Großer Geländekurs Vietnam

Hanoi - Hue - Hoi An - Nha Trang - HCM-City

13. März - 2. April 1999


Der 2. Vietnamkrieg - Ursachen, Hintergründe, Verlauf und Auswirkungen

Referentin: Heike Hildenbrand

INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung

2. Die Anfänge des Konflikts

3. Das militärische Engagement der USA in Vietnam

3.1 Der Tongking-Zwischenfall

3.2 Kriegsstrategien

3.3 Die Tet- Offensive

3.4 Die Vietnamesierung des Krieges

4. Der Zusammenbruch Süd-Vietnams

5. Die Wiedervereinigung Vietnams und ihre Folgen

6. Die Antikriegsbewegung

Literaturverzeichnis

 

1. Einleitung
Die Hilflosigkeit der Kolonialmacht Frankreich und die immer stärker werdende Armee des Vietminh (Viet Nam Doc Lap Dong Minh Hoi; 'Liga für die Unabhängigkeits Vietnams'), die für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpfte und unter kommunistischer Führung stand, veranlaßte die amerikanische Regierung ab 1950 nach einem entsprechenden französischen Hifeersuchen zu umfangreicher Finanzhilfe und zur Entsendung amerikanischer Militärberater nach Saigon.

Nach der endgültigen französischen Niederlage, verfolgte die USA zunächst noch weiter ihre 'containment policy' - Eindämmungspolitik - mit der sie nun Südvietnam durch finanzielle Hilfe unterstützte, damit diese den Vormarsch des Kommunismus eindämmen.

Doch die Lage verschlechterte sich zunehmend und als einzige Alternative, der kommunistischen Kraft Einhalt zu gebieten, erschien den USA die Amerikanisierung des Krieges, zu deren Auslöser der Tonking-Zwischenfall (vgl. 3.1) im August 1964 diente.

Nun begann die stetige Truppenaufrüstung der Amerikaner (1969 waren es rund 540.000 amerikanische Soldaten in Vietnam) und die systematische Bombardierung wirtschaftlicher und militärischer Ziele in Nord-Vietnam.

Trotz überlegener Luftwaffe und Anwendung neuester Kampfmethoden konnten die USA zwar einen Gesamtsieg ihres Gegners verhindern, aber keinen Sieg erzwingen.

Weltweit nahm die Kritik an der amerikanischen Vietnampolitik zu (v.a. den Bombenabwürfen auf die Zivilbevölkerung, den brutalen Massakern und am Einsatz chemischer Mittel) und die zunehmende Zahl an Toten und Verwundeten sowie die zunehmende Belastung der amerikanischen Wirtschaft beunruhigte die amerikanische Öffentlichkeit so sehr, daß es 1969 im Zuge laufender Friedensgespräche zu einer Vietnamisierung des Konflikts kam, d.h. die südvietnamesische Armee wurde bei gleichzeitigem Abzug der amerikanischen Truppen massiv aufgebaut.

Nach nicht eingehaltenen Waffenstillstandsabkommen, kam es 1975 zur bedingungslosen Kapitulation der Saigoner Regierung und zur Wiedervereinigung beider Teile Vietnams unter der Führung Hanois.
"Die Vietnam-Ära zwang die Vereinigten Staaten, sich ihrer Grenzen bewußt zu werden; sie bezahlten für ihr Abenteuer in Vietnam einen Preis, der in keinem Verhältnis zu irgendeinem vorstellbaren Gewinn stand" (KISSINGER, 1996:772).

Der Preis waren rund 1,5 Millionen Menschen (darunter 58.000 Amerikaner) die diesen Krieg mit ihrem Leben bezahlten (UHLIG, 1988:386); Gesamtausgaben der USA, die sich auf rund 400 Milliarden US Dollar beliefen (WEGGEL, 1990:79).

Dieser oben knapp geschilderte Konflikt soll nun im folgenden detaillierter und umfangreicher dargestellt und die Ursachen und Hintergründe erläutert werden.
 

2. Die Anfänge des Konflikts
Präsident Eisenhower erläuterte Anfang 1954 auf einer Pressekonferenz die berühmte Domino-Theorie, die als Kernstück der Rechtfertigungsideologie der amerikanischen Vietnampolitik gilt: "You had a row of dominoes set up, and you knocked over the first one, and what would happen to the last one was the certainty that it would go over very quickly. So you could have a beginning of a disintegration that would have the most profound influences" (EICHHOLZ, 1979:10). Mit anderen Worten, wenn man zuläßt, daß die Kommunisten Vietnam vereinnahmen, geht man das Risiko ein, daß in einer Kettenreaktion ein südostasiatischer Staat nach dem anderen kommunistisch wird.

Als Eisenhower diese Warnung aussprach, hatte im Indochina-Krieg bereits die Entscheidungsschlacht um die französische Dschungelfestung Dien Bien Phu begonnen. Angesichts der drohenden Niederlage bat die französische Regierung Washington um militärische Unterstützung. Die schon von Präsident Trumann begonnene militärische und wirtschaftliche Unterstützung der Franzosen in Indochina wurde nun von der Eisenhower-Administration forciert fortgesetzt (bereits Ende 1950 beliefen sich die für die Unterstützung bewilligten Gelder auf 1,4 Millarden Dollar) um die befürchtete gewaltsame Expansion des Weltkommunismus zu unterbinden (EICHHOLZ, 1979:9).

Trotz der massiven amerikanischen Hilfe und starker einheimischer antikommunistischer Kräfte kapitulierten die französischen Truppen am 7. Mai 1954, und bereits einen Tag später begann die Genfer Konferenz mit ihren Indochina-Beratungen. Neben den Großmächten Frankreich, England, USA und der Sowjetunion nahm zum ersten Mal auch die Chinesische Volksrepublik an einer internationalen Konferenz teil.

