Geographisches Institut
Georg-August-Universität Göttingen

Abteilung Kultur- und Sozialgeographie

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Kleiner Geländekurs in die EUREGIO Maas-Rhein

21. Mai - 24. Mai 1998


Strukturwandel in der EMR

Versuch einer Bewertung der nationalen und supranationalen Strategien zur Überwindung der Strukturkrise

Ben Salam

INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung

1. Verlauf der industriellen Entwicklung in der EUREGIO Maas-Rhein

2. Strukturkrise

3. Beginn der Phase des Strukturwandels

4. Strukturwandel durch Innovation

5. Forschungsinfrastruktur und -politik in der EUREGIO

6. Vergleich der Teilregionen Aachen - Lüttich - Maastricht

Literaturverzeichnis

Internetquellen


1. Verlauf der industriellen Entwicklung in der EUREGIO Maas-Rhein

Die EUREGIO Maas-Rhein setzt sich aus der Regio Aachen in Deutschland (1,152 Mio. Einwohner), den belgischen Provinzen Liège (Lüttich) und Limburg (1,743 Mio. Einwohner) mitsamt dem Gebiet der deutschsprachigen Minderheit und der niederländischen Provinz Süd-Limburg (636.000 Einwohner) zusammen. Zusammenfassend wird im folgenden von den "3 Regionen" gesprochen (D, NL, B).

Alle drei Regionen haben im Laufe ihrer industriellen Entwicklung eine ähnliche Richtung eingeschlagen:

Sie begannen ihre Industrialisierung auf der Basis von Kohle und Stahl in der Mitte des 18.Jahrhunderts. Das läßt sich auch heute noch an den zahlreich vorhandenen Industriebetrieben aus den Branchen Stahl, Metall, Papier, Keramik, Textil und Glas erkennen.

Der Kohlebergbau aber hat in allen Regionen die industrielle Entwicklung geprägt und dementsprechend beeinflußt.

2. Strukturkrise

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung einen günstigen Verlauf, denn im Zuge des Wiederaufbaus wurden Kohle und Stahl stark nachgefragt und somit bekam die Wirtschaft in der Region annähernd den Charakter einer Monostruktur.

Ab 1960 kam es infolge zahlreicher ungünstiger Umstände zu ersten Zechenstillegungen. Ursachen für den Rückgang des Steinkohlebergbaus sind im Vordringen von Erdgas und Erdöl als billigere Energieträger zu sehen. Außerdem kam es infolge eines verbesserten kokseinsparenden Hochofenverfahrens zu einem allgemeinen Rückgang des Koksbedarfs der eisenerzeugenden Industrie und zu einem Rückgang der Stahlerzeugung zugunsten außereuropäischer Konkurrenten. Zudem wurde die örtliche Kohle durch billige Importkohle aus Übersee substituiert.

Als Folge wurde die Kohleförderung allgemein zurückgefahren und zahlreiche Zechen gerieten in eine Krise. Zechen wurden stillgelegt und Arbeitsplätze im Bergbau gingen verloren: Zwischen 1960 und 1984 verloren mehr als 100.000 Bergleute im Gebiet der EUREGIO Maas-Rhein ihre angestammte Tätigkeit.

Mit der Kohle- und Stahlkrise gerieten Folgeindustrien, insbesondere der Maschinenbau im Teilbereich der Hütten- und Walzwerkeinrichtungen, aber auch die Textilindustrie und andere vom beginnenden globalen Wettbewerb betroffene Branchen in Bedrängnis.

Der Verlust an Arbeitsplätzen im primären Sektor konnte nicht vollständig durch eine positive Beschäftigtenentwicklung in anderen Branchen aufgefangen werden, so daß auch heute Spätfolgen der Strukturkrise bemerkbar sind.

3. Beginn der Phase des Strukturwandels

Der Strukturwandel setzte in den verschiedenen nationalen Teilgebieten der EUREGIO zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein und hatte regionalspezifische Auswirkungen:

Aachen (D): In der Region Aachen konnte man noch bis in die neunziger Jahre durch eine neue Verwendungsmöglichkeit für Kohle (Verstromung der Kohle) einige wenige Zechen halten (Alsdorf/Hückelhoven). Mit der Schließung der Zeche Sophia-Jacoba bei Hückelhoven am 1. April 1997 ist das Kapitel Steinkohlebergbau im deutschen Teil der EUREGIO Maas-Rhein jedoch endgültig beendet.

