Geographisches Institut
Georg-August-Universität Göttingen

Abteilung Kultur- und Sozialgeographie


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Kleiner Geländekurs in die EUREGIO Maas-Rhein

21. Mai - 24. Mai 1998


Wissenschaft und Forschung als regionalwirtschaftliches Potential

Die Bedeutung und Rolle von Universitäten und Technologiezentren für den Strukturwandel

Stephan Schulze

INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung

1. Definition von Spin-off-Betrieben

2. Ergebnisse von Befragungen zu universitären Transferstellen

3. Konkrete regionale Beispiele des Transfers und Transferinstitutionen

3.1 Großforschungseinrichtung Jülich

3.2 Hochschulen

4. Bewertung des Technologietransfers anhand bestimmter Kriterien

Literaturverzeichnis

Internetquellen


Einführung

Seit Ende der 70er Jahre wird institutionalisierter Wissens- und Technologietransfer zwischen Universitäten und Wirtschaftsunternehmen durchgeführt. Die Umsetzung von - an Forschungs-einrichtungen gewonnenen - wissenschaftlichen Erkenntnissen in neue Produkte oder Verfah-renstechniken von Unternehmen erlangt zunehmende Bedeutung.

Folgende Faktoren spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle:

  1. Die sich drastisch verkürzenden Innovations- bzw. Produktlebenszyklen,
  2. Die Nachfragetrends in Richtung qualitativ hochwertiger, wissensintensiver und dem Kundenbedarf angepaßter Güter und Dienstleistungen sowie
  3. Der zunehmende internationale Wettbewerb im Zuge der Globalisierung.
Die Frage stellt sich, welche Akteure bei diesem Transferprozeß auftreten:

Geht man von den in der Statistik für die Lenkung von Forschungsmitteln erfaßten Angaben über finanzielle Aufwendungen aus, so ergibt sich folgendes Bild:

Die jährlichen Forschungsausgaben (in Mrd. DM) in der BRD umfassen, gegliedert nach Zielbereichen, folgende Beträge:

  1. F&E der Unternehmen (49,9 Mrd. DM),
  2. Hochschulen (11,6),
  3. Großforschungseinrichtungen (GFE) (3,9),
  4. Bundeseinrichtungen mit Forschungsaufgaben (3,1),
  5. Max-Planck-Gesellschaft (1,4),
  6. Einrichtungen der Blauen Liste (1,4),
  7. Einrichtungen der Fraunhofer Gesellschaft (0,8).
Nicht gesondert ausgewiesen sind in dieser Statistik Technologiezentren. Im Raumbeispiel hat jedoch das von der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (AGIT) 1984 gegründete Technologiezentrum Aachen (TZA) eine besondere Bedeutung für den Wissenstransfer erlangt: Im Zeitraum 1984-92 konnten 63 junge Technologiefirmen entstehen, wobei das TZA jeweils 32 Firmen gleichzeitig einen Standort bieten kann. Die meisten dieser Technologiefirmen wären nach der Einschätzung von Fromhold-Eisebith (1992) allerdings auch ohne Hilfe des TZA im RWTH-Umland entstanden. Das TZA stellte jedoch die auf Aachen konzentrierte Ansiedlung sicher.

Welche Institutionen und Kooperatiosformen können die Funktion des Wissenstransfer realisieren?

Auskunft über die Transfergeber von Forschungsergebnissen an Betriebe gibt eine Unternehmensbefragung von 1985: Von Firmen, die externe F&E-Dienste in Anspruch nehmen, nennen 54% Kooperationen mit Universitäten, 34% mit privaten kommerziellen F&E-Einrichtungen, 30% mit Fachhochschulen, 27% mit Instituten der Fraunhofer Gesellschaft (Schwerpunkt bei der Auftragsforschung) und nur 8% mit Großforschungseinrichtungen (Schwerpunkt bei der Grundlagenforschung). In der Forschungsliteratur wird dabei problematisiert, daß Auftragsforschung häufig einen Eingriff in den Wettbewerb bedeutet.
 