In dem nach 75 Verhandlungstagen am 21. Juli 1954 unterschriebenen Waffen- stillstandsabkommen wurde die Unabhängigkeit der beiden Königreiche Laos und Kambodscha anerkannt und Vietnam selber durch eine Demarkationslinie am 17. Breitengrad in zwei Staatshälften geteilt. Diese Teilung war allerdings verbunden mit der ausdrücklichen Verpflichtung für die Regierungen in Hanoi und Saigon, innerhalb von zwei Jahren - spätestens bis Juli 1956 - gesamtvietnamesische Wahlen als Mittel zur Wiedervereinigung der beiden Staatshälften durchzuführen (FISCHER WELTGESCHICHTE, 1981:219).

Zur weiteren 'Stabilisierung' der Lage in Südostasien im Sinne der Domino-Theorie strebten die USA ein antikommunistisches Bündnissystem an, mit dessen Hilfe sie einen Teil der Verantwortung für militärische Aktionen auf die einheimischen Regierung und deren Armee übertragen konnten.

Noch im September des gleichen Jahres rief der amerikanische Außenminister Dulles auf einer Konferenz in Manila die Südostasien-Pakt-Organisation SEATO (South East Asia Treaty Organization) ins Leben, eine Verteidigungsgemeinschaft, der neben den USA, Frankreich, Großbritannien, Australien, Neuseeland an asiatischen Staaten nur Thailand, Pakistan und die Philippinen angehörten. Kollektiv wurde das Ziel verfolgt, "einem bewaffneten Angriff zu widerstehen und subversive Handlungen, die von außen gegen ihre territoriale Intergrität und politische Stabilität gerichtet werden, zu verhindern und zu bekämpfen ..." (BAUCKHAGE, 1991:21). Die USA ließen dem Vertragstext einen Vorbehalt hinzufügen, daß sie nur im Falle von kommunistischen Aggressionen an den Pakt gebunden seien.

Am 16. Juni ernannte das Staatsoberhaupt Bao Dai, den damals 53jährigen vietnamesischen Ngo Dinh Diem zum neuen Regierungschef Südvietnams. Diem war als Sohn eines hohen Beamten im französisch-vietnamesischen Verwaltungsdienst ausgebildet worden, hatte jedoch später ebenso entschieden eine Zusammenarbeit mit der Ho-Chi-Minh-Regierung wie mit den französischen Kolonialherren abgelehnt und die völlige Unabhängigkeit Vietnams gefordert. Seit 1950 hielt er sich im Ausland auf (Japan, USA sowie in Europa). Das letzte Jahr vor seiner Ernennung zum Präsidenten hatte der engagierte Katholik in einem belgischen Benediktiner-Kloster verbracht.

Als Diem sein Amt antrat, befand sich Südvietnam in einer fast chaotischen Situation. Weite Teile des Landes wurden von pseudo-religösen Sekten (wie z.B. 'Cao Dai', 'Hoa Hao' und 'Binh Xuyen') beherrscht, die ihre eigenen Armeen unterhielten und Steuern eintrieben. Eisenhower bot Diem, den er als den "Wundermann Asiens" bezeichnete, noch im gleichen Jahr amerikanische Hilfe an: "The purpose of this offer is to assit the Government of Vietnam in developing and maintaining a strong, viable state, capable of resisting attempted subversion or aggression through military means" (AMERICAN EMBASSY, 1965:2).

Diese innenpolitische Labilität wurde noch dadurch krisenhafter, daß nach der Teilung Vietminh-Kader im Süden zurückblieben, die im Untergrund ihre kommunistischen Aktivitäten fortsetzten sowie durch 880.000 vorwiegend katholischen Nordvietnamesen, die vor der kommunistischen Herrschaft flüchteten (FISCHER WELTGESCHICHTE, 1981:221).

Am 23. Oktober 1955 ließ Diem die Bevölkerung in einer Volksabstimmung darüber entscheiden, ob sie seine Regierung oder die des abwesenden Kaisers Bao Dai (der seine Zeit lieber an der französischen Riviera verbrachte) vorziehen wolle. Nachdem sich 98,2 % der Wähler zu Diem bekannt hatten, erklärte er Bao Dai für abgesetzt, proklamierte am 26. Oktober Vietnam zur Republik und übernahm als ihr erster Präsident die volle Regierungsgewalt (DRAGUHN, 1981:73).

Die Wahlen zeigten eine herausfordernde Mißachtung demokratischer Prinzipien. Sie waren noch nicht einmal um den Schein der Korrektheit bemüht, denn in fast allen Abstimmungsbezirken wurden mehr Ja-Stimmen gezählt als Personen gewählt hatten (ROBINSON, 1998:119).

Ermutigt durch die USA lehnte Südvietnam alle Verhandlungen über die - auf der Genfer Konferenz - international vereinbarten Wahlen ab.
 

In Nordvietnam forcierte man nun in allmählicher Steigerung die Aktivitäten kommunistischer Terroristen in Südvietnam.

Im September 1960 wurde auf einem Kongreß der Vietnamesischen Arbeiterpartei in Hanoi ('Lao Dong Dang') der Beschluß gefaßt, für den Kampf gegen das Diem-Regime und für die Wiedervereinigung eine Volksfront-Organisation zu schaffen.

Am 20. Dezember wurde die 'Nationale Befreiungsfront' (Front National de Libération du Vietnam - FNL) gegründet, in der sich die verschiedensten Widerstandsgruppen Südvietnams zusammenschlossen.

Die Front-Organisation der FNL waren die 'Vietcong' (VC - Viet Nam Cong San, was 'vietnamesischer Kommunist' bedeutet) genannten südvietnamesischen Guerillas (von den amerikanischen Soldaten als "Charlie" bezeichnet), die ihren Einflußbereich mit einem gnadenlosen Terror ausdehnten (UHLIG, 1988:384). Zur Einschüchterung der Bevölkerung gehörte die systematische Ermordung von Dorfältesten, von denen 1960 täglich ein halbes Dutzend auf grausame Weise getötet wurde.