Süd-Limburg (NL): Hier wurde schon Mitte der sechziger Jahre begonnen, den Steinkohlebergbau komplett einzustellen. Die nachfolgenden Industrien wurden beim Umstieg auf neue Energieträger staatlich subventioniert (bspw. die DSM [Dutch State Mines] von der Steinkohlechemie zur Petrochemie). Neue Arbeitsplätze wurden vor allem im Dienstleistungssektor (Verlegung des Nationalen Statistischen Büros/Staatl. Rentenversicherung nach Heerlen oder die Gründung einer Universität in Maastricht) geschaffen. Die letzte Steinkohlenzeche wurde hier bereits 1974 geschlossen.

Lütticher Becken (B): Auch hier wurde der Steinkohlebergbau eingestellt. Eine Verbesserung der Lage im Bergbau war hier ohnehin als schwierig anzusehen, da die vielen kleinen Zechen bereits sehr früh unrentabel wurden.

In Süd-Limburg betrug 1990 die Arbeitslosenquote 8,6% (1,2% über dem nationalen Durchschnitt), im belgischen Teil der EUREGIO 10,1% (2,5% über dem Landesdurchschnitt ), und in der Region Aachen 7% (1,8% über dem westdeutschen Durchschnitt). Aktuelle Daten zum Kammerbezirk Aachen sind in folgender Tabelle aufgelistet. Für den Bezirk Aachen wird deutlich, daß die dortige Quote stets über dem Bundesdurchschnitt gelegen hat.

Tab. Nr. 1: Arbeitslosenquoten im Kammerbezirk Aachen
 
 
Raum/Stichtag
31.12.1992
31.12.1993
31.12.1994
31.12.1995
31.12.1996
Arbeitsamtsbezirk Aachen
9,8
11,7
11,8
12,4
13,8
Arbeitsamtsbezirk Düren
7,9
9,3
9,5
9,7
10,8
Kreis Euskirchen
6,4
7,8
7,4
7,5
8,5
Kammerbezirk Aachen
8,9
10,6
10,7
11,1
12,4
Nordrhein-Westfalen
8,7
10,4
10,5
10,8
12,0
Bundesrepublik Deutschland
7,4
9,1
9,2
10,9
12,0

Quelle: Homepage IHK Aachen, Mai 1997

Um eine Verbesserung der Arbeitsplatzsituation der in Bergbau und Industrie angestellten zu erreichen, werden viele Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich geschaffen, vor allem für ältere Verwaltungsangestellte. Ziel ist eine Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur; es soll ein Wandel in der sektoralen Struktur (vom sekundären Sektor zum tertiären Sektor) vollzogen bzw. eingeleitet werden. All diese Maßnahmen können an vielen Orten in der Region jedoch nicht darüber hinweg täuschen, daß noch immer viele Bergleute ohne neue Arbeit sind. Die dauerhaft überdurchschnittlichen Arbeitslosenquoten sind ein weiteres Indiz dafür, daß der Strukturwandel nicht abgeschlossen ist und daß viele Strukturprobleme ungelöst sind.

4. Strukturwandel durch Innovation

Als weitere Maßnahme, den Strukturwandel voranzutreiben, gelten die einsetzenden Modernisierungsmaßnahmen, d.h. die Einrichtung von Forschungszentren und die Förderung zukunftsträchtiger, technologieintensiver Industriezweige.

Auf alten Zechengeländen werden deshalb häufig Technologieparks eingerichtet, die kapitalintensive Betriebe aus dem In- und Ausland attrahieren sollen. Teilweise treten an die Stelle der ehemaligen Zechen, die abgerissen werden (Industriewüstungen, besonders in Lüttich), Kongreßzentren (z.B. MECC in Maastricht) und riesige Dienstleistungszentren. Im Ruhrgebiet wird eine vergleichbare Strukturförderung vollzogen.

Als Voraussetzung für die Ansiedlung neuer Industrien aus dem In- und Ausland ist allerdings eine gut entwickelte Infrastruktur erforderlich: So müssen günstige Verkehrsanschlüsse und die nötigen technischen Einrichtungen vorhanden sein. Dies ist allerdings nicht in allen Regionen der EUREGIO gleichermaßen gegeben, so daß vorhandene Disparitäten bestehen bleiben.

