Großer Geländekurs Vietnam

Hanoi - Hue - Hoi An - Nha Trang - HCM-City

13. März - 2. April 1999


Religion und Geisteshaltung in Vietnam: Grundlagen und Wandel

Referentin: Kristina Laue

INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung

1. Glaubensgemeinschaften in Vietnam

1.1. Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus als die in Vietnam vorherrschenden Glaubensrichtungen

1.1.1. Konfuzianismus

1.1.2. Buddhismus

1.1.3. Daoismus

1.2. Andere Religionen und wichtige Sekten

1.2.1. Der Katholizismus

1.2.2. Islam und Hinduismus

1.2.3. Cao Daismus und die Hoa Hao Sekte

1.3. Animismus und Ahnenkult

2. Wertesysteme, Politik und Gesellschaft

2.1. Unterschiede in den Wertesystemen Nord- und Südvietnams

2.2. Die "Buddhist crises" - Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Buddhisten

2.3. Auswirkungen des konfuzianischen Denkens auf die vietnamesische Wirtschaft

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung
Die Glaubenrichtungen in Vietnam sind im Verlauf der Jahrhunderte ständig Gegenstand politischer und sozio-kultureller Prozesse und kontinuerlichen Wandels gewesen.
Faktoren waren hier die wechselnde politische Herrschaft, unter der Vietnam stand, Missionstätigkeit anderer Religionen, Einflüsse der angrenzenden Staaten und Kulturen, sowie die Mentalität der Vietnamesen, die mitbestimmte, welche Glaubensrichtung ihren Bedürfnissen entsprach.
Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus sind die Religionen bzw. Wertesysteme, die die Denkweise der Vietnamesen im privaten wie im öffentlichen Bereich grundlegend bestimmt haben. Sie stehen in Beziehung zueinander und haben im Laufe der Zeit Elemente voneinander übernommen.

Mit dem Christentum kam eine westliche Religion nach Vietnam. Der Katholizismus hat seinen Einfluß in Vietnam geltend machen können und die politische Landschaft im 20. Jahrhundert mitgeprägt.

Politsch aktiv waren auch einige Sekten in Vietnam wie die Cao Dai und die Hoa Hao Sekte.

Einige Verflechtungen von Religion bzw. Wertesystem und Politik/Wirtschaft sind auffallend und werden im weiteren behandelt:

· In Nord- und Südvietnam haben sich in Folge naturräumlicher Begebenheiten und politischer Entscheidungen verschiedene Wertesysteme innerhalb Vietnam entwickelt.

· Im 20. Jahrhundert führte die Behandlung der Buddhisten und Katholiken im politischen Leben zur "Buddhist crises".

· Die stark ausgeprägte konfuzianische Denkweise und ihre "ökonomischen Tugenden" machen sich in der Wirtschaft bemerkbar und sind im günstigen Fall förderlich für eine positive Wirtschaftsentwicklung.

1.1. Glaubensgemeinschaften in Vietnam
Die Beschreibung der Religionen Vietnams in Nachschlagebänden zeigt, wie sehr die verschiedenen Glaubensrichtungen miteinander verknüpft sind, und daß sich genaue Angaben über die Anhängerschaft nur schwer machen lassen:

"..in der Mehrheit Anhänger einer von Buddhismus und Taoismus überlagerten animistischen Naturreligion; zahlreiche buddhistische Sekten und andere religiöse Sondergemeinschaften [...]; insgesamt rund 2,5 Mio Katholiken" (aus Brockhaus Lexikonredaktion 1988:214).

® Schwerpunkt liegt auf Naturreligion

"Die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zum Mahajana-Buddhismus (am häufigsten unter den älteren Vietnamesen verbreitet), Taoismus, Konfuzianismus oder zu Naturreligionen. Es gibt Minderheiten von Christen, meist Anhänger der röm.-katholischen Kirche im Süden, der protestantischen Kirche im Norden, von Moslems und Hindus," (aus Statistisches Bundesamt 1993:35)

® hier wird möglicherweise ein Wandel in den Wertvorstellungen angedeutet;

"Buddh. (55,3%J), kath. (7,0%), mosl. (1,0%)" (aus Harenberg 1994:562)
® konfuzianische und daoistische Einflüsse werden hier nicht genannt, da nur die drei größten Religionen aufgelistet werden, es sich bei Konfuzianismus und Daoismus aber nicht um Religionen sondern um Wertesysteme oder auch Moralphilosophien handelt.

Collier's Encyclopedia formuliert dazu recht passend:

"Nearly all religions in Vietnam include some forms of ancestor veneration and animism, but these are the only universal aspects of Vietnamese (and highlander) religious practices. Although most people profess one of the numerous forms of Mahayana Buddhism, Buddhist religious practice generally includes aspects of Confucianism and Taoism as well. There is a Roman Catholic minority that is powerful in South Vietnam, and the Hoa Hao and Cao Dai religions..." (Halsley 1969) ® einige Aspekte haben sich seither verändert, aber diese Definition zeigt, wie breit gefächert die Glaubensrichtungen der Vietnamesen sind und daß sie ineinander übergreifen.

Hierfür sind verschiedenste Einflüsse verantwortlich, die sowohl politischen, sozio-kulturellen Ursprungs sind, als auch mit denjenigen Kulturen im Zusammenhang steht, unter deren Einfluß Vietnam stand bzw. heute steht.

Im Folgenden sollen diese Kurzdefinitionen ausgeführt und die vorhandenen Glaubensrichtungen beschrieben werden. Dabei werde ich mich zunächst auf die sich ineinander verzweigenden Glaubensrichtungen des Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus konzentrieren, die gemeinsam den Hauptstrom bilden und später auf das Christentum - geschichtlich ebenfalls von großer Bedeutung - und letztendlich andere Religionsgemeinschaften eingehen.

1.1. Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus als die in Vietnam vorherrschenden Glaubensrichtungen
Der Leser ist gebeten, bei der Lektüre der folgenden Abschnitte besonders auf folgende Aspekte zu achten:
 

· Zu verschiedenen Zeiten in Vietnams Geschichte wechselten sich die Glaubensgemeinschaften in ihrer Bedeutsamkeit ab, herrschten aber nie völlig unabhängig voneinander vor.
· Die Glaubensrichtungen haben jeweils Aspekte der anderen übernommen und in ihre Wertvorstellungen integriert. Es kam so zu einer Verschmelzung - wenn auch nur in einigen Bereichen.
· Die Angehörigkeit zu einer Glaubensrichtung schließt die Identifikation mit einer anderen nicht unbedingt aus.
· Der Ahnenkult und der Animismus sind Teil sowohl des Konfuzianismus und Daoismus als auch des Buddhismus.