Zur gleichen Zeit schuf sich Nordvietnam mit Hilfe der kommunistischen Partei 'Pathet Lao' einen Versorgungskorridor durch das benachbarte Laos, den sogenannten 'Ho-Chi-Minh-Pfad' (vgl. Abb. Nr. 1), der in Wirklichkeit kein Pfad, sondern ein ganzes Netz von Dschungelwegen war (von insgesamt 16.000 km Länge), auf denen nordvietnamischer Nachschub nach Südvietnam transportiert werden konnte. Auf diese Weise wurde die entmilitarisierte Zone an der Demarkationslinie umgangen.

In Saigon verfolgte indessen die Diem-Regierung konsequent das Ziel, einen unabhängigen Staat aufzubauen und seine Souveränität zu verteidigen. Die USA verurteilten zwar Diems autoritäre Regierungsweise, aber sie unterstützten seine Politik mit einer ständig wachsenden Wirtschafts- und Militärhilfe, die bis 1960 einen Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar erreicht hatte (MARBURGER ABHANDLUNGEN, 1973:98).

Um der auf dem Lande immer erfolgreicheren Guerilla-Tätigkeit des Vietcong entgegenzuwirken, entwickelte Diems Bruder Nhu (mit Unterstützung des zweiten Diem-Bruder Ngo Dinh Can) ein Programm der Wehrdörfer - sogenannte 'Hamlets', in denen die Bauern zum Selbstschutz bewaffnet wurden.

Der dritte Bruder, Ngo Dinh Thuc, war katholischer Erzbischof und bestärkte Diem in seiner starren Haltung gegenüber den oppositionellen Buddhisten.
Die Auseinandersetzungen des Präsidenten mit dem buddhistischen Klerus löste eine folgenschwere Krise aus, die schließlich mit dem Sturz und der Ermordung Diems und seiner drei Brüder endete. Der Konflikt begann am 8. Mai 1963 mit blutigen Zwischenfällen in der alten Kaiserstadt Hué. Diem hatte einen beabsichtigten Flaggenschmuck zum 2587. Geburtstag Buddhas verboten. Als die Buddhisten protestierten, schoß die Armee auf die Demonstranten. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte, und dieser Zwischenfall führte wenig später zur spektakulären Selbstverbrennung des hohen buddhistischen Würdenträgers Quang Duc in Saigon, dem bald weitere solche rituellen Selbstmorde buddhistischer Mönche folgten (POLLOCK, 1997:82).

3. Das militärische Engagement der USA in Vietnam
Im März 1961 unterstützten nordvietnamesische Truppen in dem benachbarten Königreich Laos eine Offensive der dort operierenden kommunistischen 'Pathet Lao'-Guerillas. Die USA, die darin eine Gefahr für das SEATO-Schutzgebiet sahen, reagierten mit einer Landung kleiner Kontingente amerikanischer Streitkräfte in dem SEATO-Mitgliedstaat Thailand. Kennedys Beraterteam empfahl zudem eine verstärkte Militärhilfe für Südvietnam, damit, falls Hanoi die Infiltration kommunistischer Truppen nach Süden nicht einstellen sollte, Vergeltungsmaßnahmen gegen Nordvietnam vorgenommen werden könnten.

Präsident Kennedy lehnte den Einsatz amerikanischer Kampftruppen ab, erhöhte aber die Zahl amerikanischer Militärberater. Der 1954 erst aus 55 amerikanischen Offizieren bestehende Beraterstab in Südvietnam wuchs bis Ende 1961 auf 1.364 Offiziere an; Ende 1962 betrug die Zahl bereits 9.865, und im November 1963 waren es rund 15.000 Experten, die Washington zur Unterstützung der Diem-Regierung eingesetzt hatte (NALTY, 1996: 79, BUTTINGER, 1977:990). Während der ganzen Zeit waren in Washington Gegner und Befürworter einer solchen Hilfe aufeinandergeprallt.

1961 erklärte der damalige Vizepräsident und spätere Präsident Johnson, der im Mai Saigon besucht hatte: "Die Grundentscheidung über Südostasien muß jetzt gefällt werden. Wir müssen uns entscheiden, ob wir diesen Ländern nach besten Kräften helfen oder den Kampf aufgeben und unsere Verteidigungslinie nach San Francisco zurücknehmen wollen. In diesem Fall, und das ist noch wichtiger, würden wir der Welt kundtun, daß wir unsere Verträge nicht erfüllen und unseren Freunden nicht beistehen" (FISCHER WELTGESCHICHTE, 1981:227).

Die Verantwortung für das Vietnam-Problem wurde zunehmend vom State Department in das Verteidigungsministerium verlegt, und der damalige Verteidigungsminister McNamara sowie hohe Militärs waren noch Anfang 1963 davon überzeugt, daß die Saigon-Regierung den Krieg innerhalb der Jahresfrist gewinnen werde.

Im September desselben Jahres kamen McNamara und sein Generalstabschef Taylor zu einem ihrer früheren Lagebeurteilung entgegengesetzten Schluß, daß nämlich der Krieg durch das diktatorische und dadurch unpopuläre Diem-Regime nicht mehr gewonnen werden könne. Unmittelbar danach forderte Kennedy öffentlich 'personelle Veränderungen' in der Saigoner Regierung. Nun forderten auch die vietnamesischen Generäle von Diem, daß dieser seine Politik ändern solle. Die Brutalität der Regierung Diems und ihre Unfähigkeit zur politischen Führung veranlaßte bereits im April 1960 achtzehn angesehene vietnamesische Politiker zu einem offiziellen Brief an Diem, in dem sie Reformen forderten; zudem bezeichneten sie das Regime als diktatorisch, korrupt und unfähig (MARBURGER ABHANDLUNGEN, 1973:102).

