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Rheinisch-Westfälisches Braunkohlenrevier - Aachen - Lüttich - Maastricht

8. Mai - 11. Mai 1997


Karl der Große: Sein Wirken in Aachen und in Europa

 Thorsten Mewes & Christian Richter

"Er war von breitem und kräftigem Körperbau, hervorragender Größe, die jedoch das rechte Maß nicht überschritt - denn man weiß, daß sie sieben seiner Füße betrug (nach neueren Messungen der Gebeine 1, 92 Meter; d. V.). Der Schädel war rund, die Augen groß und lebhaft, die Nase überragte ein wenig das Mittelmaß. Er hatte schönes graues Haar und ein freundliches und heiteres Gesicht. So bot seine Gestalt im Stehen wie im Sitzen sich voller Autorität und Würde dar, wenngleich sein Rücken stark und etwas zu dick, sein Leib hervorzutreten schien; denn das Ebenmaß der anderen Glieder verdeckte das. Sein Gang war fest, die ganze Haltung männlich, die Stimme hell, was freilich zu der Gestalt nicht recht passen wollte."
(Einhard über seinen väterlichen Freund und Förderer Karl den Großen)

1. CHLODWIG UND DIE ENTSTEHUNG DES FRÄNKISCHEN REICHES
Als Schöpfer des Fränkischen Reiches kann man den Merowinger Chlodwig (König von 481 - 511) bezeichnen. Er ist zunächst nichts anderes als ein Kleinkönig neben anderen, ausgestattet mit einem begrenzten Herrschaftsbereich. Durch Ausschaltung von Rivalen gelingt es ihm jedoch, die Alleinherrschaft zu erringen. Er vernichtet 486/87 bei Soissons die letzte Bastion Roms in Gallien. Das Seine-Becken mit Paris, das zur merowingischen Königspfalz wird, gehört damit in der Folgezeit zum Herrschafts- und Siedlungsbereich der Franken.
Umfangreiches und jetzt herrenloses römisches Land fällt dem Frankenkönig auf seinen Beutezügen in die Hände und wird seiner adeligen Gefolgschaft zugewiesen, um das Band zwischen König und Adel zu festigen.
Chlodwigs Fernziel ist es, die Alleinherrschaft in ganz Gallien zu erringen. Dieses Ziel wird durch die Alamannen gefährdet. Sie dringen vom Elsaß aus nach Süden, Norden und Nordwesten vor, können jedoch 496/97 von Chlodwig geschlagen und unterworfen werden. In diese Zeit fällt auch Chlodwigs Übertritt zum römisch-katholischen Glauben. Die genauen Gründe für den Übertritt sind unbekannt. Es ist aber zu vermuten, daß machtpolitische Gründe ausschlaggebend sind. Mit der Taufe entfällt nicht nur eine religiöse Schranke zwischen Franken und Galloromanen, Chlodwig gewinnt dadurch auch die Unterstützung der Bischöfe im Land. Mit Chlodwigs Übertritt wird das spezifisch mittelalterliche Prinzip von königlicher Macht und römisch-katholischer Konfession begründet.
In der Folgezeit gelingt es Chlodwig, seinen Machtbereich weiter auszudehnen. Das arianische Westgotenreich mit Toulose als Mittelpunkt wird beseitigt; die Expansionspolitik über den Rhein hinaus beginnt.
Durch den Tod Chlodwigs kommt es zur Aufteilung des fränkischen Reiches in einen westlichen Teil Neustrien (zwischen Schelde und Loire mit Paris) und einen östlichen Reichsteil Austrien (mit Reims und Metz). Die nachgeborenen Söhne gelten in gleicher Weise als erbberechtigt, ein Teilungsprinzip, das merowingisch-karolingische Tradition werden soll und in der Folgezeit wiederholt zu Spannungen führt.
Nach dem Tode Clothars, eines Sohnes Chlodwigs, kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen um die Herrschaft im Merowingerreich. Es folgt ein zwanzig Jahre währender Bürgerkrieg, in dessen Folge sich neben Austrien und Neustrien das 531 eroberte Burgund als drittes Teilreich herauskristallisiert.