1.1.1 Konfuzianismus
Der Konfuzianismus ist vor allem seit Ende der chinesischen Herrschaft in Vietnam im zehnten Jahrhundert ein wichtiges Element der vietnamesischen Gesellschaft und hat sie nachhaltig - und in erster Linie konservativ - geprägt. Eingeführt wurde er von chinesischen Administratoren und entwickelte sich nach und nach zum Fundament vieler Bereiche der vietnamesischen Gesellschaft, wie u.a. der Weltanschauung, dem Bildungssystem und der ethischen Vorstellungen.

Beim Konfuzianismus handelt es sich eher um

"a set of ethics for social behavior than a religion [..and..] it strongly influenced governmental practices and social class relationships [in Vietnam] (nach Halsley 1969:131A). Gemeinsam mit den Glaubensrichtungen des Buddhismus und des Daoismus (die sogenannten "three doctrines", Duiker 1998:54) bestimmte der Konfuzianismus die Geisteshaltung vor allem des Beamtentums: With the restauration of independence in the 10th century, the state provided official sponsorship to all three systems. Students studying for the civil service examinations were expected to master key classical works of the "three teachings" (Duiker 1998:213) Seit dem 15. Jahrhundert hat der Konfuzianismus in diesem Bereich die Führungsposition übernommen: Der Konfuzianismus wurde durch die Eingangsprüfungen, die ein profundes Wissen über und Befassen mit den Wertvorstellungen des Konfuzianismus voraussetzte, in der gesamten gebildeten Schicht Vietnams und durch das weite Teile der Bevölkerung umfassende Bildungssystem verbreitet.

Darüber, wie sehr die Bedeutung auf die oberen Klassen beschränkt blieb oder sich wirklich in dörflichen Gegenden durchsetzen konnte, wird heute gestritten. Das konfuzianische Bildungssystem und die Beamtenprüfungen wurden erst 1915 abgesetzt. Bis zu dem Zeitpunkt waren die Texte und die Philosophie des Konfuzianismus Grundlage des vietnamesischen Erziehungswesens.

Während der Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert kamen vielseitige Wertvorstellungen nicht-chinesischen Ursprungs nach Vietnam und machten dem Konfuzianismus seinen Platz als dominierender Einfluß auf Staat und Gesellschaft strittig.

Da sich der Ideenkomplex, mit dem sich der Konfuzianismus beschäftigte, sozial und politisch sehr leicht benutzen läßt, hat er sich gegenüber dem Daoismus und dem Buddhismus immer wieder durchsetzen können (ohne sich diese dabei unterzuordnen) (nach Pye 1990a:59). Auch hat der Konfuzianismus Elemente der beiden anderen übernommen und wird (seitdem) häufig als Metakonfuzianismus bezeichnet (vgl. Hattstein 1997:47).

Wegen seiner starken Hierarchisierung sowohl des öffentlichen als auch des privaten Lebens wurde der Konfuzianismus von vielen revolutionären Bewegungen (einschließlich des Kommunismus) bekämpft.

Dennoch kommt er im 20. Jahrhundert vor allem den Beziehungen von Individuen innerhalb ihrer sozialen Rollen zugute (siehe 3.3).

Grundlage der konfuzianischen Philosophie ist die Sozialethik, deren Beachtung für ein gesundes Gemeinwesen absolute Voraussetzung ist. Die patriarchische Familie ist die Basis eines funktionierenden Staatswesens. Innerhalb dieser Familie gelten strikte Hierarchien wie Alter vor Jugend, Familie vor Individuum und Mann vor Frau. In Vietnam, einem Land, in dem Ahnenverehrung eine zentrale Rolle spielt, fallen diese Grundsätze auf äußerst fruchtbaren Boden.

Die konfuzianische Soziallehre beinhaltet die fünf Grundtugenden, die gemeinsam "Menschlichkeit" ausmachen: Würde, Weitherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Eifer und Güte. Da der Mensch von Natur aus gut ist, ist die Erziehung zu Tugend und Harmonie oberstes Gebot. Daß "die Aufrichtigkeit [...] mit einem Streben nach persönlicher Vervollkommnung einher[geht]" (Hattstein 1997:47), ermutigt den Anhänger des Konfuzianismus, im wirtschaftlichen Leben aktiv zu sein und durch Eifer Gewinn zu erziehen - vorausgesetzt, andere Tugenden werden dabei nicht verletzt (siehe hierzu Abschnitt 3.3).

Der Ahnenkult sorgt für die Heiligung der "Vergangenheit in der Gegenwart", und der Konfuzianismus ist insgesamt sehr auf die Wertesysteme der Vergangenheit bedacht, was nicht nur für eine konservative Grundstimmung sorgt, sondern zusammen mit einem ausgeprägten Leistungsdenken, das durch Erfolge und persönliches Aufstreben belohnt wird, den Schwerpunkt des Seins auf das Diesseits festlegt (gegensätzlich zum Buddhismus).

Dem entspricht, daß die Lehre des Konfuzianismus keine Aussagen über das Jenseits oder ein Leben nach dem Tod macht.

Der Mensch wurde später, beim oben erwähnten Metakonfuzianismus, gedacht als Kampfplatz guter und böser Kräfte, die als das immaterielle (gute) und materielle (teils gute, teils böse) Prinzip verstanden wurden; er besteht demzufolge aus Materie und Vernunft (nach Hattstein 1997:47).

1.1.2 Buddhismus
Der Buddhismus wird als eine der Hauptreligionen Vietnams bezeichnet, als eine der Religionen der "Großen Tradition", welche zu Beginn der christlichen Zeitrechnung sowohl über den Land- als auch den Seeweg nach Vietnam gelangte. Dies geschah zunächst vor allem durch indische Missionare auf dem Weg ins chinesische Reich, später auch durch buddhistische Missionare aus China.
Zu Anfang war die Religion des Buddhismus lediglich auf die geistliche und politische Führungsschicht beschränkt, entwickelte sich allerdings in den nächsten Jahrhunderten unter tausendjähriger chinesischer Herrschaft zur dominierenden Religion der vietnamesischen Gesellschaft (nach Duiker 1998:32). Ihren Höhepunkt erreichte die Bedeutung des Buddhismus nach Ende der chinesischen Herrschaft, als die vietnamesischen Monarchen den buddhistischen Glauben im 10. Jahrhundert zur offiziellen Religion Vietnams erhoben.