 Der Kontakt zwischen Universitäten und Unternehmen soll durch Transferstellen mit Sitz an den Hochschulen realisiert werden. Die Tätigkeit von Transfereinrichtungen umfaßt zumeist die folgenden Bereiche:  
 

  1. Informationstransfer/Messeaktivitäten
  2. Technologietransfer
  3. Personaltransfer
  4. Unternehmensgründung
  5. Weiterbildung
Breise und Spielkamp beurteilen die Bereitstellung von innovativem Humankapital als wichtigste Hochschulleistung. Auch die RWTH sieht die Initiative "einzelner Wissenschaftler" als zentral beim Technologietransfer an.

Die Nutzung des regionalwirtschaftlichen Potentials hängt von folgenden Einflußfaktoren ab, die den regionalen Technologietransfer aus Forschungseinrichtungen betreffen:

  1. Innerregional: Struktureller Raumtyp mit besonderer Kommunikationsintensität und unter-nehmensbezogenen Dienstleistungen, Infrastrukturausstattung, Forschungs- u. Ausbildungszentren, Angebot unternehmensbezogener Dienstleistungen, arbeitssuchende Akademiker, vor allem wichtig: Weiche Standortfaktoren.
  2. Unternehmensintern: Branchenzugehörigkeit in der Region in Relation zur fachlicher Spezialisierung des Wissenstransfergebers, Stellung im Produktzyklus, Betriebsgröße, Betriebsalter, Investition in neue Technologien, Orientierung auf externe Technologiequellen, Ausbildungsstand der Geschäftsführung.
Besonders transferintensiv erweisen sich Firmen der Branchen Spezialmaschinenbau, Nachrich-tentechnik, Metallerzeugung u. - bearbeitung, Pharmazie, Medizin-, Meßtechnik und Optik.

Eine besondere Art des Technologietransfers stellen Spin-off-Betriebe dar:

1.Definition von Spin-off-Betrieben

("Hochschulableger" nach RWTH Aachen):

Zentrales Merkmal ist der Technologietransfer von der Wissenschaft in die Wirtschaftsunternehmen (Klandt 1981, S. 1f. u. 15ff.) bzw. innerhalb der Wissenschaft (nach Brockhaus). Häufig damit verknüpft ist der Personaltransfer bzw. der Akt der Gründung durch Hochschulmitarbeiter.

Fromhold-Eisebith verwendet den Ausdruck Spin-off-Betriebe in der Bedeutung von durch Hochschulabsolventen gegründeten Unternehmen als Form des Wissenstransfers beziehungsweise Personaltransfers.

In der Literatur wird Spin-off mit unterschiedlichen Bedeutungen besetzt, z. B.:

Das Spin-off bildet eine Sonderform in der Gruppe der technologieorientierten oder technologiebasierten Unternehmensgründungen. Diesem Bereich zugehörig sind Firmen, die Produkte oder Prozesse mit einem hohen Grad an Know-how durch systematische Anwendung von naturwissenschaftlichen oder technischen Wissen und weitgehender Nutzung neuster Technologien entwerfen, entwickeln, produzieren und auf den Markt bringen.

In einschlägige Wirtschaftslexika wie Gablers Wirtschaftslexikon, in der Neuauflage von 1997, wurde der Begriff Spin-off nicht aufgenommen.

2. Ergebnisse von Befragungen zu universitären Transferstellen

Eine Untersuchung der Transferaktivitäten zwischen Hochschulen und Wirtschaft im Jahr 1986 durch die Forschungsgruppe PROWIS brachte folgende Ergebnisse:

Der Bereich Informationstransfer wird von fast allen Transferzentren bedient.

Die häufigste Kooperationsform stellen kurzfristige, informelle Kontakte zwischen Unternehmen und Hochschullehrern dar. Wissenschaftliche Gutachten oder vertragliche Beratungen sind weniger häufig vorkommende Kooperationsformen. Zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten ergeben sich durch die Gebührenerhebung für Beratungsleistungen. Kontakte bestehen häufig zu Großunternehmen, jedoch seltener zu mittleren und kleineren Betrieben (KMU).