5. Forschungsinfrastruktur und -politik in der EUREGIO

Aufgrund der zentralen Lage der EUREGIO im Zentrum Westeuropas bieten sich für den Absatz der Industriebetriebe nicht nur logistisch günstige Zugänge zu Märkten, sondern auch nahegelegene Zugangsmöglichkeiten zu Forschungseinrichtungen und zum Technologietransfer innerhalb der EUREGIO. Die Forschungsinfrastruktur ist eine wichtige Basis für eine technologieintensive Industrie, die an die Stelle der überkommenen Industriestruktur in der EUREGIO treten soll. Das Modell der sogenannten "Technologie-Parks" ist im Ruhrgebiet bereits erfolgreich eingeleitet und vollzogen worden.

In den Regionen Süd-Limburg, Belgien und Aachen gibt es zahlreiche Forschungseinrichtungen.

In der flämischen Provinz Limburg (B) gibt es das Limburgische Universitätszentrum Diepenbeek, die Reichshochschule Limburg, die Katholische Industrielle Hochschule Limburg und das Institut für Industrial Design. In der Provinz Lüttich sind als Einrichtungen zu nennen: die Université de Liège (zweitgrößte Universität in der EUREGIO nach der RWTH Aachen), die Hochschule für Informatik in Seraing, die Industrielle Hochschule Liège, das Institut National des Industries Extractives und das Centre des Technologies Nouvelles. Diese meist hochspezialisierten "Centres de Recherche et d´Expertise" forschen in verschiedenen Bereichen, hauptsächlich im Bereich Baumaterial, Textilien und Metalle.

In der Region Süd-Limburg (NL) sieht die Situation anders aus: Die Region verfügt zwar über viele Hochschulinstitute, öffentliche und halb-öffentliche Forschungseinrichtungen, dennoch gibt es nur wenige öffentliche Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen (FuE), die mit Firmen bei der Lösung technologischer Probleme kooperieren könnten. Die Stadt Maastricht bietet vielen internationalen und insbesondere europäisch ausgerichteten Forschungseinrichtungen einen geeigneten Standort. Doch dienen diese Einrichtungen als "Think Tanks" für Entscheidungsträger in der Politik in Europa und sind daher für Unternehmen zur Verbesserung des Technologiemanagements oder zur Erschließung von neuem technologischen Wissen uninteressant.

Die Region Aachen weist zahlreiche Lehr- und Forschungseinrichtungen auf. Als erstes wäre hier die RWTH Aachen zu nennen, die über 280 Lehrstühle und 11 angegliederte Institute verfügt, und mit Abstand der größte Arbeitgeber in der Region Aachen ist.

Tab. Nr. 2: Die 10 größten Unternehmen im Kammerbezirk Aachen
 
 
 
  Unternehmen
Beschäftigte
Branche
1 Forschungszentrum Jülich GmbH
4.500
Forschung & Entwicklung
2 Philips GmbH Bildröhrenfabrik Aachen
3.200

(gesamt)

Rundfunk- und Fernsehgeräte
3 Deutsche Post AG, Euskirchen
3.058
Dienstleistungen
4 Rheinbraun AG, Eschweiler
3.040
Braunkohle
5 Sparkasse Aachen
2.600
Kreditinstitut
6 Aachener und Münchener Versicherungen, Aachen
2.100

(Gruppe)

Versicherungen
7 Procter & Gamble GmbH, Euskirchen
1.650
Herstellung von Windeln und Inkontinenzprodukten
8 DALLI-Werke Mäurer + Wirtz GmbH & Co. KG, Stolberg
1.600
Chemie
9 Ford-Werke AG, Düren
1.600
Automobile
10 Chocoladefabriken Lindt & Sprüngli GmbH, Aachen
1.540
Süßwaren

Quelle: Homepage IHK Aachen, Mai 1997

Die Fachhochschule Aachen ist noch stärker als die RWTH auf naturwissenschaftlich-technische Fächer ausgerichtet, so orientieren sich fast 80% der 10.600 Studenten in diese Richtung.

Das Forschungszentrum Jülich ist mit 4.500 Mitarbeitern, darunter 900 Wissenschaftlern, das größte der 13 Forschungsinstitute in der Bundesrepublik. Die Schwerpunkte des FZ Jülich liegen in der Materialforschung, der Grundlagenentwicklung zur Informationstechnik, der Gesundheit, Umwelt und Biotechnologie, der Energieforschung und Energietechnik sowie in der Kernforschung. Zudem gibt es noch zwei Fraunhofer-Institute mit den Ausrichtungen Produktionstechnik und Lasertechnik.

Es wird deutlich, daß eine ausgeprägte Basis an Forschungseinrichtungen in der EUREGIO vorhanden ist. Es stellt sich jedoch auch die Frage, inwieweit die Politik in der Region diese Forschungseinrichtungen unterstützt.