Seit Beginn des 15. Jahrhunderts wurde der Buddhismus von den Anhängern des Konfuzianismus als ein primitiver Glaube bezeichnet und nach und nach in der Aristokratie Vietnams durch eine konfuzianische Denkweise ersetzt (nach Halsley 1969:131A), während der Buddhismus beim Volk weiterhin beliebt war. In dieser Zeit übernahm der Buddhismus Elemente sowohl von Konfuzianismus als auch Daoismus, so daß es zu einer beginnenden Verschmelzung der drei kam.

Im 20. Jahrhundert lebte der Buddhismus für kurze Zeit unter den Intellektuellen wieder auf, wurde aber unter der Diem-Herrschaft im Süden Vietnams stark unterdrückt, und es kam zur "Buddhist Crises" (siehe dazu Abschnitt 3.2).

Nach der Wiedervereinigung 1975 wurden viele buddhistische Mönche inhaftiert - darunter viele, die aktiv Widerstand gegen die südvietnamesische Regierung und den Krieg geleistet hatten - und in Umerziehungslager gebracht. In den letzten Jahren sind viele Beschränkungen aufgehoben worden.

Auch wenn sich nach Harenberg (1995) circa 55,3% der vietnamesischen Bevölkerung heute zum buddhistischen Glauben bekennen, darf die Bedeutung des Buddhismus in Vietnam nicht zu hoch bewertet werden. Als Verdeutlichung möchte ich wiederholen, daß der Buddhismus in Vietnam sehr häufig in direktem Zusammenhang mit Konfuzianismus und Daoismus steht und behandelt wird und von den beiden Wertesystemen viele Elemente übernommen und sich dadurch weiterentwickelt hat.

Die Zugehörigkeit zu einer Religion in Vietnam schließt im Gegensatz zum westlichen Religionsverständnis nicht zwangsläufig den Glauben an andere Wertesysteme aus (siehe Abschnitt 2.3 und bei Storey 1998:138).

Der in Vietnam praktizierte Buddhismus unterscheidet sich dadurch von dem in China stark.
Im Gegensatz zu den beiden anderen genannten Glaubensrichtungen handelt es sich beim Buddhismus um eine anerkannte Religion, deren Erschaffer die Person Buddhas war.
Da er selbst keine Schriften hinterließ, wurde seine Lehre in den folgenden Jahrhunderten von seinen Anhängern schriftlich niedergelegt.

Die Lehre Buddhas wird in vier Wahrheiten zusammengefaßt, die sich mit dem Leiden und der Beendigung des Leidens befassen, so daß im Mittelpunkt der Lehre die Idee der Befreiung aus dem andauernden Prozeß von Geburt, Tod und weiterer Geburt (nach Pye 1990a:60) steht. Dieses Leiden kann nur beendet werden, wenn sich der Gläubige durch gute Taten auszeichnet und kein "karma" (Summe aller begangenen Sünden eines Buddhisten) mehr produziert. Relevant hierbei ist für unsere Betrachtung, daß diese guten Taten (z.B. die Unterstützung von Mönchsfeiern u.ä.) zwar der "Rettung" des Einzelnen zugute kommen können, nicht aber dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes (siehe Absatz 3.3). Dazu gehört auch, daß jegliches Gewinnstreben als egoistisch betrachtet wird, weil es die Begierde und dabei die Produktion des "karma" erhöht. Dadurch würde der Buddhist sich weiter von der Erlösung im Jenseits entfernen. Die Welt des Buddhisten ist sehr auf jenseitiges Glück bedacht und fördert nicht, wie z.B. der Konfuzianismus, den Versuch, im diesseits durch Fleiß und Leistung Erfolge zu erzielen.
In Vietnam setzte sich der Mahayana-Buddhismus durch, bei dem der gesamten Welt zur Erlösung geholfen werden soll und die guten Taten des einen auf andere Menschen übertragen werden können. Hier ist der Buddhismus nicht mehr einer kleinen Schar von Mönchen vorbehalten, sondern kann von allen Anhängern praktiziert werden.

Die Betonung beim Mahayana-Buddhismus liegt auf der Tatsache, daß nicht nur einzelne Weise und Heilige zur Erlösung prädestiniert sind, sondern fast alle Wesen, weswegen es wichtig ist, für die Erlösung aller Sorge zu tragen.

Dieser Zweig des Buddhismus hat wiederum Zugeständnisse an andere Wertsysteme, vor allem, wie oben genannt, Konfuzianismus und Taoismus, gemacht:

"Der Buddhismus übernahm nach seinem Aufkommen in China vieles von den früheren chinesischen Religionsformen, so zum Beispiel den Ahnen- und Totenkult oder den Staats- und Kaiserkult, die alle nicht zu seinem ursprünglichen Bestand gehören" (Hattstein 1997:47).

1.1.3 Daoismus (oder auch Taoismus)
Wie auch der Konfuzianismus stammt der daoistische Denkansatz aus China. Der Daoismus begann als eine Art mystischer Philosophie, die betonte, daß es wichtig sei, natürlich und spontan zu sein und in Einheit mit dem Tao, dem einzigen Prinzip der Wirklichkeit, zu leben (Clarke 1992:182).
Dieses übergeordnete Prinzip wird durch die gegensätzlichen Prinzipien yin und yang gebildet, die in Einklang gebracht werden müssen. Jenes kann nur auf dem Weg der Passivität und des Verzichts auf weltlichen Einfluß geschehen (deutliche Abgrenzung vom Prinzip des Konfuzianismus, vergleiche Abschnitt 3.3 und bei Barkemeier 1998).

Für kurze Zeit florierte der Daoismus als eine Alternativphilosophie zum Konfuzianismus. Die daoistische Lehre hat sich jedoch bei dem Großteil der Bevölkerung nicht durchsetzen können und war auf eine kleine Elite beschränkt. Schließlich degenerierte der Daoismus mit seiner ausgeprägten Ahnenverehrung und seinem Kultwesen zu einer "popular religion" (Duiker 1998:231).