Da sich Diem aber auf keinerlei Verhandlungen einließ, wurde er in der Nacht vom 1. zum 2. November 1963 durch einen militärischen Staatsstreich gestürzt und am nächsten Morgen zusammen mit seinem Bruder Nhu ermordet. Dieser Putsch war - mit Ausnahme des Mordes - detailliert vorgeplant und von den amerikanischen Beratern gebilligt worden.

Nur drei Wochen später wurde Präsident Kennedy ermordet und hinterließ seinem Nachfolger Johnson ein Vietnam-Problem, das auch er nicht lösen sollte.

Diem hinterließ in Südvietnam eine Regierung, die nach nur dreimonatiger Amtszeit abtreten mußte und einem Karusell von Umstürzen, Putschversuchen, Korruption und Intrigen wich. 1964 gab es sieben Regierungen in Saigon, drei allein zwischen dem 16. August und dem 3. September. Parallel zu diesem Verfall der staatlichen Autorität erlitten die Regierungstruppen im Kampf gegen den Vietcong eine Schlappe nach der anderen. Während in der Hauptstadt als Folge blutiger Straßenkämpfe zwischen Buddhisten und Katholiken zeitweise völlige Anarchie herrschte, eroberten die Kommunisten 13 der insgesamt 44 südvietnamesischen Provinzen, und in weiteren 22 Provinzen waren die Kommunisten so aktiv, daß diese Provinzen offiziell zur Gefahrenzone erklärt wurden.

Um der drohenden militärischen Niederlage entgegenzuwirken, entschloß sich Washington im Juli 1964 ihr 'Militärisches Beistandskommando' (MACV- Military Assistance Command Vietnam) in Saigon und die Besatzung der amerikanischen Luftwaffenstützpunkte von 15.000 auf 20.000 Mann zu verstärken (MARBURGER ABHANDLUNGEN, 1973:96).
 

3.1 Der Tongking-Zwischenfall (oder die Amerikanisierung des Krieges)
Am späten Nachmittag des 2. August 1964 wurde der amerikanische Zerstörer 'Maddox' auf einer routinemäßigen Patrouillenfahrt im Golf von Tonking von drei nordvietnamesischen Kanonenbooten angegriffen. Die 'Maddox' eröffnete ebenfalls, nach einigen wirkungslosen Warnschüssen, das Feuer und trieb zusammen mit der zur Hilfe gerufenen Luftwaffe den Gegner in die Flucht. Präsident Johnson befahl nun der amerikanischen Luftwaffe Vergeltungsangriffe auf Häfen und Versorgungseinrichtungen an der nordvietnamesischen Küste (POLLOCK, 1997:66). Etwa anderthalb Stunden, bevor die ersten Flugzeuge ihre Ziele in Nordvietnam erreichten, kündigte Johnson diese Aktion in einer Erklärung an das amerikanische Volk über Rundfunk- und Fernsehstationen an. Für ihn dienten die beschlossenen Maßnahmen der Verteidigung von Freiheit und Frieden in Südostasien. Er schloß seine Rede mit dem Satz: "Unsere Mission ist der Frieden" (BAUCKHAGE, 1991:5). Mit diesen ersten amerikanischen Angriffen auf kommunistisches Territorium begann die verhängnisvolle Eskalierung der amerikanischen Kriegsführung in Indochina. Allerdings handelte es sich dabei nicht um eine langfristig geplante Interventionspolitik, sondern um eine Serie kleiner Entscheidungen, bei der ein Eskalationsschritt den anderen fast automatisch nach sich zog.

3.2 Kriegsstrategien
Die amerikanische Kriegsführung litt von Anfang an darunter, daß die eigenen Truppen politisch nicht motiviert waren, während die Kommunisten sich als Pioniere des sozialen Fortschritts und Vorkämpfer der nationalen Unabhängigkeit eines wiedervereinten Vietnam empfanden und entschlossen waren, bis zum totalen Sieg über ihre Gegner zu kämpfen. Die USA dagegen wollten Hanoi nur militärisch so weit unter Druck setzen, daß man sich dort zu Verhandlungen über eine Anerkennung des Status quo der Teilung bereit finden würde.

Ein weiteres Handicap der amerikanischen Kriegsführung bestand in der von vielen Amerikanern geteilten weltweiten Kritik, die den Kampf des amerikanischen Goliath gegen den vietnamesischen David als 'Neokolonialismus' verurteilte. Allerdings lieferten die Amerikaner selber ihren Kritikern manches Argument, so der General LeMays mit seiner bekannten Forderung, man müsse Vietnam "zurück in die Steinzeit bomben", oder General Westmoreland, der für seine 'search and destroy'-Taktik u.a. die Methode des täglichen 'bodycount', des 'Leichenzählens', einführte.

Zudem gingen die Einzelheiten über das von einer US-Kompanie angerichtete Massaker von My Lai (bei dem vorwiegend Frauen und Kinder niedergemetzelt wurden) durch die Weltpresse (INFORMATIONEN ZUR POLTISCHEN BILDUNG, 1986:21).

Auch hatten die USA der 'grünen' Kriegsführung Hanois nichts entgegenzusetzen: zahllose Tunnelsysteme (vgl. Abb. Nr. 2), die den Gegner verunsicherten und das Eintauchen in die Natur, das vor allem beim schon erwähnten Ho-Chi-Minh-Pfads demonstriert wurde. Die Pfade wurden - zur perfekteren Tarnung - begrünt und belaubt, wobei sogar bepflanzte Töpfe mit Orchideen und Schlinggewächsen in die Baumkronen gehängt wurden.