Die Mehrzahl der Hochschulen hat Technologietransferstellen eingerichtet, es kommt hier besonders auf die Konzeption der Institutionalisierungsformen an:

  1. Zentrales Modell: Die Institutionalisierung des Transfers erfolgt in Form einer zentralen Einrichtung. Deren Hauptaufgaben sind Kontaktvermittlung, Informationstransfer durch die Teilnahme an Messen und die Erstellung eines Leistungskatalogs über universitäre Forschungsaktivitäten. Die Finanzierung erfolgt zumeist durch die Hochschule.
  2. Dezentrales Modell: Das dezentrale, fachspezifische Institutionalisationskonzept beruht auf der zumeist nebenamtlichen Tätigkeit eines oder mehrerer Mitarbeiter eines Fachbereiches. Der Hauptvorteil liegt in der großen Nähe zu den Wissensproduzenten.
  3. Mischmodell: Die Kombination einer zentralen Transferstelle und dezentralen fachspezifischen Transferstelle ergibt ein arbeitsteiliges Mischmodell eines Hochschultransfernetzes. Aufgrund des hohen personellen Aufwandes bedarf es meist der besonderen finanziellen Unterstützung, häufig realisiert durch Drittmittel.
Häufiger wird eine unkoordinierte Entwicklung mit Überschneidungen im Leistungsangebot von Transferstellen bemängelt. Diese Überschneidungen reduzieren die Akzeptanz der einzelnen Transferangebote und -einrichtungen.

3. Konkrete regionale Beispiele des Transfers und Transferinstitutionen

3.1. Großforschungseinrichtung Jülich

1956 wurde die Einrichtung als Kernforschungszentrum gegründet und es wurde später in seinem Tätigkeitsbereich erweitert. Die Grundfinanzierung wird zu 90% vom Bund und zu 10% vom Land getragen. 1996 arbeiteten dort 4.790 Mitarbeiter.

Das Forschungszentrum Jülich bietet folgende Kooperationsmöglichkeiten an:

1) Lizenzangebote: Für Entwicklungsergebnisse des Forschungszentrums werden Lizenznehmer im Bereich der Industrie und des Mittelstandes gesucht.

Beispiele:

2) Zusammenarbeit: Partner werden für die weitere Entwicklung und Anwendung gesucht.

Beispiele:

3) Auftragsarbeiten: Werkstoffprüfung, Halbleitertechnologie, chemische Analysen.
 
 

3.2. Hochschulen

Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Die RWTH Aachen wurde 1870 als "Königlich-Rheinisch-westfälische Polytechnische Schule zu Aachen" gegründet. Ihr Haushalt umfaßt 1,185 Mrd. DM (1997), davon stammen 209,5 Mio. DM oder ca. 18% aus Drittmitteln.

31.094 Studenten (WS 97/98) studieren an der RWTH in 65 Studiengängen, davon 50 Prozent Fächer der Ingenieurwissenschaften, 18 Prozent Naturwissenschaften, ca. 10 Prozent Fächer der geisteswissenschaftlichen, wirtschaftswissenschaftlichen und medizinischen Fakultäten.

An der Hochschule sind über 10.000 Beschäftigte tätig, davon: 402 Professoren, 1.905 wissenschaftliche Mitarbeiter, 6.104 nichtwissenschaftliche Mitarbeiter, 954 Auszubildende und Praktikanten, 2.164 wissenschaftliche und studentische Hilfskräfte. Von diesen Stellen werden durch Drittmittel 1.078 wissenschaftliche Mitarbeiter, 487 nichtwissenschaftliche Mitarbeiter sowie 176 wissenschaftliche und 850 studentische Hilfskräfte finanziert.
 
 

Abb. Nr. 1: RWTH Aachen und ihre wissenschaftlichen und industriellen Verflechtungen

Legende:
Access: Aachener Centrum für Erstarrung unter Schwerelosigkeit e.V.;
ACES: Aachener Centrum für Europäische Studien e.V.;
An-Institute: der RWTH angegliederte jedoch wirtschaftlich unabhängige Forschungsinstitute;
DLR: Deutsches Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt e.V.;
KFA: Forschungszentrum Jülich (ehem. Kernforschungsanlage);
WGU: Wissenschaftliche Gesellschaft für Umweltschutz e.V.

Fachhochschule Aachen

Die Fachhochschule Aachen (10.900 Studierende) beschäftigt sich im Rahmen ihrer Technologie- und Wissenstransferstelle mit folgenden Gebieten:

1) Technologie- und Wissenstransferprojekte

Einen Schwerpunkt bildet die Einbindung von kleineren und mittleren Unternehmen sowie technologieorientierten Handwerksbetrieben in den Technologietransfer.

