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Kleiner Geländekurs in die EUREGIO Maas-Rhein

Rheinisch-Westfälisches Braunkohlenrevier - Aachen - Lüttich - Maastricht

8. Mai - 11. Mai 1997

Städtische Entwicklung und funktionale Struktur von Lüttich

Anke Kottmann & Maren Niehaus

INHALTSVERZEICHNIS

 1. Geschichtliche Entwicklung
1.1. Fürstbistum
1.2. Räumliche Stadtentwicklung
2. Heutige Struktur von Lüttich in seiner Funktion als Oberzentrum
Literaturverzeichnis


1. Geschichtliche Entwicklung

 1.1 Fürstbistum Lüttich liegt nordwestlich der Ardennen im Tal der Maas unterhalb der Ourthemündung auf 60 -170 m ü. M..

Abb.1: Das Maastal bei Lüttich ( aus: Euregio Maas - Rhein, 7)

 Zwar lassen Spuren auf eine Erstbesiedlung in der Jungsteinzeit schließen, die jedoch im Gegensatz zu den römerzeitlichen Städten in der Nähe bis zur Merowinger-Zeit bedeutungslos blieb. Das flußreiche und feuchtsumpfige Gebiet war zunächst für weitere Ansiedlungen unattraktiv. Statt dessen entwickelte sich das 25 km nördlich gelegene Maastricht ("trajectum ad mosam") um so mehr.

 382 n.Chr. wurde der seit 300 n. Chr. in Tongeren bestehende Bischofssitz nach Maastricht verlegt. Als 696 (oder 699) n. Chr. der Maastrichter Bischof Lambertus im heutigen Lüttich ermordet wurde, wurde er dort als Märtyrer verehrt, so daß sein Nachfolger Hubertus 717/ 718 n.Chr. die Reliquien nach Lüttich verlegte ( endgültig 721 n. Chr.). Mit dem steigenden Pilgerstrom bildete sich eine Ansiedlung, die bald darauf das Stadtrecht verliehen bekam und sich zu einem religiösen Zentrum entwickelte.

In der zweiten Hälfte des 9. Jhdt. mußte sich die Stadt gegen zahlreiche normannische Angriffe zur Wehr setzen. Aus diesem Grund baute Bischof Hartgart im Westen der Siedlung eine Befestigungsanlage ("Château St. Michel"). Im 10. Jhdt. entstand unter Bischof Heraclius erstmals ein Palast mit Kirche und Befestigung ("Château St. Sylvester") auf dem Mt. St. Martin. Auf Anraten Kaiser Ottos I. verlegte der Bischof auch seinen Amtssitz dorthin, um von den Stadtbewohnern unabhängiger zu werden. Sein Nachfolger - Bischof Notger - sorgte während seiner Amtszeit (972 - 1008) für eine erste räumliche Struktur Lüttichs: Er ließ eine Mauerbefestigung errichten und gründete zahlreiche Kirchen (z.B. 982: St. Johann; 986: Hl. Kreuz; 987: St. Dionysius). Außerdem wurden weitere Kirchen und geistliche Einrichtungen erneuert. 980 erlangte Notger den Rang und die Funktion eines Reichsfürsten, was der Stadt den Namen "Fürstbistum Lüttich" eintrug. Diesen Status behielt die Stadt bis zur Lütticher Revolution im Jahre 1789.

Lüttich entwickelte sich nach Köln immer mehr zum politischen, geistlichen und kulturellen Zentrum Niederlothringens. So erlangte das Handwerk im 10. und 11. Jhdt. mehr und mehr an Bedeutung. Der Bau einer Maasbrücke und Fernstraße nach Aachen gab auch dem Handelswesen einen enormen Aufschwung. Mit diesem wirtschaftlichen Aufschwung stiegen die Spannungen zwischen den Bürgern und bischöflichen Stadtherren bzw. dem städtischen Adel, da die Kaufleute den Anspruch auf eine Teilhaberschaft an der Stadtregierung erhoben. Die Bürgeraufstände wurden jedoch von den Fürstbischöfen niedergeschlagen, womit sie ihre Macht erneut demonstrieren konnten.