2. DER AUFSTIEG DER KAROLINGER
 Der Aufstieg der Karolinger zum führenden Könighaus in Europa ist eng verknüpft mit der beherrschenden Stellung, die das Hausmeieramt in den fränkischen Teilreichen gewonnen hat. De iure repräsentiert der König die oberste Gewalt im Reich, de facto aber hat sie der Hausmeier inne. Der Hausmeier (major domus) kommt aus den Reihen des Adels und steht an der Spitze der königlichen Gefolgschaft. Er hat weitreichende Aufgaben und seine politische Macht nimmt nicht zuletzt wegen der ständigen Krisen innerhalb der merowingischen Herrscherfamilien ständig zu. Als Hausmeier in Austrien treten die Karolinger in das Land der Geschichte. Die Karolinger sind durch Heiratsverbindungen zwischen den grundbesitzenden Arnulfingern und den Pippiniden entstanden. Pippin der Ältere ist Hausmeier in Austrien, und zwar zu einer Zeit, als das Hausmeieramt bereits erblich geworden ist. Pippins Hauptziel ist es zunächst, den drohenden Zerfall des merowingischen Reiches zu verhindern und den fränkischen Machtbereich zu erweitern. Dies gelingt ihm auch weitgehend, doch bleibt es 687 seinem Enkel - Pippin dem Mittleren - vorbehalten, den Hausmeier in Neustrien zu schlagen und damit zum führenden Mann im Reich zu werden. Die offensive Politik Pippins des Mittleren (vor allem gegen die Bayern und gegen die Alamannen) wird von seinem unehelichen Sohn Karl Martell erfolgreich fortgesetzt. Er besiegt 732 bei Tours die Araber und verhindert damit deren weitere Expansion. Darüber hinaus unterwirft er mit Hilfe der Langobarden erneut Burgund. Dies alles erreicht Karl Martell als Hausmeier. Versuche des Papstes, Karl Martell als Bündnisgenossen gegen die Ausdehnungspolitik der Langobarden zu gewinnen, mißlingen.
Den entscheidenden Schritt zur Königswürde unternimmt erst Pippin der Jüngere, der 741 gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann das Hausmeieramt erbt. Die beiden Brüder setzen mit Childerich III. noch einmal einen Merowinger auf den Königsthron, doch ist dieser bereits vollkommen abhängig von der politischen Macht der Karolinger. Als sich 747 Karlmann in ein italienisches Kloster zurückzieht, gibt sich Pippin der Jüngere nicht mehr länger mit dem Hausmeieramt zufrieden. Die tatsächliche Machtfülle, die er inzwischen erworben hat, soll nunmehr im Königstitel ihren adäquaten Ausdruck finden, zumal mit dem Königtum auch der Erwerb der merowingischen Königsgüter verbunden ist. Der Sturz der Merowinger gelingt mit Hilfe des Papsttums. Pippin besitzt zwar eine außerordentliche Machtfülle, doch dies allein wäre in den Augen der Zeitgenossen noch keine Legitimation dafür gewesen, Childerich III. vom Königsthron zu vertreiben. Nicht die karolingischen Hausmeier, sondern die Merowinger besitzen königliches Geblüt, aus dem erbrechtliche Ansprüche abzuleiten sind. Nur der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden konnte Pippin die fehlende Legitimationsgrundlage verschaffen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Anfrage, die Pippin 751 an Rom richten läßt, ob es gut sei oder nicht, daß das Frankenreich von einem machtlosen König regiert werde. Erst als Papst Zacharias zur Antwort gibt, daß es besser sei, denjenigen König zu nennen, der die Macht habe, kann es Pippin wagen, den Merowinger vom Königsthron zu stoßen.
Das Verhalten des Papstes erklärt sich aus der damaligen Situation. Der Papst war auf der Suche nach mächtigen Bündnisgenossen. Wieder sind es die Langobarden, die Rom und römisches Gebiet bedrohen. Hilfe von Byzanz, das über einige Gebiete Italiens noch Herrschaftsrechte besitzt und dessen Kaiser sich als legitime Nachfolger der römischen Caesaren verstehen, ist nicht zu erwarten, da das oströmisch-byzantinische Reich selbst aüßeren Bedrohungen ausgesetzt ist (arabisches Vordringen, Vorstöße der Bulgaren) und seine Kräfte bündeln muß. Hinzu kommen theologische Unstimmigkeiten zwischen Byzanz und dem Papst. Dabei geht es um die Frage, ob Bilder von Heiligen verehrt werden sollen oder nicht. Während Rom dies uneingeschränkt bejaht, gibt Byzanz keine eindeutige Antwort. 751 wird Pippin der Jüngere auf Geheiß des Papstes zum fränkischen König gesalbt.
Nachdem sich die Situation in Italien noch zugespitzt hat, wird das Bündnis zwischen Rom und Franken 753/54 weiter gefestigt. Papst Stephan II. kommt über die Alpen und trifft sich bei Paris mit dem fränkischen König. Die Beschlüsse von Quierzy bringen dem Heiligen Stuhl unmittelbare, greifbare Vorteile, die Hilfe, die man Pippin 751 geleistet hat, zahlt sich aus. Der Frankenkönig verspricht, die von den Langobarden besetzten Gebiete zurückzuerobern und alle Rechte des Heiligen Stuhles wiederherzustellen. Als Gegenleistung wird Pippin erneut gesalbt, diesmal aber vom Papst persönlich - ein wichtiger Schritt, denn dadurch wird noch einmal nachdrücklich die Legitimität des neuen Königs sichtbar. Hinzu kommt, daß Pippin und seinen Söhne vom Papst der Titel des "Patricius Romanorum" verliehen wird. Der Patricius Romanorum ist zur Verteidigung der Kirche und seines Oberhauptes verpflichtet, nicht nur theoretisch, sondern notfalls auch mit Waffengewalt.
Pippin scheut zunächst eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Langobarden. Er ist darum bemüht, das Langobardenproblem auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Als dies mißlingt, zieht er 754 mit einem fränkischen Heeresaufgebot nach Italien. Der Langobardenkönig unterwirft sich daraufhin seiner Oberhoheit und verspricht, die eroberten Gebiete zurückzugeben, hält aber seine Versprechen nicht ein. Nach einem zweiten Feldzug gegen die Langobarden im Jahre 756 wird auf der Grundlage der berühmten Pippinischen Schenkung der Weg zum Kirchenstaat geschaffen. Pippin zwingt den Langobardenkönig zur Herausgabe mehrerer Gebiete (z.B. Ravenna und Bologna) und schenkt diese dem Heiligen Stuhl. Die zurückeroberten Gebiete gehen also nicht an den ursprünglichen Herren, dem oströmischen byzantinischen Kaiser, sondern fallen direkt an den Papst.