Das Zauberwesen spielt bei diesem populären Daoismus, "der mehr religiös und magisch als philosophisch ausgerichtet ist" (Hattstein 1997: 44) mit Wahrsagerei, Wunderelixieren und Dämonenbeschwörung eine große Rolle.

Während der Ly und Tran Herrschaft stand der Daoismus auf gleicher Rangstufe wie Konfuzianismus und Buddhismus als eine der "drei Religionen", die die Anwärter auf die Beamtenlaufbahn zu meistern hatten, mußte sich aber später unter der Le-Herrschaft ähnlich dem Buddhismus dem Konfuzianismus unterordnen.

Elemente des Daoismus flossen in den Buddhismus ein (z.B die enge Beziehung zur Natur), so daß ein Glaubensgeflecht aus Buddhismus, Daoismus und Elementen der konfuzianischen Ethik entstand. Dazu schreibt Hattstein (1997:44):

"Doch ist der Anspruch des Taoismus dem des Konfuzianismus ähnlich: Sein Ideal ist nicht nur die Weisheit des einzelnen, sondern er sieht seinen Weg ebenfalls im Dienste der sittlichen Erneuerung der Gemeinschaft, des Staates und letztlich der Welt." Aber: "Das politische Ideal des Taoismus besteht (dem Konfuzianismus entgegengesetzt) in einer Skepsis gegen alles politische Handeln." Hierdurch wird deutlich, daß die Glaubensgemeinschaften weder klar voneinander abgrenzbar sind, noch sich in allen Elementen unterscheiden oder gleichen.

Die Anhängerschaft des Daoismus ist kleiner als die des Buddhismus oder des Konfuzianismus. Nach Bachem (1993:829) bekannten sich 1993 ca. 8% zum Daoismus (im Vergleich zu 55% Buddhisten) - möglicherweise vermischt mit Werten aus anderen Glaubensrichtungen ([Daoismus].."eine Religion, die sich in den Augen des Volkes vom Buddhismus kaum unterschied......und die als eine Art subjektiv-persönliche Ergänzung zum Konfuzianismus verstanden werden kann;" aus Pye 1990b:65).

1.2 Andere Religionen und wichtige Sekten
1.2.1. Der Katholizismus
Die Ankunft des Katholizismus ist mit der Kolonialisierung einhergegangen. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts missionierten in Vietnam zunächst portugiesische, bald danach italienische und französische Jesuiten. Im Gegensatz zu ihren Konkurrenten legten die Franzosen großen Wert auf Verknüpfung von religiösen und politischen Interessen. Zu Beginn blieb die Missionierung relativ erfolglos, was vor allem auf das Mißtrauen der konfuzianischen Machthaber zurückzuführen ist. Dem Mißtrauen folgten konfuzianisch-moralische Ermahnungen an die Bevölkerung und seit 1665 schließlich systematische Christenverfolgungen.

Dies war den Franzosen ein willkommener Anlaß, um in Vietnam zu intervenieren und ihre Macht auszubauen. Dieser mußte sich die vietnamesische Seite schließlich und nach langem Widerstand beugen und die Forderung nach "Zusicherung der freien und ungehinderten Missionierung in Vietnam" (Großheim 1997:85) neben anderen Ansprüchen akzeptieren.

Dennoch ging die Missionstätigkeit recht erfolgreich weiter und erhielt unter der 83jährigen Kolonialherrschaft Frankreichs (1862-1945) neuen Auftrieb (nach Weggel 1990b: 167).

Nach der Genfer Konferenz wanderten 800 000 Katholiken (denen sich fast 100 000 Nichtkatholiken anschlossen) aus Angst vor der kommunistischen Herrschaft (Duiker 1998:44) als Flüchtlinge in den Süden und verlagerten damit das Schwergewicht des katholischen Bevölkerungsanteils dorthin.

Sie nahmen im Süden führende Positionen in der Politik ein und waren auch im Universitätsbereich überrepräsentiert.

Durch ihre Loyalität der Saigoner Regierung gegenüber wurden sie zur Stütze dieser, was

"den Widerstand der Buddhisten, die sich in der Beteiligung am öffentlichen Leben und an den Mitteln des Staatshaushaltes benachteiligt fühlten, aus dem religiösen Bereich in die politischen Auseinandersetzungen übertrug!" (Uhlig 1988:382). In den folgenden Jahren begannen heftige Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Religionen (v.a. der prokatholischen Regierung und den buddhistischen Gläubigen), die in der "Buddhist crisis" in Abschnitt 3.2 näher behandelt werden sollen.

Je stärker sich der Katholizismus zur "Bastion des Antikommunismus" (Weggel 1990b:168) entwickelte, desto mehr Unterstützung bekam er vom Westen, vor allem den USA.

Durch die Machtübernahme durch die Kommunisten war 1975 der hohe Stellenwert des Katholizismus in Vietnam beendet, da sich der Kommunismus von einem westlichen Kulturimperialismus bedroht fühlte. Einflußreiche Katholiken verloren ihre Stellungen und Kirchen wurden geschlossen. Die Katholiken, die sich nicht mit den Kommunisten arrangieren konnten oder wollten, flohen nach Europa oder Amerika.

Heute leben in Vietnam ca. 8 Millionen Christen (von denen nur ein geringer Teil Protestanten sind, die sich hauptsächlich auf die Bergvölker verteilen und von der Regierung heute weitestgehend ignoriert werden), die rund ein Zehntel der Bevölkerung ausmachen und folglich die größte Glaubensgemeinschaft neben dem Buddhismus darstellen. Allerdings sind viele Kirchen verkommen und das Geld zur Restauration fehlt, so daß die Durchführung von Gottesdiensten behindert ist.

Noch dazu scheint die vietnamesische Regierung den Katholiken weiterhin mit Skepsis zu begegnen.

So war - wie in Südostasien Aktuell (Institut für Asienkunde Hamburg 1998:104) berichtet wird - am 11. Oktober 1997 ein Schreiben der katholischen Bischöfe an den Ministerpräsidenten Phan Van Khai gerichtet worden, in dem sie um Erlaubnis baten, ein kirchliches Vierteljahresmagazin herausgeben und die Zahl der Seminaristen

(junge Priester, die nach ihrer Ausbildung in Gemeinden eingesetzt werden möchten) erhöhen zu dürfen. Diese und noch andere Bitten sind - mit einigen Monaten Verzögerung - komplett abgelehnt worden.