Die amerikanische Luftwaffe beantwortete diese 'Begrünung' mit Entlaubungsaktionen (Strategie der 'verbrannten Erde') indem sie u.a. das dioxinhaltige 'Agent Orange' versprühte - mit der Folge, daß nicht nur eine Waldfläche von der Größe Baden-Württembergs abstarb, sondern auch unzählige Menschen an den Folgen erkrankten, starben und auch heute noch daran leiden (WEGGEL, 1990:77).
Vietcong-Angriffe auf amerikanische Militäreinrichtungen bei Pleiku im Februar 1965 führten innerhalb kürzester Zeit zu einer systematischen Bombardierung nordvietnamesischer Bereitstellungsräume unmittelbar nördlich vom 17. Breitengrad (bekannt unter dem Codenamen 'Rolling Thunder'). Ein paar Wochen später griffen in Danang am China Beach die ersten amerikanischen Bodentruppen in den Krieg ein. Im August 1965 belief sich die Stärke bereits auf 125.000 Mann, und bis 1967 wurde diese Zahl auf rund 550.000 Mann gesteigert. Im gleichen Zeitraum wuchs die Stärke an kommunistischen Streitkräften von 90.000 auf 200.000 Mann, von denen nur die Hälfte Einheiten der regulären nordvietnamesischen Armee waren (FISCHER WELTGESCHICHTE, 1981:231).

3.3 Die Tet-Offensive
Im September 1965 übernahm General Thieu als Präsident nach der langen Staatsstreichserie als Präsident in Saigon die volle Regierungsgewalt, die er bis wenige Tage vor der Kapitulation Saigons im Frühjahr 1975 behielt. Der autoritär regierende Thieu erwies sich für die USA als ein ebenso eigenwilliger, mißtrauischer und unbequemer Partner, wie es der gestürzte Präsident Diem gewesen war. Allerdings schien sich die politische und militärische Lage unter der Thieu-Regierung zunächst entscheidend zugunsten Südvietnams zu wenden.

Als sich im Oktober 1966 in Manila mit Präsident Johnson an der Spitze die Regierungschefs der Staaten versammelten, die Washingtons Kriegsführung in Vietnam aktiv unterstützten - neben den SEATO-Mitgliedern vor allem Südkorea -, da wurde auf dieser Konferenz bereits der unmittelbar bevorstehende Endsieg der Allierten in Indochina gefeiert.

Um so größer war der Schock, als die Kommunisten in der ersten Februarwoche 1968 die Kampfruhe des buddhistischen Neujahrsfestes (Tet) brachen und an allen wichtigen Plätzen in Südvietnam zu einer den Gegner völlig überraschenden Großoffensive antraten (vgl. Abb. 3). 36.000 nordvietnamesische Soldaten sowie Vietcong-Guerillas griffen nach einem detailliert geplanten und genau koordinierten Plan 28 von den insgesamt 44 südvietnamesischen Provinzhauptstädten an und zerstörten Flugplätze und Stützpunkte, führten in Saigon tagelange Straßenkämpfe, konnten dort sogar zeitweise die amerikanische Botschaft besetzen und eroberten für Wochen den Kern der alten Kaiserstadt Hué (FISCHER WELTGESCHICHTE, 1981:233). Die Kommunisten gingen überall, wo sie eindrangen mit grausamen Terror vor (so wurden in Hué nach der Rückeroberung durch Regierungstruppen Massengräber mit den Leichen von Tausenden ermordeter Zivilisten entdeckt). Die Hoffnung der Kommunisten, daß sie mit dieser Offensive einen allgemeinen Volksaufstand entfachen könnten, wurde bitter enttäuscht. Ihr militärischer Großangriff blieb letztlich erfolglos; dennoch bedeutete er politisch-psychologisch für Hanoi einen beispiellosen Triumph, weil er in Washington die Bereitschaft zur Aufnahme von Friedensverhandlungen auslöste. Diese Bereitschaft wurde von Präsident Johnson - gleichzeitig mit dem resignierten Verzicht auf seine Wiederwahl - am 31. März 1968 öffentlich verkündet.

Die Tet-Offensive kostete ungefähr 1.000 amerikanischen und 2.000 südvietnamesischen Soldaten das Leben, doch mit ca. 32.000 Todesopfern waren die Verluste auf Seiten der Nordvietnamesen mehr als zehnmal so hoch (ROBINSON, 1998:122). Es war das erstemal, daß die Guerilleros sich zeigten, daß sie sich an offenen Gefechten beteiligten, und die Entscheidung zu einen Angriff auf breiter Front zwang sie, sich auf einem Gelände zum Kampf zu stellen, das sie normalerweise nie gewählt hätten. Die überlegene amerikanische Feuerkraft vernichtete fast die gesamte Infrastruktur der Guerilla.

3.4 Die Vietnamesierung des Krieges
Bereits am 10. Mai 1968 begannen in Paris Vorverhandlungen zwischen Vertretern der amerikanischen und der nordvietnamesischen Regierung, die sich mit häufigen Unterbrechungen das ganze Jahr hinzogen. Der wichtigste und auch schwierigste Punkt war hierbei, ob und wie die Saigoner Regierung und die südvietnamesische FNL an den Verhandlungen beteiligt werden könnten, da beide den sich gegenseitig ausschließenden Alleinvertretungsanspruch für Südvietnam erhoben. Zudem forderte Hanoi als Vorleistung die völlige Einstellung der amerikanischen Luftangriffe auf Nordvietnam, während es sich selber nach der alten kommunistischen Taktik "Gleichzeitig Kämpfen und Verhandeln" das Recht vorbehielt, seine militärischen Aktivitäten fortzusetzen.

Das Zustandekommen der Verhandlungen wurde von der sowjetischen Regierung begünstigt, wohingegen die Chinesische Volksrepublik mit heftigen Widerstand reagierte. Schon früher in diesem Konflikt befürchtete die amerikanische Regierung eine Intervention der beiden Großmächte (vor allem der chinesischen Truppen, wie man sie schon in Korea erlebt hatte).

Peking fürchtete den wachsenden sowjetischen Einfluß in Hanoi und sah die Gefahr, daß als Ergebnis der Friedensverhandlungen ein von Moskau abhängiges wiedervereintes Vietnam entstehen und durch den Anschluß von Laos und Kambodscha zu einer chinafeindlichen Regionalmacht werden könnte. Diese Furcht vor einer gegen Peking gerichteten sowjetischen Einkreisungspolitik bestimmt bis heute die chinesische Haltung gegenüber den drei Indochina-Staaten.