3. DIE HERRSCHAFT KARLS DES GROßEN
Pippin der Jüngere stirbt 768 und hinterläßt nach fränkischer Tradition seinen Söhnen Karl dem Großen (742 - 814) und Karlmann (751 - 772) jeweils einen Teil des fränkischen Reiches. Bald kommt es deswegen zu Spannungen zwischen den Brüdern, nicht zuletzt wegen der Frage, ob das ökonomische Gewicht der zugewiesenen Gebiete gleichwertig sei. Der Konflikt verschärft sich infolge der unterschiedlichen Haltung der Brüder gegenüber den Langobarden. Durch Vermittlung der Königinmutter heiratet Karl die Tochter des Langobardenkönigs Desiderius. Der Papst fühlt sich durch dieses Vorgehen hintergangen und fürchtet nicht zu Unrecht ein erneutes Vorgehen der Langobarden gegen Rom. Karlmann hält an der Politik seines Vaters fest und bleibt dem päpstlich-fränkischen Bund treu. Sein früher Tod im Jahre 771 verhindert einen schärferen, vielleicht bewaffneten Konflikt zwischen ihm und Karl.
Durch Karlmanns Tod wird Karl der Große zum Alleinherrscher im Fränkischen Reich. Als sich Karlmanns Witwe mit dem Langobardenkönig verbündet und dieser erneut vor Rom zieht, überdenkt Karl seine bisherige Italienpolitik. Er verstößt seine langobardische Gemahlin und nimmt den Hilferuf des Papstes zum Anlaß, 773/74 Krieg gegen die Langobarden zu führen. Durch diesen Krieg erreicht Karl weit mehr, als seinem Vater jemals vergönnt war. Nach der Kapitulation des Desiderius beseitigt Karl die seit Jahrhunderten bestehende Autonomie der Langobarden in Italien und nimmt selbst den Titel eines Königs der Langobarden, rex Langobardorum, an. Er ist nunmehr König der Franken und der Langobarden. Die Zusagen und Schenkungen von 754 und 756 werden von Karl 774 in Rom gegenüber dem Papst feierlich erneuert; die Unterstützung der päpstlichen Gebietsansprüche bleibt auch in der Folgezeit fester Bestandteil der karolingischen Politik. 781 läßt Karl der Große seine Söhne Pippin und Ludwig in Rom zu Königen salben; Pippin wird Unterkönig der Langobarden, Ludwig Unterkönig in Aquitanien (Gebiete südlich der Loire). Dies alles geschieht ohne Rücksicht auf Byzanz; die Durchsetzung eigener Interessen hat Vorrang; allerdings vermeidet Karl einen offenen Konflikt mit dem Oströmischen Reich, es geht ihm nicht um einen erkennbaren Weltherrschaftsanspruch.