Seitdem scheint sich die Haltung der Regierung den Religionsgemeinschaften gegenüber etwas gebessert zu haben.

In einem Bericht der dpa in der Lingener Tagespost vom 5. September 1998 schreibt Ken Stier:

"Nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch die kommunistischen Machthaber wagen Vietnams Katholiken wieder, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen. Das bisher sichtbarste Zeichen dieser Veränderung war ein dreitägiges Fest, das Mitte August in einem kleinen Ort in Zentralvietnam veranstaltet wurde." Unterschwellig hatte die Regierung allerdings versucht, die Veranstaltung zu behindern, indem sie Gerüchte in die Welt setzte, das Austragungsgelände sei nicht gesichert und es bestehe die Möglichkeit, daß sich dort vergrabene Kriegsbomben befänden. Obwohl sich viele Katholiken von den Gerüchten abschrecken ließen, zählte das Fest ca. 100 000 Teilnehmer und wurde zum größten Ereignis, das die katholische Kirche in Vietnam je organisiert hatte. Daß die einzige Kirche in der Feststadt eine Ruine ist und es noch keine offizielle Genehmigung gibt, eine neue zu bauen, deutet darauf hin, daß die katholische Kirche nach wie vor nicht voll von der Regierung akzeptiert wird. Davon zeugen auch die Zulassungsbeschränkungen für diejenigen Gläubigen, die sich zum Priester ausbilden lassen wollen. Laut Chan Tin, einem Priester, der sich zu dieser Frage äußerte, "will [die Regierung] immer noch die Zahl der Katholiken begrenzen. Also versucht die Kommunistische Partei die Zahl der Priester zu beschränken. Sie fürchtet sich vor unserem Einfluß."
 
1.2.2 Islam und Hinduismus
Der Islam kam an der Wende der Neuzeit, vermittelt von arabischen und indischen Seehändlern nach Südostasien, hat sich aber im durch die chinesische Traditionen beeinflußten Vietnam nicht durchsetzen können und blieb auf eine Minderheit beschränkt. Nach Harenberg (1994:562) bekennen sich 1% der Bevölkerung Vietnams zum Islam.

Cham-Mönche hatten für die Verbreitung von Buddhismus und Hinduismus gesorgt, waren allerdings im 10./11. Jahrhundert zum Islam übergetreten (nach Weggel 1990b:166) und machen einen Teil der moslemischen Bevölkerung aus.

Der Hinduismus findet sich seitdem nur in einigen brahmanischen Riten wieder, die von den Cham Moslems praktiziert werden.

Zu den Mönchen kamen die Chamflüchtlinge, die nach Zerstörung ihres Königreiches nach Kambodscha geflohen waren. Den in Vietnam gebliebenen Cham ist es nicht gelungen, die moslemische Theologie in Vietnam zu verbreiten. Sie bekennen sich trotz eingeschränkter Kenntnisse über moslemische Theologie und deren Gesetze zum Islam und haben die Riten der Religion abgewandelt (z.B. beten die Cham nur freitags fünfmal, und der Ramadan dauert nur drei Tage; nach Storey 1998:144).
 

1.2.3 Cao-Daismus und die Hoa Hao Sekte
Innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte haben sich im Mekong Delta verschiedene religiöse Vereinigungen gebildet, die in der Anfangsphase des Vietnamkriegs eine Rolle gespielt (Hickey 1964:55) und damit in das politische Geschehen Vietnams eingewirkt haben.

Der Cao-Daismus, gegründet 1919 und im Mekong Delta weit verbreitet, versteht sich als eine Synthese aus Christentum, Buddhismus, Taoismus und anderen Religionen (Weggel 1990b:232) und versucht, "durch die Verknüpfung von weltlichen und religiösen Philosophien aus Ost und West eine ideale Religion zu schaffen" (Storey 1998:142).

Die Sekte richtete nach ihrer Gründung ihren Blick bald in Richtung Politik, und gehörte - wie auch die Hoa Hao - zu denen, die in der Frühphase des Vietnamkriegs mit bewaffneten Kräften einer Privatarmee ins Kriegsgeschehen eingriffen. Sie wurden dabei nacheinander von den Japanern, den Viet Minh und den Franzosen finanziell unterstützt, bevor ihre militärischen Kräfte nach verlustreichen Kampfhandlungen 1955/56 durch das südvietnamesische Regime Diems aufgelöst wurden (nach Uhlig 1988:383 und Storey 1998:142). Es bekennen sich heute noch ca. 2 Millionen Vietnamesen zur Cao Dai (Pollock 1995:53).

Die Hoa Hao Sekte wurde 1939 im Süden Vietnams gegründet und verstand sich als ein "reformierter" (Storey 1998:143) bzw. ein "protestantisierter" Buddhismus (Halsley 1969:131A). Wie auch der Cao Daismus wandte sich die Hoa Hao kurz nach ihrer Gründung der Politik zu und baute eine eigene Privatarmee auf. Sie kollaborierte abwechselnd mit den Japanern und den Viet Minh, der Großteil unterstützte die Franzosen. Aus diesem Grund wurde ihr Anführer Huynh Phu So ermordet und der Armee dadurch und mit Hilfe von Bestechungsgeldern die Stärke genommen.

Obwohl die Armeen beider Sekten zerschlagen worden waren, bestand ihr Einfluß dadurch in Teilen des Südens weiter, daß Überreste weiterhin die südvietnamesische Regierung bekämpften und viele den Kommunisten beitraten.

Heute leben in Vietnam noch ungefähr eine Million Anhänger der Hoa Hao Sekte, welche sich auf "private worship" beschränken müssen, nachdem ihre kirchliche Organisation wegen Verdachtes revolutionärer Aktivitäten 1975 verboten worden war. (Duiker 1998:101)

Bei dem "Lebenslauf" dieser zwei Sekten wird die Verflechtung von Religion und Politik und die Tatsache, daß Glaubensgemeinschaften zu religiösen Instrumenten in der Politik werden können, sichtbar.

1.3 Animismus und Ahnenkult
Elemente des Animismus und des Ahnenkultes finden sich in vielen Glaubensgemeinschaften Vietnams.

