EUREGIO Maas-Rhein Logo

Kleiner Geländekurs in die EUREGIO Maas-Rhein

13. Mai - 16. Mai 1999


Karl der Große, Otto der Große und der Staufer Friedrich Barbarossa

Ihr Wirken in Aachen - Ein kritischer Vergleich der Staatsmänner
 
 
Evelin Eichler

 

Inhaltsverzeichnis
Einleitung

1. Karl der Große - sein Leben und Wirken in Aachen

2. Otto der Große - Kaiser in karolingischer Tradition

3. Friedrich Barbarossa - der zweite Gönner Aachens

4. Das Wirken der drei Kaiser im Vergleich

Literaturverzeichnis

Einleitung
In der folgenden Arbeit geht es um drei Staatsmänner des Mittelalters - um Karl den Großen, Otto den Ersten und Friedrich Barbarossa. Dabei soll ihr Wirken in Aachen, der ersten deutschen "Hauptstadt", im Vordergrund stehen und einem Vergleich unterzogen werden.

Karl der Große, dem im Deutschen Reich bis ins Spätmittelalter für die ihm zugewiesene Rolle des Reichsgründers die größte Verehrung entgegengebracht worden ist, hat auf spätere Herrscher sehr großen Eindruck hinterlassen. Sowohl Otto der Erste als auch Friedrich Barbarossa sahen sich als Nachfolger des großen Kaisers, der das fränkische Reich gefestigt und vereinigt hatte, und bemühten sich, in ihrem Handeln den Grundsätzen Karls zu entsprechen. Daß die Vorlieben Karls jedoch trotzdem nicht immer ausschlaggebend für Otto und Friedrich waren, macht das Beispiel Aachen deutlich.

1. Karl der Große - sein Leben und sein Wirken in Aachen
Karl der Große wurde entweder 742 oder 747 geboren und trat seine Herrschaft 768 gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann an. Karls Vater, Pippin der Jüngere, hatte seinen Söhnen nach fränkischer Tradition jeweils einen Teil des Reiches hinterlassen. Sehr schnell kam es zwischen den Brüdern zu Konflikten, da Karlmann an der Politik des Vaters festhielt und einem durch Pippin geschlossenen fränkisch-päpstlichem Bund treu zu bleiben versuchte, während Karl eine eigene Politik betrieb.

Als Karlmann 771 starb, wurde Karl zum Alleinherrscher eines riesigen Königreichs, des größten, welches zur damaligen Zeit in Europa existierte. In den ersten Jahren seiner Herrschaft ging es ihm vor allem um Festigung und Ausbau der Macht. Dieses Ziel verwirklichte er primär durch verschiedenste Kriegszüge, durch welche sein Ansehen als Herrscher bereits nach wenigen Jahren gefestigt worden war.

Bis zu Karl dem Großen war es für den Königshof unüblich, eine feste Residenz zu haben. Der Herrscher zog mit seinem Gefolge von Pfalz zu Pfalz, um dort eine Weile zu bleiben und dann weiterzureisen. Die Pfalzen (lateinisch palatium: Palast) waren repräsentative Steinbauten, welche die gesamte Hofgesellschaft, die oft mehr als hundert Personen zählte, zu beherbergen hatte. Aachen war bis etwa 786, nach dem vorläufigen Ende des Sachsenkrieges, eine Pfalz unter vielen, die den Hof so lange versorgte, bis alle Vorräte aufgebraucht waren. Ab 786 aber hielt sich Karl öfter in Aachen als in anderen Pfalzen auf und erwählte den Ort 794 schließlich zu seiner Hauptstadt. Aachen kann somit als die erste deutsche Hauptstadt bezeichnet werden. Für die Wahl Aachens spielten unterschiedliche Gesichtspunkte eine Rolle: Zum einen lagen in der Eifel, zwischen Rhein und Mosel, die Stammgüter von Karls Familie, zum anderen hatte Aachen eine vorteilhafte strategische Lage. Ein weiterer Grund, der vielleicht sogar den Ausschlag gab, war das Vorhandensein von heilkräftigen warmen Quellen, für die Aachen schon in der Antike berühmt gewesen war. Die langen Reisen und die Kriegszüge hatten die Gesundheit Karls angegriffen, da bot sich Aachen als "Kurort" geradezu an. Über den Resten des ehemals römischen Badeortes ließ Karl eine monumentale Pfalz errichten, eine riesige Anlage, deren Königshalle fünfzig Meter lang und zwanzig Meter breit war. Da Karl ein begeisterter Schwimmer war, wurde ein marmornes Schwimmbad gebaut, welches man aus den heißen Quellen speiste und welches bestens geeignet war, Karls rheumatische Leiden zu lindern. Die Architektur der Aachener Pfalzanlage ist der Höhepunkt der "Renovatio imperii" und der Antikenbegeisterung Karls des Großen. Bereits beim Bau anderer Pfalzen (Ingelheim, Paderborn) versuchte Karl, die antiken Traditionen wiederzubeleben. Die Pfalz wurde mit ungeheurer Schnelligkeit errichtet, antike Bauwerke wurden abgerissen und ihre Quader wurden neu benutzt, aus verschiedenen Brüchen entnahm man Steine. Aus Rom ließ Karl Mosaikplatten, Kapitelle und Säulen kommen. Für die Pfalzkapelle, die wahrscheinlich am 17. Juli 800 geweiht wurde, hatte Karl gegen Ende des 8. Jahrhunderts besonders eifrig Reliquien gesammelt, was seine Verbundenheit zum christlichen Glauben deutlich macht. Wertvolle Reliquien wurden ihm aus dem Orient geschickt. Diese Stücke verhalfen Aachen zu einer großen Bedeutung als Pilgerstadt, schon zu Zeiten Karls strömten von den verschiedensten Reichsteilen Pilger in die Stadt. Zur Anziehungskraft Aachens trug sicher auch der weiße Elefant bei, den der Kalif von Bagdad, Karun al Raschid, Karl zum Geschenk machte und der die Hauptattraktion des Aachener Zoos wurde.