 Bereits nach wenigen Regierungsjahren ist Karls Ansehen als vortrefflicher Herrscher gefestigt. Im Jahre 777 erreicht ihn auf dem Reichstag in Paderborn ein Hilferuf des Statthalters von Barcelona, Ibn al Arabi. Dieser unterstellt sich dem Frankenkönig und bittet als Gegenleistung um Unterstützung gegen den Omaijaden Abderahman, der in Cordoba ein eigenes Kalifat errichtet hat. Offensichtlich aus der Absicht heraus, seinen Einflußbereich weiter auszudehnen und einem Teil der christlichen spanischen Bevölkerung wieder einen christlichen Herrscher zu verschaffen, kommt es 778 zum Spanienfeldzug Karls des Großen, der mit einer Niederlage endet. In der Folgezeit gelingt es Karl aber immerhin, eine spanische Mark zu errichten, die in ihrer größten Ausdehnung 812 bis zum Ebro reicht.
Zu den schwersten Auseinandersetzungen, die Karl in seiner sechsundvierzig Jahre währenden Regierungszeit auszustehen hatte, kam es jedoch östlich des Rheins. Mehr als dreißig Jahre lang kämpfte Karl gegen die Sachsen, die in mehrere Stammesgruppen untergliedert waren. Der Krieg beginnt 772 und endet erst 804. Einen erbitterten Gegner auf Seiten der Sachsen fand der Frankenkönig vor allem in Widukind, der wiederholte Male von Dänemark aus gegen Karl operierte und für die Freiheit und die überlieferten heidnischen Glaubensinhalte der Sachsen kämpfte. Nachdem Widukind 785 seine Unterlegenheit einsieht und sich taufen läßt, verlieren die Auseinandersetzungen zwischen Franken und Sachsen ihre Schärfe, ohne aber völlig zum Erliegen zu kommen.
In keiner Auseinandersetzung hat Karl so grausam und rücksichtslos seine Stärke demonstriert wie im Krieg gegen die Sachsen. Mit eiserner Hand wurde die sächsischen Stämme christianisiert. Auf Verweigerung der Taufe stand jahrzehntelang die Todesstrafe. Allein bei Verden - so berichten die Reichsannalen - soll es 782 infolge einer Strafaktion zu mehr als 4000 Hinrichtungen gekommen sein, nachdem Widukind und seine Leute ein fränkisches Heer vernichtet hatten, allerdings ist die Zahl der Getöteten wahrscheinlich zu hoch gegriffen. Solche Bluttaten sind für Karl den Großen keineswegs typisch. Sie bleiben eine Ausnahme. Karl ist - natürlich unter Berücksichtigung der damals vorherrschenden Sitten - kein besonders blutrünstiger und rachsüchtiger Herrscher; er versteht es vielmehr, diplomatisch Fäden zu ziehen und auf allen Seiten neue Gefolgsleute an sich zu binden.