So glaubt man, daß allen Naturerscheinungen Geister innewohnen, die den Menschen wohlgesonnen oder auch feindselig gegenüberstehen können. Um die Schutzgötter, bei denen es sich um Naturgeister, Nationalhelden oder auch Gottheiten der Hochreligionen handeln kann, gnädig zu stimmen, werden tägliche Opfergaben dargebracht. Die Götter werden nur so lange anerkannt, wie sie ihre Schutzfunktion erfüllen. So kann es sein, daß der Gott, den die Bewohner eines Dorfes im Roten Fluß Delta angebetet haben, die Gemeinde vor einer Hochwasserkatastrophe nicht hat schützen können und er "abgesetzt" wird. Hier liegt möglicherweise einer der Ursprünge dafür, daß die Vietnamesen nicht unbedingt einer Religion fest angehören, sondern daß es denkbar ist, "heute Buddha anzubeten, morgen Konfuzius und am nächsten Tag in einem daoistischen Tempel Rituale zu vollziehen" (aus Barkemeier 1998:56).

Der Dorfgeist stärkt die Dorfgemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl, da der "Kult" von allen Dorfbewohnern gemeinsam betrieben wird. So verdeutlicht Großheim (1997:10) den hohen Wert der Schutzgeistfunktion, wenn er schreibt:

"Er [der Schutzgeist] wurde generell bei der Gründung einer Siedlung von den Bewohnern ausgewählt, den kaiserlichen Behörden mitgeteilt und von den Ritenbehörden in die "Liste der Götter" eingetragen. In einer Urkunde [...], die das neue Dorf erhielt, erkannte die Zentralmacht offiziell die neue Gemeinde an." Vor allem in Gebieten, in denen die Bewohner eng mit dem Boden verbunden sind, wie es heute vor allem noch bei den Bergvölkern Vietnams der Fall ist, ist der Animismus auch heute noch sehr lebendig. Eine besondere Form der Geisterverehrung ist der Ahnenkult.

Der Ahnenkult, der seine Ursprünge unter anderem in der konfuzianischen Denkweise (siehe Abschnitt über Konfuzianismus) hat, aber auch eng mit dem Animismus verbunden ist, geht davon aus, daß jeder einzelne wie durch ein unsichtbares Band mit seinen Vorfahren, aber auch mit kommenden Generationen verbunden ist.
Die Vietnamesen glauben, daß man sich in Zeiten der Not des Schutzes und Beistandes seiner Ahnen gewiß sein kann und dieses unerschütterliche Wissen schweißt nicht nur die vietnamesische Familie, sondern ganze Gemeinden zusammen

(" [...] Zusätzlich sorgte der Rückbezug auf die Ahnen dafür, daß die traditionelle Dorfstruktur in ihrem Charakter das blieb, was sie immer schon gewesen war, nämlich gemeinschafts-orientiert, ,geschlossen', hierarchiebestimmt und - konservativ!" (aus Weggel 1990b:32) im Zusammenhang mit der Lebensweise im Dorf, in dem man auch "zu den Ahnen geht", schreibt derselbe 1990b:42: "Es gibt kein Ich, sondern ein ,Wir', das nach außen hin als Esprit de Corps in Erscheinung tritt.").

Zu der Verehrung der Ahnen paßt auch die im konfuzianischen Gedankengebäude eingebaute Ehrfurcht vor den ältereren - wie auch den verstorbenen - Generationen, welches als grundlegend motivierendes Ideal bei der chinesischen Tradition gilt. Daraus ergibt sich die Wichtigkeit der Ehe, da die Ehe für "den Unterhalt der älteren Generationen und der Verehrung der bereits dahingegangen aufkommen muß" (Malek, R. 1993:93).

Der Ahnenkult macht sich im heutigen Vietnam weiterhin bemerkbar, wie wir hoffentlich an Ort und Stelle vielerorts finden werden (so z.B. der Hausaltar, der in vielen Haushalten vorzufinden ist).

2. Wertesysteme, Politik und Gesellschaft
2.1. Unterschiede in den Wertesystemen Nord- und Südvietnams
Dieser Abschnitt soll sich mit den Ursachen der unterschiedlichen Entwicklung von Mentalität in Nord- und Südvietnam beschäftigen. Hierbei geht es nicht nur um diejenigen Differenzen, die die zeitweilige Trennung der beiden Teile mit sich gebracht hat, sondern auch um solche, die aus einer verschiedenartigen Besiedlung und auch Behandlung resultieren.

Die erste und sicherlich offensichtlichste Nichtübereinstimmung rührt von der oben erwähnten Trennung her. Während Nordvietnam unter kommunistischer Führung Ho Chi Minhs lebte (und als stark bevölkertes Land ohne die Nahrungsvorräte des Südens auskommen mußte, Barkemeier 1998:45), wurde der Süden von dem von Amerikanern unterstützten Katholiken Ngo Diem regiert, der wegen Buddhisten- und Kommunistenverfolgungen als auch Vetternwirtschaft verhaßt war.

Schon viel früher hatten naturräumliche Begebenheiten verschiedene Voraussetzungen für beide Teile geschaffen: Der Norden Vietnams steht unter dem Einfluß des Roten Flusses und stellt ein Gebiet dar, welches zeitweise starken Überschwemmungen, teilweise Dürreperioden ausgesetzt war und auch heute noch ist. Hier waren die Bewohner auf gemeinsame Arbeit angewiesen, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Es entwickelte sich in dieser Zeit ein starkes Gemeinschaftsgefühl (siehe auch Abschnitt zum Animismus und zur Ahnenverehrung). Gleichzeitig blieb der Norden recht konservativ und hielt sich an die Sozialnormen des Konfuzianismus (nach Bachem 1993:827). In den letzten Jahren richtete sich der Norden zunächst nach chinesischem und später nach sowjetischem Muster aus.

Im Gegensatz dazu zeigten die Siedler im erst vor zwei Jahrhunderten besiedelten Süden "Pioniergeist" (Bachem 1993:828). Ergänzend läßt sich sagen, daß die südlichen Gebiete nicht so überschwemmungsgefährdet waren.

Weggel (1990:102) beschreibt die gegenseitigen Stereotypen, die von beiden Teilen geschaffen wurden. So seien die Nordvietnamesen nach Meinung im Süden "schwerfällig und langweilig", während umgekehrt die Nordvietnamesen die Südvietnamesen als "unzuverlässig und leichtlebig" beschreiben.