Beispiele für erfolgreiche Aktivitäten:

2) Organisation von Messebeteiligungen der FH Aachen

Die Präsentation von Forschungsergebnissen auf Messen gewinnt neben der Publikation und dem Kongreß zunehmend Bedeutung für den Dialog innerhalb wissenschaftlicher Disziplinen. Messebeteiligungen sollen u.a. die Drittmitteleinkünfte der Universitäten und Forschungseinrichtungen erhöhen sowie den Personaltransfer in die Wirtschaft fördern.

Messebeteiligungen über "Forschungsland Nordrhein-Westfalen" ermöglichen eine Präsenz auf großen Messen wie der Hannover Messe Industrie, Cebit, Envitec, Biotechnica, Medica, Didacta.

3) Projektleitung "Transfer-Außenstelle der Aachener Hochschulen", Regionalbüro Alsdorf

Die Finanzierung erfolgt durch das Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes NRW und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) und seit 1996 auch durch das Ministerium für Wirtschaft und Mittelstand, Technologie und Verkehr des Landes NRW. Träger ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) für den Kreis Aachen mbH.

Folgende Leistungen werden u.a. angeboten:

Die RWTH Aachen ist bestrebt, die Zusammenarbeit mit Firmen der Region zu vertiefen. Zu diesem Zweck wurde im Bereich Informatik der regionale Industrie-Club Informatik Aachen e.V. (REGINA) gegründet mit zumindest euregioweiter Kooperation.

Neue Ansiedlungen und Innovationen für die Halbleiterfabrik von Mitsubishi in Alsdorf oder das Forschungslabor des schwedischen Konzerns Ericsson in Herzogenrath, das Forschungslaboratorium von Ford sowie das Entwicklungszentrum von United Technologies sind nicht zuletzt auch auf die Nähe der RWTH zurückzuführen, die den Firmen das erforderliche wissenschaftliche Umfeld bietet.

Auch aus der RWTH heraus erwachsen immer wieder neue Unternehmungen (Spin-off-Betriebe): Innovative Wissenschaftler wagen - unterstützt durch europäische, staatliche und kommunale Starthilfen - den Schritt in die Selbständigkeit.

Mehr als 80 Prozent der seit 1984 gegründeten Unternehmen im Technologiezentrum Aachen (TZA) kommen aus dem Umfeld der Technischen Hochschule. Die meisten Spin-off-Betriebe lassen sich unmittelbar in der Region nieder (z.B. im Selfkant [ELTRO PLUS], in Alsdorf [MEC] oder in Walheim [GfS]). Bei diesen Informationen der Hochschule wird die Sterberate jedoch nicht problematisiert. Zur Größenordnung der Phänomens: Fromhold-Eisebith ermittelte 128 Spin-off-Betriebe in der Aachener Region, davon wurden 99 von Absolventen der RWTH und 20 von Absolventen der Fachhochschule Aachen (mit-)gegründet.

Nach Angaben der AGIT beantragen jährlich 60 Hochschulabsolventen Hilfestellung von der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (AGIT) beim Gang in die Selbständigkeit. Die AGIT bietet etwa 25% von diesen ihre Unterstützung im Rahmen des TZA und des Medizintechnischen Zentrums (MTZ). Insgesamt gibt es 11 Technologiezentren in der Aachener Region. Sie sollen die Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Produkte und Verfahren verbessern und wirtschaftspolitisch den Strukturwandel fördern. Auf einer Betriebsfläche von ca. 85.000 qm werden rund 420 Unternehmen betreut, die zusammen mit direkt benachbarten Unternehmen über rund 4.500 neue Arbeitsplätze verfügen.

4. Bewertung des Technologietransfers anhand bestimmter Kriterien

Bei der Bewertung der Region Aachen als Technologienehmer der RWTH anhand bestimmter wirtschaftsstruktureller Merkmale kommt Fromhold-Eisebith in ihrer Dissertation zu folgendem Ergebnis: Im Hinblick auf die F&E-Aktivitäten der Wirtschaft hat die Region eine gute Eignung als Know-How-Empfänger der RWTH. Indifferent ausgebildet sind die Faktoren F&E-Aktivitäten der Wirtschaft (Besatz in Relation zur Beschäftigtenzahl leicht unter Bundesdurchschnitt), allgemeines Qualifikationsniveau (der Hochqualifiziertenanteil an der Gesamtbeschäftigung liegt über dem Landes- u. Bundesdurchschnitt, jedoch niedriger als in der angrenzenden Agglomerationen) und eine mäßig gute Branchenzusammensetzung (relativ diversifizierte Branchenstruktur, jedoch wenige F&E-intensive Industriezweige, bei grober Zuordnung sind adäquate Kooperationsbereiche an der RWTH vorhanden).