 Weitere Angriffe durch burgundische Herzöge und Grafen von der Mark schädigten die Stadt schwer - nur Kirchenbauten überdauerten diese Zeit (15.Jhdt.). Erst nach dem Tod Karls des Kühnen 1477, als Burgund an die Habsburger übergegangen war, konnte der Wiederaufbau Lüttichs beginnen. Unter Eberhard von der Marck (1505 - 1538) entwickelte sich die Stadt zu einer neuen Blüte. Vor allem das Metallgewerbe und die Herstellung von Handfeuerwaffen waren neben Eisenerz- und Steinkohlebergbau dominierende Wirtschaftszweige. Dieser erneute Wohlstand löste wieder Konflikte zwischen Kaufleuten und Fürstbischöfen aus. Da von französischer Seite durch Ludwig XIV. ebenfalls ein Interesse an dem Gebiet bestand, unterstützte dieser republikanisch gesinnte Bürger gegen den Fürstbischof. Französische Truppen besetzten mehrmals die Stadt (1676, 1684, 1691). Nach der Französischen Revolution (1789) wurde Lüttich von Frankreich annektiert (1801) und zum Verwaltungssitz des "Département de la Ourthe" erklärt.

1814 ging die Stadt an das neugegründete Königreich der Vereinten Niederlande. Seit 1830 gehört Lüttich zu Belgien.

 1.2. Räumliche Stadtentwicklung

 Der älteste Stadtkern liegt um den Place Lambert, wo bis zur Revolution (1794) die Kathedrale St. Lambertus stand. Um den Lambertusplatz breitete sich die Siedlung immer mehr aus, bis der Stadtmauerbau durch Bischof Notger (10. Jhdt.) eine weitere Ausdehnung der Siedlung erschwerte.

Abb.2: Lüttich um 1000 n. Chr. (aus: Euregio Maas - Rhein, 7)

Im Mittelalter wurden durch zahlreiche Brücken zunächst die Maasinsel und durch den Bau der Maasbrücke (Pont des Arches, 11.Jhdt.) das Ufer rechts des Flusses besiedelt. Außerdem weitete sich die bestehende Siedlung immer mehr nach Osten aus.

 Abb.3: Lüttich im 17. / 18. Jahrhundert ( aus: Euregio Maas - Rhein, 7)

 Eine Vergrößerung der Stadt war erst im 19. und 20. Jahrhundert durch zahlreiche technische Maßnahmen möglich. Durch Flußregulierungen von Ourthe und Maas konnte bis dahin sumpfiges Gebiet trockengelegt und als Bauland gewonnen werden. Weitere Brückenbauten über die Maas ermöglichten zusätzliche Besiedlungen am anderen Maasufer. Schließlich bekamen auch beide Ufer der Maas einen Bahnhof und einen größeren Binnenhafen, was für die wirtschaftliche Entwicklung ein großer Fortschritt war.
Durch das Wachstum des produzierenden Gewerbes (1914: 40.000 selbständige Handwerker), nahm die Bevölkerungzahl rapide zu ( 1831: 58.760 EW; 1914: 167.000 EW), wodurch auch der Flächenanspruch stieg. Der gleichzeitig steigende Versorgungsbedarf führte zur Ausweitung des tertiären Sektors (besonders Handel und Verkehrsgewerbe). Mit dem Wachstum der Umlandsbevölkerung wurde auch dort ein Industrialisierungsprozeß eingeleitet. Dieser wirtschaftliche Aufschwung war bedingt durch die Steinkohleindustrie, der dann Glasgewerbe, Buntmetall- und Eisenindustrie folgten. Seit 1974 gingen in der EUREGIO mit dem Rückgang der Steinkohleförderung 100.000 Arbeitsplätze verloren.