Seit dem 2. Vietnamkrieg sind die Bewohner vornehmlich im Süden stark durch die Amerikaner beeinflußt worden:

From 1965 onward, the presence of hundreds of thousands of American military and civilian personnel to a certain extent Americanized the life style of many South Vietnamese, especially in the cities" (Halsley 1969:135).

2.2 Die "Buddhist crises" - Auseinandersetzungen zwischen Buddhisten und Katholiken
In den sechziger Jahren resultierte aus religiösen Konflikten zwischen Buddhisten und der pro-katholischen Regierung (nach Duiker 1998:214) politische Instabilität.

Die sogenannte "Buddhist crises" hatte ihren Ursprung in der Behandlung der Buddhisten in Südvietnam unter der Herrschaft Diems. Dieser hatte, wie oben erwähnt, die Katholiken in Führungspositionen erhoben und damit die Buddhisten, deren Status im Süden immer hoch gewesen war, aufgebracht. Gleichzeitig hatte seit 1955 die Verfolgung von buddhistischen Gläubigen stattgefunden (Pollock 1995: 62).

Duiker (1998:31) faßt die Problematik zusammen, indem er schreibt:

"Under the regime of Diem, Buddhist monks in Hue and Saigon vigorously protested alleged official favorism to Catholics and the vigorous repression of revolutionary forces practiced by the Diem regime. The Diem regime accused the Budddhist hierarchy of falling under communist influence, but in actuality party leaders in North Vietnam were suspicious of the "petty bourgois" [kleinbürgerliche] mentality of such southern Buddhist leaders as the monk Thich Tri Quang." Die Lage spitzte sich im Mai 1963 zu, als gegen Demonstranten in Saigon das Feuer eröffnet wurde. Der Protest galt der Regierung, nachdem ein Gesetz erlassen worden war, daß an Buddhas Geburtstag die Nationalflagge nicht mehr gehißt werden durfte. Die Lage spitzte sich in den folgenden Wochen zu. Entgegen Diems Erwartungen ließen sich die Buddhisten nicht wie erhofft so leicht einschüchtern wie einige Jahre zuvor die Cao Dai und die Hoa Hao (nach Pollock 1997:62). Ihre Reaktion war viel radikaler und erregte in der ganzen Welt Aufmerksamkeit: Am 11. Juni 1963 überschüttete sich ein Mönch auf einer Straße in Saigon sitzend mit Benzin und setzte sich aus Protest gegen die Verfolgung der Buddhisten durch die Regierung in Brand. Diesem Selbstmord folgten noch sechs weitere in der Öffentlichkeit; insgesamt begingen 30 Mönche Selbstmord. Zwar zeigte sich Diem selbst unbeeindruckt und reagierte mit Überfällen seiner Anhänger auf buddhistische Pagoden, doch seine Regierungsmitglieder - wie auch Politiker im Ausland - waren schockiert, und im November 1963 wurden Diem und sein Bruder durch führende Generäle, die durch die Amerikaner ermutigt worden waren, erschossen.

Der Konflikt zwischen Angehörigen beider Religionen selbst nahm geringere Proportionen an und Mitte der 60er Jahre taten sich führende Mitglieder häufig zusammen, um gemeinsame Ziele zu realisieren (Halsley 1969:131B).

Insgesamt kann man sagen, daß es sich bei den Problemen zwischen den Katholiken und den Buddhisten hintergründig mehr um politische als religiöse Feindseligkeiten handelte.
 

2.3 Auswirkungen des konfuzianischen Denkens auf die vietnamesische Wirtschaft
Die in der konfuzianischen Denkweise enthaltenen Tugenden finden sich im Verhalten der Vietnamesen in der Wirtschaft wieder. Dadurch hat Vietnam solchen Ländern gegenüber, die stärker buddhistisch geprägt sind, einen Vorteil. Dem Vietnamesen werden bei seiner Erziehung eine Vielzahl von Wirtschaftstugenden ("ökonomische Tugenden") eingeimpft,

"die ihn zur erfolgreichen Teilnahme am modernen Wirtschaftsleben fähig machen, nämlich Leistungsanerkennung, Sparsamkeit, Korporativität und Marktgesinnung. (Weggel 1990b:44). Die Anerkennung der Leistung hat ihren Ursprung in der langjährigen Tradition der Beamtenprüfungen, die Voraussetzung für den Eintritt in den Staatsdienst waren. So geht der Konfuzianismus davon aus, daß nicht Herkunft eines Menschen sein Leben bestimmen, sondern Fleiß und Leistung, die ihm einen Aufstieg ermöglichen können.

Im Gegensatz zur gesamten malaiischen Welt, in der es als anständig gilt, seine Gewinne zu teilen, sind die Anhänger des Konfuzianismus auf Sparsamkeit bedacht, was sich in einer Marktwirtschaft günstig auswirkt.

Korporativität hängt mit der dörflichen Tradition zusammen und wurde in der Industriewelt übernommen. Ähnlich wie in Japan ziehen hier alle an einem gemeinsamen Strang. Weggel (1990b:45) äußerst diesbezüglich unklar, daß dieser Charakterzug bedeutsam werden könne, wenn Vietnam eines Tages wirtschaftlich einen ähnlichen Weg beschreitet wie inzwischen die VR China es getan hat.

Die Gruppe - bzw. die Familie - hat einen hohen Stellenwert und wird mit allen Kräften unterstützt. Dem entspricht die Begebenheit, daß die Vietnamesen durch die enge Verbindung im Dorf eine gesteigerte Gruppenbindung erfahren. Diese macht sich in der Wirtschaft dann bemerkbar, wenn Vietnamesen ihr Dorf verlassen und sich im Industriebetrieb oder im Büro ihrer Gruppe unterordnen (nach Weggel 1990b:43).

Die "Marktgesinnung" schließlich zeigte sich in den Straßen Hanois und HCM-Stadt, in denen Privathandel trotz offiziellen Verbotes florierte.

Als weiteres Merkmal für eine prowirtschaftliche Denkweise steht die Tatsache, daß die Anhänger des Konfuzianismus sich nicht vor Bestrafung fürchten müssen, da Erfolg im Diesseits im Gegensatz zum "echten" Buddhismus (siehe 2.1.2) nicht abgelehnt wird.

