FRITSCHE, K. (1991): Vietnamesische Gastarbeiter in den europäischen RGW-Ländern. In: Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, 6-1991, Köln.
HÄNEL, M. (1994): Vietnamesen aus der DDR - ein Opfer der Wende? In: Praxis Geographie 4/1994, S. 28-30.
KEMPER, F.-J. (1997): Ausländer in Deutschland. In: Geographische Rundschau 49, H. 7-8, S. 392-398.
SCHMALZ-JACOBSEN, C. & G. HANSEN (Hrsg.) (1995): Ethnische Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Lexikon. München.
SCHÖNMEIER, H. W. (Hrsg.) (1991): Prüfung der Möglichkeiten eines Fachkräfteprogramms Vietnam. In: Sozialwissenschaftliche Studien zu internationalen Problemen, Band 166, Saarbrücken - Fort Lauderdale. SÜDOSTASIEN aktuell September 1998.
SÜDOSTASIEN aktuell Januar 1997.
SÜDOSTASIEN aktuell November 1996.
SÜDOSTASIEN aktuell Juli 1996.
SÜDOSTASIEN aktuell Januar 1996.
SÜDOSTASIEN aktuell Mai 1995.

Presseartikel
Plan verfehlt. In: Der Spiegel 38/1989, S.12.
Organisierte Flucht. In: Der Spiegel 52/1989, S. 15.
Lächeln zum Abflug. In: Der Spiegel 41/1990, S. 77-80.
Vietnam verzögert Rückführung . In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.10.98.
Hürden vor der Heimkehr nach Vietnam. In: Süddeutsche Zeitung vom 23.07.98, S. 8.

 


* Letzte Änderung: 23.4.2005 - M.Waibel

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