Im November 1968, Johnson hatte den geforderten Bombardierungsstopp von Hanoi verfügt, konnten endlich die offiziellen Friedensverhandlungen beginnen.

In den USA hatte im selben Jahr Richard Nixon die Präsidentsschaftswahl gewonnen (er bestritt seinen Wahlkampf hauptsächlich mit dem Versprechen, den Krieg in Vietnam zu beenden) und zusammen mit seinem Sicherheitsberater Henry Kissinger verfolgte er daher von Anfang an das Ziel, die amerikanische Intervention in Indochina zu beenden und die amerikanischen Truppen "vom Schlachtfeld und aus der Gefangenschaft nach Hause zu bringen". Auch wollte man einen 'ehrenvollen Frieden', der nach der bisher verfolgten amerikanischen Politik eigentlich in einer Garantie der Eigenstaatlichkeit Südvietnams hätte bestehen müssen; doch Kissinger gab zu verstehen, daß es ihm primär darum gehe, von Hanoi die Respektierung einer 'Anstandsfrist' nach dem amerikanischen Truppenabzug zu erreichen.

Trotz der 'Bemühungen'dauerte es noch vier Jahre, bis der Friede eintrat.

Die Forderung der Kontrahenten bei den Friedensverhandlungen sahen in der Essenz folgendermaßen aus: Washington forderte als Gegenleistung für den Abzug der eigenen Truppen den sofortigen Rücktritt der Thieu-Regierung und die Bildung einer Koalitionsregierung aus Vertretern der FNL und der sogenannten 'Dritten Kraft' (die nichtkommunistischen neutralistischen Gegner des Thieu-Regimes).

Saigon forderte den sofortigen Rückzug der nordvietnamesischen Truppen hinter die Demarkationslinie, danach freie Wahlen unter internationaler Kontrolle.

Der mit der Midway-Erklärung Nixons beginnende amerikanische Truppenabzug aus Südvietnam war eine Vorleistung gegenüber Hanoi, von dem man keine Zusicherungen hinsichtlich der geforderten nordvietnamesischen Truppenreduzierung erhalten hatte. Die schon von Präsident Johnson eingeleitete 'De-Eskalierung' des Vietnamkrieges bekam nun den Namen 'De-Amerikanisierung' bzw. 'Vietnamisierung'. Während Washington bis Anfang 1973 die gesamten 550.000 Mann starken Truppen aus Vietnam zurückzog, wurden mit massiver amerikanischer Rüstungshilfe die regulären südvietnamesischen Streitkräfte auf über 500.000 Mann fast verdoppelt und daneben 'Volksstreitkräfte' in der gleichen Stärke aufgebaut (Thieus Luftwaffe wurde die drittstärkste der Welt). Nachdem die amerikanischen Truppen seit 1965 die Hauptlast der Kämpfe getragen hatten - mit mehr als 40.000 Todesopfern und einer Vielzahl an Verwundeten - übernahm ab 1969 die südvietnamesische Armee die Verteidigung ihres Landes (POLLOCK, 1997:70).

Als im September 1969 der nordvietnamesische Staats- und Parteichef Ho Chi Minh starb, vollzog sich in Hanoi ein fast reibungsloser Übergang auf eine kollektive Führung mit einem Triumvirat alter Kampfgefährten Ho Chi Minhs - dem Partei-Generalsekretär Le Duan, dem Ministerpräsidenten Dong sowie dem Verteidigungsminister No Nguyen Giap - an der Spitze (DÜRR, 1986:90). Ihnen hatte Ho ein politisches Testament hinterlassen, das die Fortsetzung des Freiheitskampfes bis zur Wiedervereinigung des geteilten Vietnams forderte und seinen alten Plan der Schaffung eines Groß-Indochina-Staates unter Anschluß von Laos und Kambodscha aufrechterhielt. Zudem riet Ho Chi Minh seinen Nachfolgern, alles zu tun, um die durch den Konflikt zwischen Peking und Moskau gefährdete Einheit im sozialistischen Lager wiederherzustellen.

Ho selber hatte sich stets bemüht, eine neutrale Haltung im Konflikt der beiden kommunistischen Großmächte zu bewahren. Mit zunehmender Eskalierung des Krieges aber wurde Hanoi immer abhängiger von der Lieferung moderner sowjetischer Waffen. 1965 kam es zu einem Militärhilfe-Vertrag, der sowjetische Rüstungshilfe im Wert von rund zwei Millarden Dollar an Vietnam vorsah (FISCHER WELTGESCHICHTE, 1981:237). Auch der politische Einfluß Moskaus in Nordvietnam verstärkte sich zunehmend. Als nicht zuletzt durch Moskaus Vermittlung 1968 die Vorbereitungen direkter nordvietnamesisch- amerikanischer Verhandlungen begannen, wurde das von Peking zunächst als 'antichinesische Verschwörung der sowjetischen und amerikanischen Imperialisten' verurteilt. Je deutlicher sich jedoch die Tendenzen der amerikanischen De-Eskalierungspolitik abzeichneten, desto mehr verlagerte sich die chinesische Furcht vor einer Einkreisung von dem traditionellen amerikanischen Feindbild auf den neuen Gegner Sowjetunion.

4. Der Zusammenbruch Süd-Vietnams
Am 19. Juli 1972 nahm Kissinger mit dem nordvietnamesischen Chefunterhändler Le Duc Tho seine Geheimverhandlungen auf, die nach zahllosen Gesprächsrunden am 13. Dezember ergebnislos abgebrochen wurden. Daraufhin befahl der gerade wiedergewählte Nixon , am 18. Dezember die amerikanischen Luftangriffe auf Nordvietnam wieder aufzunehmen und die nordvietnamesischen Häfen zu verminen.