Weggel (1990b:45) schließt seine Ansichten über die Wirtschaftlichkeit der konfuzianischen Denkweise ab, indem er sagt:

"Um die wirtschaftliche Zukunft Vietnams braucht man sich also ganz gewiß keine Sorgen zu machen; sind erst einmal die schlimmsten wirtschaftspolitischen Fehlsteuerungen korrigiert, so werden sich die produktiven Energien der sechzig Millionen Vietnamesen schnell freisetzen und zu ähnlich Ergebnissen führen wie in Südkorea oder vielleicht sogar Singapur." Bei seiner Zuversicht vergißt Weggel allerdings möglicherweise, daß Vietnam zwar einen Menschentyp besitzt, dessen metakonfuzianisches Wertesystem hervorragend in das industrielle Zeitalter paßt, aber andererseits das Land bei der erheblichen Ausrichtung auf die Landwirtschaft u. eines hohen Bevölkerungswachstums leidet (vgl. Bachem 1993:828).

3. Fazit
Die Zielsetzung des Referates war es, die in Vietnam vorherrschenden Glaubensrichtungen vorzustellen und zu zeigen, wie sie sich in der vietnamesischen Gesellschaft geäußert haben.

Dabei ist nicht allen Glaubensrichtungen der gleiche Stellenwert zugekommen.

Der Buddhismus ist zur Religion vieler Vietnamesen geworden, mußte seine Vorrangstellungen abgeben und hat noch Elemente anderer Denkweisen übernommen, so daß er sich vom in-dischen Buddhismus stark unterscheidet.

Während der Daoismus als Verhaltenskodex in Vietnam nur wenig Fuß fassen konnte und zu einem mystischen Glauben degenerierte, gelang es dem Konfuzianismus, sich in weiten Bereichen der Gesellschaft durchzusetzen und lange Zeit die Glaubensrichtung der Vietnamesen zu dominieren. Im heutigen Vietnam lassen sich viele Verhaltensweisen der Vietnamesen nach wie vor durch eine konfuzianische Prägung erklären, wie die positive Einstellung zu Leistung, Fleiß, Korporativität und Marktgesinnung. Diese Merkmale können wegen der ablehnenden Einstellung gegenüber persönlichem Aufstreben bei Buddhismus und Daoismus nicht existieren.

Diese drei angeführten Glaubensgemeinschaften durchziehen der Animismus und der Ahnenkult wie ein Leitfaden und zeigen Ähnlichkeiten zwischen ihnen auf.

Dem Christentum - in Vietnam vornehmlich durch den Katholizismus vertreten - ist es gelungen, neben Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus aufzuleben und zu bestehen. Heute hat der Katholizismus die zweitgrößte religiöse Anhängerschaft nach dem Buddhismus.

Durch die prokatholische Konstellation der Regierung unter Diems Führung waren die Katholiken kurzzeitig die führende Religion. Obwohl die Auseinandersetzung mit den Buddhisten religiöse Vorstellungen zum Gegenstand hatte, handelte es sich ebenso sehr um einen Konflikt auf politischer Ebene.

Hinduismus und der Islam haben sich in Vietnam nicht durchsetzen können.

Während der Anfangsphase des Vietnamkriegs haben auch verschiedene Sekten sich an politischen Interaktionen beteiligt, indem sie sich großen politischen Kräften anschlossen, blieben als ein politischer Machtfaktor nicht bestehen.

Es zeigt sich, daß Religion vom öffentlichen Leben und von Politik und Wirtschaft in Vietnam nicht getrennt existierte und existiert, sondern die Bereiche interagieren und sich diese Interaktion wie im Falle der Wirtschaftsmöglichkeiten Vietnams positiv auf das öffentliche Leben auswirken kann.

4. Literaturverzeichnis
Bachem, J. (Hrsg.) (1993,7): Staatslexikon. Die Staaten der Welt, Band 7. Freiburg

Barkemeier, T. (1998): Vietnam. Köln

Brockhaus Lexikonredaktion (Hrsg.) (1988): dtv Brockhaus Lexikon, Band 19. Mannheim

Clarke, P.B. (Hrsg.) (1992,2): Atlas der Weltreligionen. Entstehung× Entwicklung× Glaubensinhalte. München

Duiker, W.(ed.) (1998,2): Historical Dictionary of Vietnam.- Asian/Oceanian Historical Dictionaries. Lanham

Stier, K. (1998): Vietnams Katholiken rühren sich (dpa). In: Elstermann H. und Fromm L.V. (1998): Lingener Tagespost. Osnabrück

Großheim, M. (1997): Das vietnamesische Dorf und seine Transformation während der französischen Kolonialzeit. In: Dahm, B. (Hrsg.): Passauer Beiträge zur Südostasienkunde, Band 5. Passau

Halsley, W.D. (ed.) (1969): Collier's Encyclopedia. Band 23/24. London

Harenberg, B. (Hrsg.) (1994): Harenberg Lexikon der Gegenwart - Aktuell '95. Dortmund

Hattstein, M. (1997): Die Weltreligionen. Köln

Hickey, G.C. (1964): Village in Vietnam. New Haven

Hill, R.D.(ed.) (1979): South-East Asia: A Systematic Geography. Singapore

Institut für Asienkunde Hamburg (1998): Länderberichte Südostasien Aktuell. Hamburg

Jamieson, N. (1995): Understanding Vietnam. Berkeley

Malek, R. (1993): Das Ethos des Konfuzianismus und Daoismus. In: Khoury; A.T.: Das Ethos der Weltreligionen. Freiburg

Pollock, A. (1995,2): Conflict and Change in Indochina. Oxford

Pye, M. (1990a,2): Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus - Kulturhistorische Bedeutung.- In: Lüken, B. (ed.): Der Einfluß der Weltreligionen auf Gesellschaftsbildung und politisch-ökonomische Entwicklung, Seite 53-64. Saarbrücken

Pye, M. (1990b,2): Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus - Aspekte ihrer gesellschaftsbildenden Bedeutung in Ostasien. In: Lüken, B. (ed.): Der Einfluß der Weltreligionen auf Gesellschaftsbildung und politisch-ökonomische Entwicklung, Seite 65-71

Storey, R. und Robinson, D. (1998,4.): Vietnam. Berlin

Uhlig, H. (Hrsg.) (1988): Südostasien. Frankfurt

Weggel, O. (1990a,2.): Die Asiaten. München

Weggel, O. (1990b,2.): Indochina. Vietnam × Kambodscha × Laos. München

 


* Letzte Änderung: 23.4.2005 - M.Waibel

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