In allen drei Bereichen der EUREGIO wurde versucht, der Strukturkrise mit politischen Maßnahmen zu begegnen: Von der Förderung durch allgemeine Investitionsanreize bis zur gezielten Unterstützung des Technologietransfers und von Innovationsaktivitäten kleinerer und mittlerer Unternehmen.

In Belgien verfügen beide Regierungen, die wallonische und die flämische, über die Zuständigkeit zur Durchführung einer eigenständigen Technologiepolitik. Neben den verschiedenen "Centres Technologiques" sind an die Universitäten eigene Technologietransferbüros angeschlossen. Die wallonische Regierung hat diverse Technologieprogramme zur Förderung der Industrie angelegt, die hier im kurzen genannt werden sollen:

  1. Entwicklungsmaßnahmen durch das Angebot von günstigen Krediten, die die Entwicklung bzw. den Gebrauch neuer Verfahren, Produkte oder Dienstleistungen finanziell fördern sollen.
  2. die Programme R.I.T. (responsables innovations technologiques), R.I.R.92 und A.R.123 (arrêté royal) sollen kleine und mittlere Unternehmen dahingehend unterstützen, ihre Personalressourcen und ihre Innovationsaktivitäten zu verstärken
  3. Das ELAN-Programm gibt Hilfestellung für die organisatorische und technische Umstrukturierung von Unternehmen.
In Süd-Limburg (NL) beschäftigen sich das "Innovative Centrum" und die "Industriebank LIOF" mit der Technologiepolitk. Ihre Tätigkeiten umfassen sowohl den Technologietransfer als auch Beratungstätigkeiten.

Seit 1988 gibt es im niederländischen Wirtschaftsministerium ein Netz von 18 Innovationszentren ("Innovatie-Centra"); eines davon ist in Heerlen angesiedelt. Zur Beschleunigung des Strukturwandels gründete die niederländische Regierung eine regionale Entwicklungsgesellschaft: die Industriebank LIOF NV, die sowohl Investitionen in die Region als auch Innovationsprojekte fördert

Die Aachener Region wurde von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen auf vielerlei Weise unterstützt: Auf der einen Seite mit dem Programm ZIM (Zukunftsinitiative Montanregionen), das zunächst nur auf Gebiete in der Stahlindustrie und im Steinkohlebergbau beschränkt war, auf der anderen Seite mit dem Programm ZIN (Zukunftsinitiative für die Regionen Nordrhein-Westfalen). Beide Programme, ZIM und ZIN, sind keine eigenständigen Förderprogramme mit eigenen Richtlinien und Konditionen, sondern zielen auf die Bündelung und Konzentration der strukturwirksamen Fördermittel von EU, Bund und Land ab. Im Rahmen dieser beiden Programme wurde in der Region Aachen ein Netz von Technologie- und Gewerbezentren gefördert, u.a. auch das Technologiezentrum Jülich. Die Technologiezentren bieten technologieorientierten Gründern Büroräume und Werkstattflächen zu günstigen Mietpreisen sowie diverse Infrastruktureinrichtungen zur gemeinsamen Nutzung.

Die AGIT - Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer mbH - als Träger der Zentren bietet zusammen mit der Industrie- und Handelskammer auch spezielle Beratungs- und Informationsleistungen für technologieorientierte Unternehmensgründungen. Die AGIT koordiniert alle Aktivitäten im regionalen Technologietransfer, in der Beratung und im Marketing für regionale Investitionen.

6. Vergleich der Teilregionen Aachen - Lüttich - Maastricht

Die anfänglich ähnliche industrielle Entwicklung der Teilräume der EUREGIO Maas-Rhein hat sich mit Beginn der Strukturkrise in den fünfziger Jahren auseinander entwickelt.

Die 3 Randräume der 3 Staaten, die zu einem gemeinsamen europäischen Kernraum werden wollen, stoßen immer noch auf staatliche Grenzen, die offenbar Hindernisse im Kooperationsverhalten der Betriebe in der EUREGIO darstellen. Das notwendige Potential in Form von Forschungseinrichtungen und staatlichen oder regionalen Unterstützungen ist in allen drei Regionen vorhanden. Nur die Kooperation über die Staatsgrenzen hinweg steckt noch in den Kinderschuhen. Diese Hürden müssen genommen werden, um den Strukturwandel abzuschließen und die Teile der EUREGIO zu wirtschaftlicher Eigendynamik zu bringen.