Bei folgenden Merkmalen ergibt sich jedoch eine verhältnismäßig schlechte Eignung der Region als Technologieempfänger der RWTH: Umsatzlage und Produktivität (unter 85% der Landes- u. Bundesdurchschnitte), Größenstruktur der Betriebe (geringer Anteil von Betrieben mit über 500 Beschäftigten, viele kleinere und mittelständische Betriebe), ungünstige Besitzstruktur (ein beträchtlicher Anteil der Betriebe von ca. 25% (Fromhold-Eisebith 1992) sind Zweigwerke ausländischer Konzerne. Bei größeren Unternehmen ist dieser Anteil noch höher.)

Der letzte Sachverhalt bedeutet im allgemeinen, daß bei einer derartigen Besitzstruktur die Tochterniederlassungen auswärtiger Konzerne Gefahr laufen, als sogenannte "verlängerte Werkbänke" in Krisenzeiten als erste zu schließen; außerdem werden erfahrungsgemäß Forschungsarbeiten in der Nähe des Stammsitzes der Firma ausgeführt, während bewährte und ältere Produktionsgüter ausgelagert werden. Dieses Viertel der Firmen dürfte stärker ins Konzerngeflecht der auswärtigen Konzernzentrale eingebunden sein als in Wirtschaftskreisläufe der Region. In der Aachener Region handelt es sich jedoch um den Sonderfall relativ großer Zweigniederlassungen.

Nach dieser Übersicht lassen sich folgende wichtige Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für Technologietransfer herausfiltern (vgl. Einflußfaktoren des regionalen Technologietransfers der Einleitung):

  1. Firmengröße: Nur große Firmen sind in der Lage, hochqualifizierte Beschäftigte für Personalaustausch und Koordinationsaufgaben abzustellen. Nur Unternehmen mit finanzieller Sicherheit können Risiken auf sich nehmen, die mit der Einführung neuer Produktionsverfahren und Produkte verbunden sind.

  2. Besitzstruktur: Bei Mehrbetriebsunternehmen werden die betrieblichen Entscheidungen - z.B. über die Quelle des Technologiebezuges - häufig weit entfernt von den Produktionsstandorten getroffen. Wenn die Firmenzentrale nicht in der Region liegt, werden die örtlichen Forschungseinrichtungen oft nicht als potentielle Technologiegeber in Betracht gezogen. Eine wichtige Frage ist hier, ob die Geschäftsführung in der Region weitere Aktivitäten entfaltet, Kontakte knüpft und Informationen weitergegeben werden.

  3. Standortverteilung: Firmen mit Sitz am jeweiligen zentralen Ort dominieren bei der Gruppe der Kooperationspartner; besonders auffällig ist die städtische Lage im Verdichtungsraum Aachen, während der Nachbarkreis Euskirchen als ländlich-peripherer Raum kaum Kooperationen unterhält.

  4. Branchenstruktur: In Aachen überrascht die relative Unterrepräsentanz F&E-intensiver verarbeitender Betriebe der Elektrotechnik, stattdessen überwiegen technische Entwicklungs-, Ingenieur- und Beratungsbüros, welche in großem Umfang F&E betreiben.

  5. Allgemein ist wichtig, daß Betriebe überhaupt Anknüpfungspunkte zur fachlichen Ausrichtung der Forschungseinrichtungen aufweisen.

  6. Gründerbiographie: Auch kleine, technisch spezialisierte Firmen unterhalten dann Geschäftsbeziehungen zu Forschungseinrichtungen, wenn Firmengründer oder -mitarbeiter dort ihre Ausbildung abgeschlossen haben.

  7. Gründungsjahr: Zu diesem Aspekt liegen widersprüchliche Forschungsergebnisse vor: Einerseits sind jüngere Firmen dynamischer und mehr auf F&E hin orientiert, andererseits sind ältere Unternehmen stärker an Produktverbesserungen interessiert.