 2. Heutige Struktur Lüttichs mit seiner Funktion als Oberzentrum

 Lüttich ist heute die Hauptstadt der Provinz Lüttich in Wallonien mit 200.900 EW. Die Stadt ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Ostbelgiens und nimmt daher in ihrer Funktion die Stellung eines Oberzentrums ein. Das Industriegebiet ist eines der ältesten Europas und hat als Ballungsraum etwa 0,5 Mio. EW. Noch immer dominiert die Schwerindustrie: Stahl-, Edelstahl- und Walzwerke, Kupfer- und Zinkschmelzen, Glashütten, Leichtmetallindustrie, Apparatebau ( Wärmetechnik, Wasseraufbereitung), Kunstoffproduktion und -verarbeitung, Großbrauerei, Nahrungsmittel-, Zement-, Elektroindustrie, Druckereien und Verlage.
Entsprechend der Größe des produzierenden Gewerbes ist das Verkehrsnetz ausgebaut. Mit zahlreichen Autobahnen, Bahnlinien, Schiffahrtswegen (Maas, Albert-Kanal) und dem Regionalflugplatz Bierzet ist Lüttich der Verkehrsknotenpunkt der Region. Mit einem Umschlag von jährlich rund 15 Mio.t (1988) ist auch der Hafen entsprechend groß dimensioniert - der drittgrößte Binnenhafen Europas.
Zahlreiche Einkaufszentren, Spezialgeschäfte, Großhandelsmärkte und entsprechende Handels- und Industriemessen machen Lüttich außerdem zu einem Handelszentrum.
Durch die Universität (gegr. 1817), ein vielgliedriges Schulsystem, viele Museen, Theater und Kirchen hat die Stadt auch eine große Bedeutung auf dem Bildungs- und Kultursektor. Viele Einrichtungen dieser Art sind gleichzeitig Anziehungspunkt für Touristen (Fremdenverkehrszentrum). Dazu gehören besonders die Kirchen mit ihren wertvollen Kunstschätzen, wie dem Taufbecken von Reiner von Huy ( 1107 -18) in der romanischen Kirche St. Barthelemy.
Nicht zuletzt ist Lüttich das Verwaltungszentrum vieler überregionaler Einrichtungen (Provinzgouverneur, Arrondissementsverwaltung, etc.) und der katholischen Kirche (Bischofssitz).

 Lüttich war also sowohl in der Vergangenheit als auch heute das Zentrum der Region. Die Funktionen der Stadt sind seither mehr oder weniger unverändert geblieben. Lüttich ist eines der vier Oberzentren Belgiens und nach Brüssel gleichrangig mit Gent und Antwerpen einzuordnen.

 Abb.4: Heutige Struktur Lüttichs (aus: Euregio Maas- Rhein, 7)

 Die Stadt hat offensichtliche Strukturprobleme, die aus der wirtschaftlichen Vergangenheit resultieren. Auffällig ist die räumliche Trennung zwischen Industrie und Verwaltung. Viele Industrieparks und Betriebe des Großhandels konzentrieren sich aus Platzmangel im Maastal entlang der Autobahnen, wodurch eine günstige Verkehrsanbindung gewährleistet ist. Im Gegensatz dazu befinden sich im Innenstadtbereich überwiegend Einrichtungen des tertiären Sektors, wie Verwaltung, Einzelhandel und gehobene Dienstleistungsangebote. Im CBD befinden sich viele mehrgeschossige Gebäude, die - anders als vergleichbare Städte - jedoch noch eine hohe Wohnbevölkerung aufweisen. Hierbei muß erwähnt werden, daß die Hochhausbebauung im Maastal lange Zeit nicht gestattet war, aufgrund möglicher Bergschäden durch den Abbau von Steinkohle. Heute haben sich jedoch mehrere Schwerpunktgebiete mit höherer Bebauung herausgebildet (z.B. entlang des Maasufers und auf der südlichen Maasinsel). Erstaunlich ist, daß trotz eines Bevölkerungsrückganges die "Höhenverdichtung" stattgefunden hat.