Aachen

Die Region Aachen schneidet im Vergleich mit den anderen Regionen etwas besser ab, denn die Betriebe verfolgen hier in höherem Maße interne Forschung und Entwicklung; sie sind eher auf die Produktentwicklung ausgerichtet, beteiligen sich häufiger an nationalen und internationalen Technologieprogrammen und beziehen mehr als andere Betriebe technologisches Wissen von Forschungsinstituten oder Hochschulen ein. Sie sind damit innovativ ausgerichtet und versuchen mit allen Mitteln, die Technologie voranzutreiben und für ihre Bedürfnisse zu nutzen. Dagegen sieht der Kooperationswille mit anderen Bereichen der EUREGIO in Aachen nicht so gut aus. Die Kooperation wird eher mit Firmen aus dem übrigen Bundesgebiet gesucht.

Die IHK Aachen hat im WWW einen Text abgelegt, der mit "Eine europäische Erfolgsstory: Der Wirtschaftsraum Aachen - Technologieregion mit Zukunft" überschrieben ist:

"Seit Mitte der 70er Jahren werden von der Industrie- und Handelskammer zu Aachen Konzepte eingesetzt, um dieses wissenschaftliche Potential auch ökonomisch umzusetzen. Also eine Form des Technologietransfers, die mittlerweile in ganz Deutschland und darüber hinaus viele Nachahmer gefunden hat. Mit diesen Konzepten ist es gelungen, daß es in der Aachener Region, die seit Anfang der 80er Jahre allein im Steinkohlebergbau und einigen vom Strukturwandel besonders betroffenen traditionellen Industriezweigen rund 40.000 Arbeitsplätze verloren hat, bis heute dennoch 30.000 Arbeitsplätze mehr zu schaffen, als sie es vor 10 Jahren noch gab. (...) Doch damit ist die Erfolgsstory noch nicht vorbei. Die Kammer entwickelte als Instrument des Technologietransfers Anfang der 80er Jahre erstmals ein Technologiezentrum in Aachen, das erste in Deutschland. Heute verfügt die Technologieregion Aachen über ein Netz von 11 solcher Zentren, in denen vor allem innovative Existenzgründer während der ersten Phase ihrer beruflichen Selbständigkeit betreut und gefördert werden. Diese Technologie- und Gründerzentren leisten inzwischen einen bedeutenden Beitrag zur Schaffung neuer Wirtschaftskraft. Rund 2.500 Arbeitsplätze haben die in ihnen ansässigen Firmen bisher unmittelbar geschaffen, hinzu sind noch einmal ebenso viele in vor und nachgelagerten Bereichen zu rechnen. Mittlerweile gibt es in Deutschland über 80 dieser Technologiezentren, deren Wiege in Aachen stand."

Obwohl dieser Text im Dienst der Wirtschaftsförderung und Standortwerbung steht, wird deutlich, daß man in Aachen den Strukturwandel durch Innovation als gelungen betrachtet.

Belgien

In der belgischen Region sind die wichtigsten Wirtschaftspartner der Betriebe im übrigen Belgien und in der eigenen Region zu finden. Die technischen und wirtschaftliche Potentiale, die die Forschungseinrichtungen und Hochschulen in der EUREGIO bieten, werden grenzüberschreitend von den Unternehmen noch zu wenig bzw. fast nicht genutzt. Auf der Homepage der deutschsprachigen Region (Belgien) wird zum Strukturwandel bemerkt: "Nach einem massiven Strukturwandel in den vergangenen zwanzig Jahren weist die Provinz neben den traditionellen Betrieben der Kohle- und Stahlbranche heute einen dichten Besatz an Unternehmen aus zukunftweisenden Branchen wie Elektronik, Informatik, Flugzeugmotorenbau, Astrophysik, Faseroptik und Kohlenstofffaserherstellung auf. 22 000 Industrie- und Gewerbeunternehmen beschäftigen heute rund 310 000 Mitarbeiter, über 50% der Produktion wird exportiert." Vertreter der beiden Partnerländer Belgiens in der EUREGIO bemängelten jedoch während der Exkursion die verwaltungstechnischen Probleme auf belgischer Seite. Eine Verwaltungsreform in Belgien könnte der partnerschaftlichen Strukturpolitik in der gesamten EUREGIO neuen Schwung geben.

Süd-Limburg

Auf der Eurostat-Homepage werden die niederländischen Bestrebungen, den Strukturwandel erfolgreich durchzuführen, folgendermaßen bewertet (Hervorhebungen v. Verf.):

"Die Umstrukturierung: erfolgreich, aber nicht abgeschlossen […].