Mit seiner Palastschule machte Karl der Große seine Lieblingspfalz zum Sammelbecken des künstlerischen und geistigen Lebens, die von ihm inspirierte sogenannte "Karolingische Renaissance" wurde zum Synonym für die Wiedererweckung römischen und byzantinischen Geistes in Kunst und Wissenschaft. Karl rief zu diesem Zweck die verschiedensten Kleriker, Künstler und Handwerker an den Hof, die von überallher kamen und der Palastschule zu ihrem Glanz verhalfen.

Aachen war, besonders nach Karls Kaiserkrönung am 25. Dezember 800, auch Zentrum des politischen Lebens. Die Reichstage, die 802/803 in Aachen abgehalten wurden, seien als Beispiele dafür angeführt. 802 befahl Karl, "missi dominici" (Königsboten auszusenden), die die sittlichen und moralischen Zustände des Reiches untersuchen sollten. Die Berichterstattung der "missi" lieferten Karl die nötigen Grundlagen für neu zu treffende Maßregeln, welche einem Reichstag im Oktober 802 vorgelegt wurden und nach langen Beratungen im März 803 schließlich als sogenannte Kapitularien verabschiedet und umgesetzt wurden. Das Ziel des Kaisers war, seinen Untertanen eine größere Rechtssicherheit zu schaffen. Diese gesetzgeberische Aktion hat auf die weitere Entwicklung des Privatrechts eine erhebliche Wirkung ausgeübt.

813, kurz vor seinem Tode, ließ Karl seinen Sohn Ludwig den Frommen zum Mitkaiser krönen und begründete damit die Tradition Aachens als Krönungsstätte deutscher Könige und Kaiser im Mittelalter. 814 starb Karl der Große und wurde gemäß seines Wunsches in der Aachener Marienkirche beigesetzt.

2. Otto der Große - Kaiser in karolingischer Tradition
Bereits wenige Wochen nach dem Tod Heinrichs des Ersten wurde dessen Sohn Otto 936, geboren 912, in Aachen zum König erhoben. Mit der Bestimmung Aachens, des Pfalzortes Karls des Großen, und mit der Anlegung fränkischer Königstracht zur Krönung gab Otto ein eindeutiges Bekenntnis zum karolingisch-fränkischen Traditionsstrang seines Königtums ab. Heinrich I. hatte eine kirchliche Krönung und die aus der Erinnerung des Alten Testamentes hervorgegangene Salbung abgelehnt, aber Otto wünschte die Salbung, um zu zeigen, daß er ein König von Gottes Gnaden sei. Nach der Königswahl durch die weltliche Aristokratie wurde Otto im Aachener Münster vom Erzbischof von Mainz gesalbt und gekrönt. Dabei wurden dem neuen König die Kroninsignien überreicht: das Schwert zum Schutz gegen alle Feinde Christi, die Armspangen, die Chlamys (knielanger, mantelähnlicher Überwurf) und Zepter und Stab. Danach salbte der Mainzer Bischof Otto mit dem heiligen Öl und setzte ihm, gemeinsam mit dem Kölner Erzbischof, die Krone auf. Die Krönung fand ihren Abschluß mit dem Platz nehmen des Gekrönten auf dem Marmorsitz Karls des Großen.