 Auch Bayern wird durch Karl den Großen faktisch dem Fränkischen Reich eingegliedert. Unter den Agilolfingern hat sich dort ein recht lebensfähiges Stammesherzogtum entwickelt. Die in Regensburg residierenden Herzöge haben das Recht, Bischöfe einzusetzen, sind aber nach außen an die Karolinger gebunden. Herzog Tassilo, ein Cousin Karls des Großen, hatte bereits 757 den Lehenseid geleistet, diesen aber gebrochen, als er bei einer Auseinandersetzung mit Aquitanien das Heer verließ. Auf der Grundlage dieses lang zurückliegenden Vergehens gelingt es Karl, Tassilo zur Absetzung zu zwingen. Der bayerische Herzog wird 788 in ein Kloster geschickt, Bayern fortan von fränkischen Präfekten verwaltet.
Ein weiterer Erfolg Karls ist die Niederschlagung der Awaren, eines mongolischen Reitervolkes, das sich an der Donau festsetzt und von dort aus Raubzüge unternimmt. Zwischen 791 und 799 werden die Awaren vernichtend geschlagen, ihre Schätze erbeutet und nach Aachen gebracht.

4. KARLS KAISERKRÖNUNG
 Die Ereignisse, die zu Karl Kaiserkrönung führen, gehen von Rom aus. Dort ist das Papsttum unter den Einfluß des stadtrömischen Adels und seiner verschiedenen Fraktionen und Gruppierungen geraten. 799 kommt es zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Papst Leo III. in Rom überfallen wird. Er wendet sich hiernach an Karl und bittet den Schutzherren der Kirche um Hilfe. Als Ergebnis der Verhandlungen, die zwischen dem Papst und Karl in Paderborn stattfinden, zieht Karl im Sommer 800 mit einem großen Aufgebot nach Rom. Leo III. empfängt ihn - noch vor der Krönung - zwölf Meilen vor der Stadt mit Kaiserzeremoniell. Am 25. Dezember des Jahres 800 setzt der Papst schließlich in der Peterskirche dem Frankenkönig die Kaiserkrone auf.
Es ist wahrscheinlich, daß Karl von der bevorstehenden Krönung durch Leo III. wußte, historisch endgültig zu belegen ist diese Vermutung aber nicht. Mit Karls Krönung tritt an die Seite des oströmischen Kaisers das westliche Kaisertum. Machtpolitisch erscheint dieser Vorgang mehr als gerechtfertigt. Die reale Machtbasis Karls bildet das 774 um Norditalien erweiterte Fränkische Reich, ein Gebiet also, das vom Atlantik bis zur Elbe reicht. Die Macht Karls des Großen übersteigt damit schon längst die normalen Sphären eines frühmittelalterlichen Königreiches.
Nach einigen kleineren Auseinandersetzungen mit Byzanz kommt es 812 auch zur Aussöhnung zwischen dem älteren Kaiserreich Byzanz und dem neuen Kaisertum im Westen. Ostrom erkennt Karl als Imperator an, ihm wird sogar das Recht zuerkannt, die byzantinischen Kaiser mit "Bruder" anzusprechen. Karl geht es in den Auseinandersetzungen mit Byzanz von Beginn an um Parität, nicht um eine Vormachtstellung des Frankenreiches gegenüber dem oströmischen Kaisertum.

