Geographisches Institut
Georg-August-Universität Göttingen

Abteilung Kultur- und Sozialgeographie

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Kleiner Geländekurs in die EUREGIO Maas-Rhein

21. Mai - 24. Mai 1998


Globalisierung versus Regionalisierung

Die Stellung und Entwicklung von Regionen innerhalb der EU

Andreas Kluge

INHALTSVERZEICHNIS
1. Globalisierung

1.1 Globalisierung der Produktion

1.2 Globalisierung des Finanzwesens

2. Regionalisierung

3. Regionen in der EU

3. Die EUREGIO Maas-Rhein

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Globalisierung
Aufgrund der Wirtschaftspolitik des Neoliberalismus und aus den sich durch die neuen Technologien ergebenden Möglichkeiten ist eine Entwicklung zu beobachten, die heute allgemein mit dem Begriff "Globalisierung" bezeichnet wird. Krätke (1995, S.207) definiert Globalisierung als:

"...einen Prozeß der weiträumigen Ausdehnung und Verknüpfung von Aktivitäten, der u.a. in einer wachsenden, regionale und nationale Grenzen überschreitenden Bewegung von Gütern, Kapital und Menschen zum Ausdruck kommt".

Aufgrund neuer Kommunikationstechnologien scheint der relative Raum zu schrumpfen. Man spricht auch von "Raum-Zeit-Kompression" (Harvey/Scott, 1991). Der ständig zunehmende Flugverkehr oder die Hochgeschwindigkeitszüge verdeutlichen den Bedarf an räumlicher Mobilität.

Bei der Relation Global/Regional wird allgemein das Globale als determinierend und das Regionale als determiniert gesetzt.

Dabei wird unter Globalisierung nicht nur ein ökonomischer Prozeß, sondern auch die Transnationalisierung von Kultur verstanden. In den wichtigsten Metropolen, den sogenannten Global-Cities, entsteht eine neue Form von Kultur. Allgemein scheint Einigkeit darüber zu bestehen, daß bei der Globalisierung von Produktion und Finanzwesen diesen Global Cities eine herausragende Rolle zukommt. In Global Cities, die sich ausschließlich in den Industrieländern befinden, werden die globalen Kapitalströme und Produktionsprozesse gesteuert und koordiniert. Sie stellen Verkehrsknotenpunkte dar über die außer den Kapitalströmen (über neue Kommunkationstechnologien) auch sämtliche Warenströme über eine besondere, urbane Infrastruktur (Flughäfen, Züge und gut ausgebaute Straßennetze, über die alle Global Cities vernetzt sind) geleitet werden. Fast alle transnationalen Unternehmen (ob aus dem Produktionsbereich, dem Finanzwesen oder Dienstleistungssektor) haben hier ihre Firmensitze und tätigen ihre Geschäfte. In ihrem Umkreis siedeln sich Consultingbüros, Immobilienmakler, Steuerberater und Anwälte an. Auch der Nähe zu Universitäten und Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen wird eine relativ große Bedeutung zugesprochen. Von besonderer Bedeutung sind natürlich auch die Börsen als Kapitalmärkte.

Von der regionalen Ökonomie (z.B. Frankfurt in Südhessen) sind die Global-Cities fast vollständig abgekoppelt. Es hat sich eine globale Hierarchie herausgebildet wobei New York, London und Tokio an der Spitze stehen.

Aufgrund ihrer verkehrstechnischen Bedeutung ziehen diese Städte auch viele Migranten an, so daß auch ausgeprägte Armutsviertel an der Peripherie der Städte entstehen.

1.1 Globalisierung der Produktion
Es besteht also der Trend zur Trans-oder Multinationalisierung bei Großunternehmen. Damit einher geht eine Abnahme der Produktionstiefe. Großunternehmen rücken zunehmend davon ab, ihr Produkt vollständig von der Gewinnung der Rohstoffe über die Produktion bis zum Marketing/Verkauf herzustellen.

Die Umstrukturierung vom fordistischen Produktionsprinzip zur flexiblen Produktionsweise bewirkt zugleich auch neue Formen der internationalen Arbeitsteilung. So wie im Fordismus der Arbeitsprozeß in kleinste Teilprozesse zerlegt worden ist, so wird heute der Produktionsprozeß auf verschiedene Standorte aufgeteilt. Diese globale Verteilung der Standorte wird häufig als global-sourcing bezeichnet. Natürlich wird dies nur dort praktiziert wo dies sinnvoll, also profitabel erscheint. Das kann erhebliche Kostenvorteile haben:

Verknüpft werden die einzelnen Standorte (die einzelnen Produktionsebenen) über ein engmaschiges Netz von modernen Kommunikations-und Transportsystemen. Diese Produktionskette von Großunternehmen, Zulieferfirmen und Rohstofflieferanten ist meistens hierarchisch strukturiert. Innerhalb der ersten Ebene besteht aber häufig eine enge Zusammenarbeit vor allem im Forschungs-und Entwicklungssektor. Dabei gewinnen Zulieferfirmen an Bedeutung, wobei diese häufig in einem eindeutigen Abhängigkeitsverhältnis zu den Großfirmen stehen. Die Produktionsbereiche der Zulieferfirmen haben meist keine strategische Bedeutung für den Produktionsablauf. Deren Ressourcen werden flexibel und weltweit genutzt, d.h. ein Großunternehmen kauft notwendige Rohstoffe oder Produkte der Marktsituation entsprechend ein.