  8. Status und Abhängigkeit der Betriebe: Paradoxerweise haben im Aachener Raum Zweig- und Tochterfirmen, die von auswärtigen Zentralen abhängen, ausgeprägtere Beziehungen zu Forschungseinrichtungen als andere - möglicherweise im Zusammenhang mit der Beschaffenheit der regional ansässigen Mehrbetriebsunternehmen, welche sich durch ihre relative Größe und Eigenständigkeit auszeichnen. Insgesamt ist von einem etwas größeren Autonomiegrad der Aachener als etwa der der Karlsruher Unternehmen auszugehen.

  9. Orientierung auf F&E und neue Technologien: Um unter verstärktem internationalen Konkurrenzdruck wettbewerbsfähig zu bleiben, sind Firmen gezwungen, F&E zu betreiben oder extern zu beziehen. Firmen mit hoher eigener Forschungsintensität brauchen weniger F&E-Arbeiten zu externalisieren.

  10. Unternehmenstypisierung: Unter den folgenden in der Emperie ermittelten Firmentypen sind im Großraum Aachen besonders die Typen (d) , (f), (g) und (h) vertreten:

  1. Bastler mit Know-how, die ein einziges anspruchsvolles Produkt bzw. eine Technologie vermarkten

  2. Groß-Zweigbetriebe, die in F&E-Fragen weitgehend, aber nicht vollständig vom Mutterunternehmen abhängen

  3. Junge Spin-offs der Universität und anderer Forschungseinrichtungen, die z.B. als dem High-Tech-Bereich zugehörig in der Technologiefabrik angesiedelt sind, häufig Software-Entwickler

  4. Gereifte Spin-offs aus Forschungseinrichtungen, die sich schon vor längerer Zeit in technologischen Marktnischen etablierten und z.T. auswärtige Zweigstellen zur Betreuung eines weitgestreuten Kundenstammes besitzen

  5. Traditioneller Mittelstand, häufig im Bereich Meß- und Regeltechnik tätig

  6. Traditioneller, aber stark technologieorientierter Mittelstand, vor allem Elektrotechnik/Maschinenbau, mit durch anspruchsvolle Zulieferungen geprägten Beziehungen zu Forschungseinrichtungen

  7. Ingenieurbüros, die auf der Basis eines früher erworbenen und über die Jahre wenig aufgefrischten Wissens- und Erfahrungsschatzes arbeiten

  8. Lokal bezogene Betriebe, welche den weniger anspruchsvollen Zulieferbedarf der Forschungseinrichtungen decken.

Unter den Strukturmerkmalen kooperativer Firmen scheinen eine allgemeine F&E-Orientierung und der akademische Hintergrund des Firmenleiters eine vorrangig wichtige Rolle zu spielen. Das regionale Kooperationspotential ist nach statistischen Berechnungen dabei jedoch erst zu knapp 50% ausgeschöpft.

Zu den Ansatzpunkten für eine weitere Förderung der Kooperation und zur Gestaltung eines kreativen Milieus zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zählen folgende Faktoren:

  1. Einrichtungen zur Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit wie der regionale Industrieclub Aachen

  2. Wirksamkeit motivierter Hochschullehrer

  3. Vorrangstellung persönlicher informeller Kontakte trotz Bemühungen zur Institutionalisierung der Transfermechanismen

  4. Positive Raumwirksamkeit der Existenz von Technologiezentren

  5. Ausbau und Aktivierung der bereits bestehenden regionalen Kontaktnetze zur Schaffung eines kreativen Milieus.

Obwohl technologieintensive Branchen im eher traditionellen Branchenmix der Region Aachen unterrepräsentiert sind, gibt es einige erfolgversprechende Beispiele für gelungenen Wissenstransfer, insbesondere im Rahmen von Spin-off Unternehmen (z.B. ELSA, Parsytech, Vobis).

Die Region Aachen ist durch eine lange industrielle Tradition mit Eisenverarbeitung und daran angebundene Industrien gekennzeichnet. Die Region hat lange unter dem Problem sterbender Branchen, insbesondere der Schwerindustrie gelitten - konnte jedoch durch eine bewußte technologieorientierte Wirtschaftsförderung ihre Situation entscheidend verbessern. Dies zeigt sich besonders beim hohen Anteil des F&E-Potentials in der Wirtschaft mit einem Beschäftigtenanteil von 3,1% (vgl.: Karlsruhe: 3,8%) aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Wirtschaft.

In der durch eine niedergehende Schwerindustrie gekennzeichnete Region haben Wissens- und Technologietransfer den Strukturwandel gefördert und negative Beschäftigungseffekte gemildert.