Dieser militärische Kraftakt, der mit ultimativen politischen Drohungen auch an die Adresse Saigons verkoppelt war - die Thieu-Regierung hatte sich geweigert, Verhandlungsergebnisse anzuerkennen -, zeigte schnell die beabsichtigte Wirkung. Am 26. Dezember erklärte sich Hanoi zu neuen Verhandlungen bereit, die nach Einstellung des Bombardements am 8. Januar 1973 wieder aufgenommen wurden und es kam schon am nächsten Tag zu einer Einigung. Am 23. Januar wurde das Abkommen von den vier Außenministern der USA, Nordvietnams, Südvietnams und der Provisorischen Revolutionsregierung in Paris unterschrieben, und der Waffenstillstand trat damit in Kraft.

Bis Ende des Jahres 1973 hatten sich die vietnamesischen Gegner gegenseitig mehr als 100.000 Verletzungen des Waffenstillstands bei der Internationalen Überwachungs- kommission angeklagt, diese war aber auf Grund fehlender Kontrollmöglichkeiten funktionsunfähig und stellte ihre Arbeit nach wenigen Monaten ein.

Bei den Versuchen der beiden Seiten, gewaltsam ihr Territorium zu vergrößern, sind im ersten Jahr des Waffenstillstands mit 100.000 Todesopfern fast ebenso viele Menschen ums Leben gekommen wie im letzten Kriegsjahr (WEGGEL, 1990:76).

Im Dezember 1974 begann Hanoi - nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte und angesichts der Lähmung der Nixon-Regierung durch die Watergate-Krise - mit einer Welle von Angriffen, die zu einem konventionellen Eroberungsfeldzug koordiniert wurden und den Widerstand der zahlen- und rüstungsmäßig gleich starken südvietnamesischen Armee in wenigen Wochen wie ein Kartenhaus zusammenbrechen ließ.

Die Hauptursachen dieser militärischen Katastrophe, die über das Thieu-Regime hereinbrach, waren die schwache Kampfmoral der politisch nicht motivierten Truppen sowie die völlig kriegsmüde Bevölkerung.

Nach einer fast kampflosen Preisgabe des Zentralen Hochlandes und einer wilden Flucht von Millionen Zivilisten und Soldaten brach der Verteidigungsring um Saigon schnell zusammen.

Am 21. April 1975 erklärte Präsident Thieu seinen während vier Verhandlungsjahren von Hanoi vergeblich geforderten Rücktritt und begab sich - gefolgt von Zehntausend anderen Flüchtlingen - ins Exil. Seine Nachfolge übernahm der Ex-General Duong Van Minh, der am 30. April die bedingungslose Kapitulation unterschrieb.

Die Verantwortung in Saigon übernahm ein sogenannter Militärischer Revolutionsausschuß unter Führung des nordvietnamesischen Generals Tran Van Tra.

5. Die Wiedervereinigung Vietnams und ihre Folgen
Die Eroberung Südvietnams durch die nordvietnamesischen Streitkräfte wurde von den Westmächten wie ein unvermeidliches Verhängnis zur Kenntnis genommen. Die kommunistischen Staaten hingegen feierten die Eroberung als 'Befreiung'.

Als im November 1975 erste Verhandlungen über die Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam aufgenommen wurden, war der Vertreter des Südens kein Mitglied der Provisorischen Revolutionsregierung, sondern ein im Süden geborener hoher Funktionär des nordvietnamesischen Politbüros namens Pham Hung.

Nachdem General Tran Van Tra am Tage der Kapitulation Saigons, das sofort in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt wurde, mit der Gleichschaltung der Verwaltung und Verwirklichung der 'Nationalen volksdemokratischen Revolution' begonnen hatte, fanden am 25. April 1976 die ersten gesamtvietnamesischen Wahlen statt; damit wurde im Grunde das nachgeholt, was nach den Beschlüssen der Genfer Indochinakonferenz 1954 bereits 19 Jahre vorher hätte geschehen sollen. Die Wahlen endeten mit dem vorprogrammierten Sieg der Hanoi-Gefolgschaft.

Am 25. Juni 1976 proklamierte die Nationalversammlung auf ihrer ersten Sitzung offiziell die Wiedervereinigung beider Teile Vietnams.

Die politische Gleichschaltung bedeutete in ihrer ersten Phase die 'Säuberung' der Verwaltung und des öffentlichen Lebens. Innerhalb weniger Monate verschwanden rund 200.000 Menschen in sogenannten Umerziehungslagern; Unter diesen zu unbefristeter Zwangsarbeit verdammten politischen Häftlingen befanden sich neben höheren Beamten und Offizieren der Thieu-Regierung auch prominente Gegner des früheren Regimes, unter anderem der Buddhisten-Mönch Thich Tri Quang und der Führer der oppositionellen Katholiken, Pater Tran Hun Tanh (DÜRR, 1986:88).

Die im September 1975 durchgeführte Währungsreform war praktisch eine Enteignung aller besitzenden Südvietnamesen und traf besonders den städtischen Mittelstand.

Aus den durch die Zuwanderung während des Krieges übervölkerten Städten wurden Millionen Menschen in 'Neue Wirtschaftszonen' deportiert und dort als landwirtschaftliche Arbeitskräfte eingesetzt. Gleichzeitig wurde ein politischer Kontrollmechanismus, der von der Parteizentrale - die Partei nannte sich wieder ehrlich 'Kommunistische Partei Vietnams - bis in die letzte Familie reichte.

Der Parteikongreß beschloß einen Fünfjahresplan mit dem Ziel, Vietnam zu einem sozialistischen Musterstaat mit moderner Industrie und Landwirtschaft, einer mächtigen nationalen Verteidigung und einer fortschrittlichen Kultur und Wissenschaft zu entwickeln. Dabei wurde Südvietnam die fast koloniale Funktion eines Lebensmittel-Produzenten zugewiesen, wohingegen für das nördliche Vietnam vor allem der Ausbau der Industriewirtschaft geplant wurde (und dies im wesentlichen mit sowjetischer Wirtschaftshilfe).