 Ein weiteres Problem stellt sich in der geographisch bedingten Struktur des 24 km langen Industriegebiets. Die voneinander abhängigen Betriebe liegen sehr weit auseinander, was einen hohen verkehrstechnischen Aufwand bedeutet. Außerdem gibt es zahlreiche sogenannte "Industriewüstungen", d.h. stillgelegte Zechen, für die sich keine (privaten) Käufer finden lassen, da die alten Gebäude häufig nicht für die modernen Betriebe nutzbar sind. Entsprechende Sanierungsmaßnahmen sind oft zu kostspielig und von der stark verschuldeten Gemeinde nicht finanzierbar. Statt dessen werden meistens nur Teile der alten Gebäude anderweitig genutzt, z.B. durch Werkstätten. Die übrigen leerstehenden Hallen werden damit zu einem städtebaulichen Problem.

 Mit dem Ende der Bergbaus, der Umstrukturierung der Eisen- und Stahlindustrie und der Einstellung der Primärproduktion von Nichteisenmetallen sank die Beschäftigungsrate im industriellen Sektor dramatisch. Aufgrund zahlreicher Schließung großer Werksanlagen und dem aus der schlechten Konjunktur resultierenden Personalabbau kam es zu einer Arbeitsplatzverschiebung in den tertiären Sektor. Es konnten natürlich nicht alle Stellen gerettet werden, so daß die Arbeitslosenquote von 1985 bis 1990 auf 23,8 % anstieg - Tendenz steigend. Durch die bereits erwähnte Umstrukturierung und die durchgeführten Rationalisierungsmaßnahmen sank die Beschäftigtenzahl pro Betrieb von 51,9 im Jahre 1975 über 30,8 (1990) auf heute ca. 20. Es existieren noch rund 500 Industriebetriebe mit etwa 10.700 Arbeitnehmern. Seit 1974 wurden 60% der Arbeitsplätze in der Schwerindustrie abgebaut. Um der Arbeitsmarktstruktur zu neuem Aufschwung zu verhelfen, werden zahlreiche Maßnahmen ergriffen, z.B. die Einrichtung von Innovationszentren - wie dem Centre de Formation, das der metallverarbeitenden Industrie neue Technologien vermitteln will. Außerdem bekommen neue Betriebe als Starthilfe 18 % der Investitionssumme sofort erstattet. Anstelle von Metallverarbeitung, Maschinenbau und chemischer Industrie stehen heute z.B. biotechnische Institutionen und Betriebe der Softwareentwicklung (z.B. Siemens).
Durch die Einrichtung der außerstädtischen Industrieparks wurden ebenfalls etliche neue Arbeitsplätze geschaffen.

 Abb.5: Entwicklung der Arbeitnehmerzahlen von 1975-1990 (aus: Euregio Maas-Rhein, 31)

 Zusammenfassend kann man sagen, daß Lüttich eine strukturschwache Stadt mit zahlreichen ökonomisch, wirtschaftlichen und sozialen Problemen ist und daher dringender Sanierungsmaßnahmen bedarf.

 LITERATURVERZEICHNIS
Breuer, H.: Die Euregio Maas-Rhein im Luftbild. In: Euregio Maas-Rhein, Informationen und Materialien zur Geographie, Heft 7, S.16-22, Hrsg.: Maas-Rhein-Institut RWTH Aachen, 1980
Graul, R. Prof. Dr.: Alt-Flandern, Dachau, 1915
Radermacher, A.: Vorgestellt: Die provinziale Industrialisierungsgesellschaft - die Provinz Lüttich - eine neue industrielle Geographie. In: Euregio Maas- Rhein, Informationen und Materialien zur Geographie, Heft 26, S. 39 - 50, Hrsg.: Maas-Rhein Institut RWTH Aachen, 1990
Schreiber, T.: Lüttich. In: Euregio Maas - Rhein, Informationen und Materialien zur Geographie, Heft 7, S. 1 -15, Hrsg.: Maas - Rhein Institut RWTH Aachen, 1980
Wieger,A.: Industrieller Wandel und Beschäftigungskrise in der Provinz Lüttich. In: Euregio Maas - Rhein, Informationen und Materialien zur Geographie, Heft 31, S. 41-58, Hrsg.: Maas - Rhein - Institut RWTH Aachen, 1992
Verschiedene Materialien des Fremdenverkehrsamtes Lüttich


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