Literatur

Allesch, Jürgen, Dagmar Preis-Allesch &. Ulrich Spengler: Hochschule und Wirtschaft. Bestandsaufnahme und Modelle der Zusammenarbeit. Köln: TÜV Rheinland (= Technologie-Transfer; Bd. 12).
Beise, Marian &. Alfred Spielkamp: Technologietransfer von Hochschulen: Ein Insider-Outsider-Effekt. Mannheim: Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH 1996 (= Discussion Paper No. 96-10).
Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. 20. Band. 19., völlig überarb. A. Mannheim: F. A. Brockhaus 1993.
Brücher, Wolfgang: Industriegeographie. Braunschweig: Westermann 1982 (= Das geographische Seminar).
Fromhold-Eisebith, Martina: Die Bedeutung persönlicher Kontaktnetze für den regionalen Wissenstransfer aus KFA Jülich und KfK Karlsruhe - Ein empirischer Beitrag zur Diskussion um das kreative Milieu. In: Großforschung und Region. Der Beitrag von Forschungszentren des Bundes zu einer innovationsorientierten Regionalentwicklung. Hg. v. Martina Fromhold-Eisebith u. Helmut Nuhn. Münster: Kommissionsverlag LIT 1995 (= Arbeitsberichte zur wirtschaftsgeographischen Regionalforschung, Bd. 4). S. 119 - 151.
Fromhold-Eisebith, Martina: Wissenschaft und Forschung als regionalwirtschaftliches Potential? Das Beispiel von Rheinisch-Westfälischer Technischer Hochschule und Region Aachen. Diss. Aachen: Maas Rhein Institut für Angewandte Geographie 1992. (= Informationen und Materialien zur Geographie der Euregio Maas-Rhein, Beiheft Nr. 4).
Fromhold-Eisebith, Martina u. Helmut Nuhn: Regionaler Wissenstransfer aus Großforschungseinrichtungen. Angebotspotential, Nachfragestrukturen und bisherige Effekte in den Räumen Karlsruhe und Jülich/Aachen. In: Erdkunde 51 (1997) 3. S. 209 - 229.
Großforschung und Region. Der Beitrag von Forschungszentren des Bundes zu einer innovationsorientierten Regionalentwicklung. Hg. v. Martina Fromhold-Eisebith u. Helmut Nuhn. Münster: Kommissionsverlag LIT 1995 (= Arbeitsberichte zur wirtschaftsgeographischen Regionalforschung, Bd. 4).
Hampe, Sonja u. Martina Fromhold-Eisebith: Regionale Strukturmerkmale als Einflußmerkmale für den Technologietransfer aus Großforschungseinrichtungen - Das Beispiel der "Technologieregionen" Aachen und Karlsruhe. In: Großforschung und Region. Der Beitrag von Forschungszentren des Bundes zu einer innovationsorientierten Regionalentwicklung. Hg. v. Martina Fromhold-Eisebith u. Helmut Nuhn. Münster: Kommissionsverlag LIT 1995 (= Arbeitsberichte zur wirtschaftsgeographischen Regionalforschung, Bd. 4). S. 89 - 118.
Keller, Bernhard, Hermann Linke u. Gerda Schiffer: Hochschule - Wirtschaft. Beiträge zur Zusammenarbeit und zur Leistungsfähigkeit der Hochschulen. Herford: Maximilian 1987. (= Wirtschaften, Verantworten, Gestalten; Bd. 16).
Klant, H.: Wissenschaftlich-technische Mitarbeiter von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen als potentielle Spin-off-Gründer. Eine empirische Studie zu den Entstehungsfaktoren von innovativen Unternehmensgründungen im Lande Nordrhein-Westfalen. Opladen: Westdeutscher Verlag 1981.
Mikus, Werner: Industriegeographie. Themen der allgemeinen Industrielehre. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1978 (= Erträge der Forschung, Bd. 104).
Internetquellen Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (AGIT): http://www.agit.de/AGIT2001/index.html.

Fachhochschule Aachen, Dezernat VI: http://www.fh-aachen.de/w3/zentrver/dez6. Aachen: 1997.

Forschungszentrum Jülich: http://www.fz-juelich.de/portal/ Jülich.

Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen: http://www.rwth-aachen.de.
 
 


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  Letzte Änderung: 12.06.1998 - maw

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