6. Die Antikriegsbewegung
Proteste an dem Vietnamkrieg wurden in den USA nach dem Tonking-Zwischenfall 1964 laut, verstreuten sich aber über das ganze Land und waren hauptsächlich auf einige Universitäten beschränkt.

Eine Umfrage ('Harris Poll') zeigte 1965 das lediglich 57 % der Amerikaner die Vorgehensweise ihrer Regierung in Vietnam 'richtig' fanden (POLLOCK, 1997:118).

Bereits zu diesem Zeitpunkt verbrannten die ersten US-Rekruten ihre Einberufungsbefehle.

Die von den Präsidenten geäußerten Halb- und Unwahrheiten über Ziel und Verlauf des Krieges untergruben das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung. Insbesondere die anfangs erfolgreiche Tet-Offensive der Kommunisten 1968, nur wenige Wochen nach den optimistischen Siegeserklärungen von General Westmoreland, erschütterten die Glaubwürdigkeit. Es entstand eine Vertrauenslücke ("credibility gap") zwischen Volk und Regierung (LUMER, 1987:70).

Das wahre Ausmaß der offiziellen Verschleierungen enthüllte sich im Jahre 1971, nach der Veröffentlichung der 'Pentagon Papers' in der New York Times; der Oberste Gerichtshof gab hier dem Ersuchen Nixons die Veröffentlichung zu verbieten nicht statt. So wurde z.B. bekannt, daß der Zwischenfall von Tonking 1964 eine vom Pentagon vorbereitete Provokation war, um dem Kongreß gegenüber einen 'offiziellen' Grund zur Bombardierung Nordvietnams zu haben (FULBRIGHT, 1982:132).

Auch durch die Veröffentlichung der Unmenschlichkeit und Brutalität des Krieges (insbesondere der Vorfall von May Lai) durch die Medien nahm der Widerstand nicht nur im Inland beträchtlich zu; die Rede war nun von einem 'schmutzigen ' Krieg der Amerikaner.

Die Bildung von Organisationen wie 'Vietnam-Veteranen gegen den Krieg' bewiesen, daß die Protestbewegung nicht nur von Studenten, die sich vor der Einberufung fürchteten getragen wurde.

Ho Chi Minh wurde in dieser Zeit zu einer Symbolfigur des Kampfes gegen Kolonialismus und Unterdrückung, ja gegen die 'etablierte Gesellschaft' schlechthin (WEGGEL, 1990:76). Sein Bild fand sich von jetzt an auf jedem Universitätscampus der westlichen Welt, und die 68-er Generation stellte im Namen der vietnamesischen Revolution nicht nur außenpolitische Forderungen, sondern begann auch Strukturen im jeweils eigenen Land zu hinterfragen. Das Verlangen nach einem 'Sieg des vietnamesischen Volkes' begann ein Teil des damaligen Zeitgeistes zu werden; nie wieder auch hat das Bild des "häßlichen Amerikaners" solche Dimensionen angenommen wie zur Zeit des Vietnam Krieges.

Das Ausmaß des 'anti-war-movement' zeigte sich am 15. Oktober 1969, als überall in den Vereinigten Staaten sogenannte 'Moratoriums'-Demonstrationen statt fanden. In New York kamen kamen zwanzigtausend Menschen zu einer Kundgebung zusammen, vor dem Weißen Haus in Washington fünfzigtausend und in Boston waren es gar hunderttausend Demonstranten, die den Krieg verurteilten (KISSINGER,1996:757).

1971 protestierten dann sogar 250.000 Menschen in Washington gegen die Fortsetzung des Krieges.

Dieser immense öffentliche Druck hat maßgeblich zu einem Umdenken der Regierung und zu einer forcierten Beendigung des Krieges beigetragen.

'NO MORE VIETNAMS'

Literaturverzeichnis
American Embassy (1965): Why Vietnam. The Roots of Commitment. Bonn.
Bauckhage, U. (1991): Vietnam - Die Sinnlosigkeit des modernen Krieges. Essen.
Buttinger, J. (1977): Vietnam. The unforgetable tragedy. New York.
Draguhn, W. & Schier, P. (1981): Indochina - Der permanente Konflikt?. Hamburg.
Dürr, H. & Hanisch, R.(1986): Südostasien - Tradition und Gegenwart. Braunschweig.
Eichholz, A. (1979): Der Vietnamkrieg im SPIEGEL. Berlin.
Fischer Weltgeschichte (1981): Das zwanzigste Jahrhundert - Weltprobleme zwischen den Machtblöcken. Frankfurt a. M.
Fulbright, J.W. (1983): Die Arroganz der Macht. Reinbeck.
Herring, G. (1996): America's longest war - The United States and Vietnam. New York.
Informationen zur politischen Bildung (1971): Südostasien: Geschichte und Gegenwart. Bonn.
Informationen zur politischen Bildung (1986): Die Vereinigten Staaten von Amerika. Bonn.
Kissinger, H.A. (1996): Die Vernunft der Nationen. Berlin.
Lumer, R. (1987): Der Einfluß der Opposition in den USA auf die Vietnampolitik. In: Berichte der Humboldt-Universität Berlin, Heft 26. Berlin.
Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft (1973): Vietnam - eine völkerrechtliche Analyse. Meisenheim am Glan.
Nalty, B. (1996): The Vietnam War - The History of America's conflict in southeast Asia. London.
Pollock, A. (1997): Vietnam. Conflict and Change in Indochina. Oxford.
Robinson, D. & Storey, R. (1998): Vietnam. Berlin.
Uhlig, H. (1988): Fischer Länderkunde Südostasien. Frankfurt a. M.
Weggel, O. (1990): Indochina. München.


* Letzte Änderung: 23.4.2005 - M.Waibel

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