Für Aachen hat Otto der Große nur wenig getan. Kurz vor seinem Tod hat er der Aachener Marienkirche eine Abtei überschrieben, aber die Übertragung von wirtschaftlichen Gütern an kirchliche Einrichtungen war ein damals schon recht häufig benutztes Mittel, um die Kirche fester ans Reich zu binden.

Die Lieblingspfalz Ottos war Magdeburg. Er hat das Bistum wieder errichten und durch den Papst weihen lassen. Beim Bau des Domes ließ sich Otto allerdings durch den Aachener Dom inspirieren. Wie Karl damals hat auch Otto Baumaterialien wie Marmorsäulen, goldenes und silbernes Kirchengerät, Edelsteine und kostbare Reliquien aus Italien kommen lassen. Somit wurde Magdeburg für Otto ein "sächsisches Rom".

Als Otto 973 in Memleben starb, wurden seine Eingeweide dort beigesetzt, sein Leib wurde nach Magdeburg überführt und im Dom bestattet.

3. Friedrich Barbarossa - der zweite Gönner Aachens
Als Konrad der Dritte 1152 starb, war dessen Sohn noch nicht volljährig und daher nicht geeignet, seinem Vater auf dem Thron zu folgen, da der Frieden im Reich aufgrund des staufisch-welfischen Konfliktes nicht gesichert war und ein vormundschaftliches Regimes die Probleme keinesfalls lösen wurde. Daher hatte Konrad seinen Neffen Friedrich gebeten, mit den Fürsten in Verhandlungen über die Nachfolge zu treten, was vorerst nur eine Absichtserklärung und eigentlich unverbindlich war. Aber schon wenige Wochen nach Konrads Tod wurde Friedrich am 4.3.1152 in Frankfurt einstimmig, wenn man der zeitgenössischer Geschichtsschreibung Glauben schenkt, zum neuen König gewählt und fünf Tage später in Aachen vom Kölner Erzbischof gekrönt.

Um die Würde des Reiches gegenüber päpstlichen Machtansprüchen zu heben, erfolgte Ende Dezember 1165 in Aachen mit Zustimmung des kaiserlichen Gegenpapstes die Heiligsprechung Karls des Großen, als dessen Nachfolger sich Friedrich fühlte. Die Gebeine des Kaisers wurden ausgegraben und in einem neuen Sarkophag inmitten des Aachener Doms, der Krönungsstätte der deutschen Könige, aufgestellt. Darüber hinaus wurde bald ein vom Kaiser gestifteter großer Kronleuchter angebracht, der das himmlische Jerusalem symbolisierte. Außerdem gewährte Barbarossa am 8. Januar 1166 dem Marienstift und der Stadt Aachen ein Privileg. In diesem Privileg bekannte Barbarossa zuerst, in der Wahrung des Rechts der Kirchen, der Unversehrtheit des Reiches und der Integrität der Gesetze dem Vorbild seiner Vorgänger, besonders des Karls des Großen, gefolgt zu sein. Karl habe durch seine Tätigkeiten hinsichtlich Gründung und Ausstattung von Bistümern, Abteien und 4 heiliger Bekenner verehrt zu werden. Das Barbarossa-Privileg zitiert wörtlich eine - wahrscheinlich gefälschte - Urkunde Karls des Großen und bestätigt die Privilegien, die Karl Aachen und seinen Bürgern gewährt hatte. Eine Urkunde Barbarossas für das Aachener Marienstift bestätigte den Kanonikern Einkünfte, die ihnen von ihren Pröpsten zugewiesen worden waren. Die Stadt Aachen erhielt in einer weiteren Urkunde außerdem zwei Jahrmärkte mit voller Zollfreiheit für die Kaufleute und Vergünstigungen bezüglich der Münzprägung.

Friedrich Barbarossa kann nach Karl dem Großen als der zweite große Gönner Aachens bezeichnet werden. Er gewährte der Stadt ein System von Messen, das sich allerdings im Handelsleben nicht durchsetzte, er gab den Aachener Kaufleuten große Vorrechte und er befahl, die Stadt mit Mauern zu umgeben.

Barbarossa hat Aachen 1174 zum letzten Mal besucht. 1189 brach er mit einem Kreuzfahrerheer nach Kleinasien auf, wo er 1190 ertrunken ist.