5. KARL UND SEIN WIRKEN IN AACHEN
 Lange Jahre hindurch lag dem König der Gedanke fern, eine Residenz zu bauen. Er hat seine Gelehrten, die Schreiber, Theologen, Künstler und Dichter, nicht in einer Pfalz zusammengezogen. Innere und äußeren Unruhen zwangen ihn Jahr für Jahr ins Feld. Seine Freunde mußten ihn jeden Winter in einem anderen Hofgut, jedes Frühjahr auf einem anderen März- oder Maifeld, jeden Herbst in anderen Jagdrevieren aufsuchen. Erst die letze seiner vier Gattinnen mag so etwas wie ein Zuhause gehabt haben. Frauen, Söhne und Töchter waren meist gemeinsam mit dem Frankenherrscher unterwegs. So wurde z. B. Ludwig der Fromme, der spätere Nachfolger Karls des Großen, am Fuß der Pyrenäen auf dem Araberfeldzug von 778 geboren.
Das gemeinsame Kriegswerk, der Zwang, sich jedes Jahr erneut im Feld zu treffen, dem sich alle Großen und Freien fügen mußten, hat das Reich zusammengehalten und die persönlichen Verbindungen in dieser verkehrsarmen Zeit gewährleistet.
Das auf den Reisen gefestigte Wissen um die Verschiedenartigkeit der Zustände im Reich beunruhigte Karl, so daß er zeit seines Lebens nach Einheit und Einheitlichkeit strebte. In den verschiedenen Provinzen wurden unterschiedliche Münzen, Gewichte und Maße gebraucht, der Gottesdienst wurde in jeweils voneinander abweichenden Riten vollzogen, die heiligen Texte lagen in abweichenden Fassungen vor und wurden voneinander abweichend gedeutet, so daß fast jedes Kloster nach seinen eigenen Bräuchen lebte.
Im Winter 788/89 war Karl zum erstenmal nach 20 Jahren wieder mehrere Monate hindurch in Aachen. Heute wird angenommen, daß Karl zu dieser Zeit den Entschluß faßte, Aachen zu einer Pfalz auszubauen. Dennoch dauerte es noch bis 794, bevor Karl und sein Hof nach Aachen übersiedelte. Damit begann ein zweiter Abschnitt im Leben des Frankenherrschers. Aus dem Frankenführer zu Pferd wurde nun ein König mit einer Residenz. Die guten Jagdmöglichkeiten und die warmen Bäder mögen die Wahl des Ortes mitbestimmt haben. Nur unter dringendem politischen oder militärischem Zwang hat Karl fortan Aachen verlassen, häufiger in den ersten sieben Jahren, immer seltener in den letzen zwölf. In Aachen konstituierte sich auch der Freundes- und Ratgeberkreis, den man die Akademie Karls des Großen genannt hat und der sich in den verschiedensten Bereichen um die Einheitlichkeit im Reich bemühte.
In Aachen sollte eine neue Monumentalpfalz entstehen, die sich - so das Ziel - mit Rom sollte messen können. Mit ungeheurer Schnelligkeit hat man gebaut. Antike Bauwerke wurden abgerissen, um ihre Quader neu zu benutzen; aus zahlreichen Brüchen entnahm man Steine. Ein großes Bad wurde neu angelegt; die Marienkapelle entstand. Aus Rom und Ravenna ließ Karl Mosaikplatten, Kapitelle und Säulen kommen; gleiches gilt für das Bronzereiterbild des Theoderich und für die Marmorplatten des Thrones . Eigene Werke kamen hinzu, wie z.B. die Pfalzkapelle selbst mit ihrem achteckigen Zentralbau. Karl mußte in Aachen keiner bodenständigen Überlieferung Rechnung tragen. Es gab nur Jagd, Landwirtschaft und Bad.
Von überallher kamen die von Karl herbeigerufenen Kleriker, Künstler und Handwerker, die er großzügig bewirtete. Die Kultur blieb vorwiegend den Fremden überlassen, allein das Kriegsgeschäft blieb in den Händen des eigenen Adels. 796 wurde zudem der eroberte Schatz der Awaren in sechzehn Ochsenkarren nach Aachen gebracht und verbreitete das trügerische Vertrauen auf die neugewonnene Wirtschaftskraft der Stadt. Noch größere Aufmerksamkeit erregte der weiße Elefant Abulabaz, den Karl von dem sagenumwobenen Kalifen von Bagdad, Harun al Raschid, zum Geschenk bekam und der fortan die Hauptattraktion des Aachener Zoos werden sollte. Die fremden Gestalten, Tiere und Trachten, das ständige Kommen und Gehen verliehen dem Hof Karls jenen märchenhaften Glanz, der für das ganze Mittelalter zu einem Kaisereinzug und Festzug gehören sollte.
Von der Kaiserkrönung in Rom (Winter 800/01) ist Karl in eigentümlicher Nachdenklichkeit nach Aachen zurückgekehrt. Einhard, der Biograph Karls des Großen, weiß davon zu berichten, daß der Frankenherrscher das Kaisertum als eine sittliche Verpflichtung verstand und ihn nunmehr ein Unbehagen über seine neue Stellung zwischen Römertum und Frankengröße beschlich. Der Zwiespalt zwischen dem Leben an einem germanischen Fürstenhof und dem römischen Kultur- und Staatsprogramm tat sich auf. Es ist wahrscheinlich, daß sich Karl vor allem nach der Kaiserkrönung wieder verstärkt auf seine fränkische Abstammung besann. Er ließ die alten Gesänge seines Volkes aufschreiben und bemühte sich fortan, eine Grammatik der fränkischen Sprache schreiben zu lassen. Erst am Hofe Karls wurde auch erkannt, daß die Germanen - aller Dialekte zum Trotz - eine gemeinsame Sprache hatten, für die sich mehr und mehr der Name "Theodisk" - deutsch - durchsetzte.
Karls entschlossene Blickwendung nach Rom hatte gleichzeitig eine entschiedene Pflege der eigenen Kultur zur Folge, die vor allem in Aachen mit Sorgfalt betrieben wurde.