Durch die Schließung der Steinkohlezechen sah sich Limburg im Zeitraum von 1965 bis 1975 mit dem Verlust von 44 000 Arbeitsplätzen konfrontiert. Zusätzlich gingen 30 000 Arbeitsplätze in vor- und nachgelagerten Wirtschaftszweigen verloren. Der lange und mühsame Sanierungs- und Umstrukturierungsprozeß, der darauf abzielte, Ersatzarbeitsplätze zu schaffen, kann jedoch heute als erfolgreich bezeichnet werden, denn die Arbeitslosenquote ist bereits seit 1984 rückläufig und liegt seit 1988 nicht mehr über dem Landesdurchschnitt. Nur im östlichen Südlimburg hat dieser Prozeß später eingesetzt; deshalb ist hier immer noch eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote festzustellen.

Internationale Ausgerichtung:

Es ist wohl nicht erstaunlich, daß die Wirtschaft einer Provinz, die fast ‚eingeklemmt' zwischen Belgien und Deutschland liegt, sehr exportorientiert ist. Dies gilt sowohl für die größeren - in Limburg stark vertretenen - Unternehmen als auch für die kleinen und mittleren Unternehmen.

Aber auch in den verschiedenen Sektoren ist der Exportanteil hoch. Sowohl der Agrar- als auch der Industrie- und Dienstleistungssektor sind international ausgerichtet: Die Exportquote liegt bei 60 %. Die großen Unternehmen, häufig Niederlassungen ausländischer Firmen, stellen 43 % der Arbeitsplätze in der Industrie, und ihr Anteil an der Wertschöpfung beträgt 60%. Bedeutende Sektoren sind die Metallindustrie, die chemische Industrie und die Medizintechnik, hier sind unter anderem Volvo Car, DSM, Sphinx, Rank Xerox, Medtronic zu nennen. Im Dienstleistungssektor, in dem 16 % der Erwerbstätigen beschäftigt sind, dominieren die Transport- und Handelsunternehmen. Venlo (in Nord-Limburg) mit seinem Containerterminal - Europas größte Anlage dieser Art -, bietet 10.000 Arbeitsplätze im Transportsektor und ist Standort des in vielen Ländern tätigen Transportunternehmens Frans Maas. Auch der Flughafen Maastricht spielt eine immer bedeutendere Rolle in diesem Sektor.

Über 200 ausländische Unternehmen haben sich in Limburg niedergelassen. Ein weiteres Beispiel für die internationale Ausrichtung ist in Maastricht zu finden, das als Ort internationaler Kongresse und Sitz zahlreicher internationaler Institutionen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Limburgs internationale Ausrichtung zeigt sich aber vor allem darin, daß es nun schon seit Jahren eine intensive Zusammenarbeit mit benachbarten Regionen Belgiens und Deutschlands gibt."

(Quelle: Homepage Eurostat, Portrait der Regionen)

Literaturverzeichnis

Hassink, R. und Reger, G.: Strukturwandel in der EUREGIO Maas-Rhein. In: Zeitschrift für Wirtschaftgeographie, Heft 1, S. 31-47, 1997.

Radermacher, A.: Die provinziale Industrialisierungsgesellschaft: Die Provinz Lüttich - eine neue industrielle Geographie. In: Informationen und Materialien zur Geographie der EUREGIO Maas-Rhein, Heft 26, S. 39-50, 1990.

Schreiber, T.: Die Entwicklung des Steinkohlebergbaus in der EUREGIO Maas-Rhein. In: Informationen und Materialien zur Geographie der EUREGIO Maas-Rhein, Heft 6, S. 21-38, Heft 7, S. 59-63, 1980.

Wieger, A.: Probleme alter industrieller Kernräume als Aufgabe für die regionale Wirtschaftsförderungspolitik. In: Informationen und Materialien zur Geographie der EUREGIO Maas-Rhein, Heft 14, S. 1-16, 1984.

Wieger, A.: Industrieller Wandel und Beschäftigungskrise in der Provinz Lüttich. In: Informationen und Materialien zur Geographie der EUREGIO Maas-Rhein, Heft 31, S. 41-58,1992.

Internetquellen WWW-Homepages der IHK Aachen, Eurostat, der EU und der EUREGIO Maas-Rhein
 
 

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Tel. (für Rückfragen): 0551-39.80.55


Letzte Änderung: 12.06.1998 - maw

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