4. Das Wirken der drei Kaiser im Vergleich
Die obigen Ausführungen haben recht deutlich gezeigt, daß Karl der Große die Fundamente für die weitere Entwicklung Aachens als deutsche Kaiserstadt gelegt hat und daß seine Vorliebe für diese Pfalz trotzdem nicht ausschlaggebend für die Wahl von Residenzen späterer deutscher Herrscher war. Ottos Lieblingspfalz war Magdeburg, er hielt sich vorzugsweise dort auf, und Friedrich hat in den letzten 15 Jahren seines Lebens Aachen nicht mehr besucht, was in einem eindeutigen Gegensatz zu Karl steht, der Aachen während seiner letzten Lebensjahre nur in dringenden politischen oder militärischen Notlagen verließ.

Otto der Große hat im Zuge seiner "Osterweiterung" des Reiches der Missionierung der Slawen eine wichtige Bedeutung beigemessen. Sein Lieblingsbistum war Magdeburg, dieses ließ er wiederherrichten und durch den Papst kanonisieren. Dort baute er einen Dom, freilich nach dem Vorbild Karls des Großen.

Friedrich Barbarossa ging in seiner Verehrung für Karl den Großen einen entscheidenden Schritt: Er ließ den Frankenkönig 1165 heiligsprechen. Da dies allerdings durch den von ihm gewählten Gegenpapst geschah und nie offiziell bestätigt wurde, stellt sich die Frage, inwieweit machtpolitische Interessen bei der Heiligsprechung im Vordergrund standen und die Verehrung in den Hintergrund rücken ließen.

Karl der Große wird heute noch als der "Vater Europas" gefeiert, Otto der Große gilt als der Begründer des Ottonisch-Salischen Reichskirchensystems, der Name "Barbarossa" ist mit einer Vielzahl von Legenden und Sagen verbunden und hat seit dem Nationalsozialismus einen bitteren Beigeschmack bekommen. Alle drei Könige haben also auf ihre Weise das Wesen und Werden des mittelalterlichen Deutschen Reiches maßgeblich beeinflußt und versucht, ihre Vorstellungen von Herrschaft und Reich um- und durchzusetzen.

Literaturverzeichnis
Andermahr, B.: Zwischen Himmel und Erde. Die Bodenplatten des Barbarossa-Leuchters im Aachener Dom: Ein Beitrag zur staufischen Goldschmiedekunst im Rhein-Maas-Gebiet. Dissertation. 1994

Birke, E.: Das karolingische Erbe im Osten. In: Schriftenreihe des rheinischen Heimatbundes, Heft 8. Aachen, 1959. S. 9-26

Boockmann, H.: Aachen. Residenz Karls des Großen und Krönungsort der Könige. In: Schultz, U. (Hg.): Die Hauptstädte der Deutschen. Von der Kaiserpfalz in Aachen zum Regierungssitz Berlin. München, 1993. S. 11-21

Calmette, J.: Karl der Große. Mit 6 Bildern. Innsbruck, 1948

Engel, E. und B. Töpfer (Hg.): Kaiser Friedrich Barbarossa. Landesausbau - Aspekte seiner Politik - Wirkung. Weimar, 1994

Engel, E. und E. Holtz.: Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters. Köln, 1989

Feuerstein-Praßer, K.: Europas Urahnen. Vom Untergang des Weströmischen Reiches bis zu Karl dem Großen. Augsburg, 1999

Ganshof, F.L.: Karl der Große in seiner Aachener Pfalz. In: Schriftenreihe des rheinischen Heimatbundes, Heft 8. Aachen, 1959. S. 3-8

Müllejans, H. (Hg.): Karl der Große und sein Schrein in Aachen. Eine Festschrift.Aachen, 1988

Rosing, K.: Aachen in alten und neuen Reisebeschreibungen. Düsseldorf, 1990

Schnith, K.R.: Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern. Von den Karolingern zu den Staufern. Graz, 1990

Schulte, A.: Die Kaiser- und Königskrönungen zu Aachen 813-1531. Bonn, 1924

Wahl, R.: Karl der Große. Die Pfalzkonzeptionen Karls des Großen, in Saurma-Jeltsch, L. E. (Hg.): Karl der Große als vielberufener Vorfahr. Sein Bild in der Kunst der Fürsten, Kirchen und Städte. Sigmaringen, 1994

Jakobsen, W.: Kaiser Friedrich der Große. Mythos und Wirklichkeit. Biographie. MJakobsen, W: Otto der Große. Kämpfer und Beter. Biographie. München, 1989


*Letzte Änderung: 7.01.2003 - maw

EUREGIO Maas-Rhein Logo Zur EUREGIO Maas-Rhein Exkursionsseite 1997

EUREGIO Maas-Rhein Logo Zur EUREGIO Maas-Rhein Exkursionsseite 1998

   Zurück zur Homepage von Michael Waibel