6. DER ZUSAMMENBRUCH DES KAROLINGISCHEN REICHES
 Karl der Große ist aus der deutschen Geschichte sowenig wegzudenken wie aus der französischen oder der italienischen, wenngleich er weder Deutscher noch Franzose oder Italiener war. Karl war eine europäische Gestalt; bereits seine gelehrten Freunde am Hof hatten ihn "Vater Europas" genannt, und noch heute berufen sich Deutsche wie auch Franzosen auf Karl als einen ihrer Gründerväter.
Verschiedene Ursachen führten nicht lange nach dem Tod Karls zu einer permanenten Krise des Karolingischen Reiches, aus dessen Erbmasse Frankreich und das Deutsche Reich hervorgehen. Allein die seinerzeit vorherrschenden Schwierigkeiten bei der Nachrichtenübermittlung lassen gewahr werden, wie schwierig es für eine Zentralgewalt sein muß, Anordnungen im Reich durchzusetzen. Hinzu kommen die partikularen Interessen des Adels, auf die der König trotz seiner herausragenden Stellung angewiesen bleibt. Das Selbstbewußtsein der adeligen Kreise wird im 9. und 10. Jahrhundert erheblich gesteigert, weil sie oftmals bei der Abwehr gegen äußere Feinde auf sich allein gestellt sind. Die Nachfahren Karls des Großen schwächen sich in Brüderkämpfen gegenseitig. Die Erbteilung, an die auch die Nachfahren Karls des Großen festhalten, zeigt ihre negativen Folgen. Es sind zunächst vor allem die Einfälle normannischer, insbesonderer dänischer Wikinger, die das Reich vor große Probleme stellen. Die Wikinger nutzen die innere Krisensituation aus und unternehmen weite Raubzüge in das Landesinnere hinein. Sie verbreiten den Schrecken eines oft erbarmungslosen und grausamen Gegners. Im Fränkischen Reich enden die Übergriffe erst 911.
Eine weitere Gefahr bilden die Ungarn, die seit Mitte des 9. Jahrhunderts ihre Besitzungen in Rußland verlassen und vor allem den bayerischen und sächsischen Adel vor Probleme stellen.
Zwar wird das Karolingerreich 882 unter der Krone Karls des Dicken noch einmal vereint, doch wird er 887 vom Adel wegen seines Versagens im Kampf gegen die Normannen abgesetzt. In der Folgezeit beschleunigt sich der Prozeß des Niedergangs des karolingischen Adelsgeschlechts und damit der fränkischen Einheit. Es kristallisieren sich mit Ost- und Westfranken zunehmend zwei voneinander unabhängige Reiche heraus.

7. LITERATUR
Beumann, Helmut: Grab und Thron Karls des Großen zu Aachen, in: Ders: Wissenschaft vom Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze. - Köln u. Wien 1971, S. 347 - 376.
Braunfels, Wolfgang: Der Aachener Hof und seine Kultur, in: Karl der Große - Werk und Wirkung. - Aachen 1965, S. 19 - 32.
Fleckenstein, Josef: Karl der Große. - 2. Aufl., Göttingen u.a. 1967.
Ganshof, Francois L.: Karl der Große und sein Vermächtnis, in: Karl der Große - Werk und Wirkung. - Aachen 1965, S. 1 - 8.
Paschke, Uwe K.: Das Frühe Mittelalter, Aufstieg, Blüte und Verfall des Frankenreiches unter den Merowingern und Karolingern, in: Holles Universalgeschichte 1 - Vom Höhlenbewohner zum Entdecker der Welt. - Baden-Baden o. J., S. 204 - 222.
Weidemann, Konrad: Von der Spätantike zu Karl dem Großen, in: Karl der Große - Werk und Wirkung. - Aachen 1965, S. 45 - 148.


 Letzte Änderung: 7.10.1997 - maw

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