Die Großunternehmen konzentrieren sich nur noch auf die Herstellung und Kontrolle der Endprodukte und vor allem auf Schlüsseltechnologien.

Auch für einen großen Produktionsstandort lohnt es sich, neu ergebene Standortvorteile bestimmter Regionen zu nutzen. So werden ganze Firmen in kürzester Zeit vollständig an andere Standorte (womöglich auch in andere Länder) verlegt. Diese Entwicklung ist stark von den neuen Technologien abhängig.

Letztlich haben sich durch diese Aufteilungs-und Vernetzungsstrategien transnationaler Unternehmen neue Wirtschaftsräume herausgebildet. Es wird häufig von der Triadisierung der Weltwirtschaft (Noller/Prigge/Ronneberger 1994, S.17) gesprochen, da sich die größten Waren-, Kapital- und Informationsströme innerhalb des Dreiecks Nordamerika-Westeuropa-Ostasien bewegen. Ganze Kontinente wie Afrika sind von der (ökonomischen) Landkarte verschwunden, weil sie kaum Kaufkraft und damit keinen attraktiven Markt besitzen. Auch die Austauschbeziehungen großer Teile Südamerikas mit dem Weltmarkt scheinen sich zum größten Teil auf illegalen Drogenexport und Waffenhandel zu beschränken (Noller/Ronneberger, 1995, S.27).

1.2 Globalisierung des Finanzwesen
Zwischen dem Finanzwesen und der Produktion ist es seit den siebziger Jahren zu einer "Entkopplung" gekommen, wobei das Finanzwesen erheblich an Bedeutung gewonnen hat. Es ist zu beobachten, daß (Produktions-) Unternehmen zunehmend ihr Kapital in die Börsenmärkte lenken, zwecks Währungsspekulationen u.ä., weil sich dort neue Verwertungsmöglichkeiten anbieten und höhere Profite erreicht werden können als mit produktiven Investitionen.

Die mit dem Bretton-Woods-Abkommen 1944 geschaffene internationale Währungsordnung fester Wechselkurse (Koppelung aller Währungen an den US-Dollar/Golddeckung des US-Dollars) mußte 1973 mit der Einführung flexibler Wechselkurse aufgegeben werden. Dies bewirkte eine Deregulierung des internationalen Finanzsystems. Auch die Liberalisierung des Börsenmarktes und die Einführung des elektronischen Geldes spielte bei dieser Umstrukturierung der Weltökonomie eine bedeutende Rolle. Die nationalen Finanz- und Kreditsysteme haben sich (v.a. mit Hilfe neuer Kommunikationstechnologien) zu einem globalen Finanzmarkt entwickelt. Damit hat sich der Finanzsektor als das Steuerungsinstrument der Weltökonomie durchgesetzt. Der nationalstaatlichen Kontrolle sind dadurch allerdings sehr enge Grenzen gesetzt worden.

Durch den Bedeutungszuwachs des Finanzwesens hat auch der Dienstleistungssektor einen erheblichen Zuwachs erfahren. Während Produktionsbetriebe zunehmend aus Großstädten in deren Peripherie abwandern, konzentrieren sich die Banken und Dienstleistungsunternehmen in den Metropolen. Im Dienstleistungssektor spielen vor allem EDV-Unternehmen eine wichtige Rolle.

2. Regionalisierung
Die große Mobilität des Kapitals und die neuen flexiblen Produktionsformen verursachen eine Umstrukturierung des Raumes. Produktive Investitionen werden dort getätigt wo man sich die besseren Verwertungsmöglichkeiten für das Kapital verspricht. Daß sich dabei auch größere Produktionsstandorte relativ einfach, schnell und kostengünstig verlegen lassen, wurde bereits angesprochen. D.h., Regionen stehen untereinander in zunehmendem Wettbewerb um neue Investitionen; schon vorhandene Produktionsstandorte können jederzeit zur Disposition stehen. Auf regional-politischer Ebene wird versucht, die eigenen Standortvorteile zu verbessern und auch zu vermarkten (Regionalmarketing). Ein wichtiger Produktionsfaktor, was die Standortwahl betrifft, ist dagegen wesentlich unflexibler als Kapital und Produktionsform: Die Arbeitskraft. So werden die Arbeitnehmer auch häufig als ein wichtiger Produktionsfaktor in der Region verstanden. Ihr Bildungsniveau wird ebenso "zu Markte getragen" wie geringes gewerkschaftliches Engagement.

Die regionale Identität spielt ebenfalls eine große Rolle. In den letzten Jahren ist deutlich geworden, daß regionalspezifische Traditionen und Eigenarten (regionale Küche usw.) als wichtiger Werbefaktor erkannt, wiederbelebt und vermarktet werden. Es kommt zu einer "Wiederaufwertung besonderer regionaler Qualitäten".

Häufig ist aber auch die zufällige industrielle "Grundausstattung" einer Region für deren Weiterentwicklung von entscheidender Bedeutung. So haben sich im Wettbewerb der Regionen scheinbar Gewinner und Verlierer herausgebildet. Gewinner sind beispielsweise Baden-Württemberg, das "dritte Italien" oder der M4-Korridor in England. Dabei handelt es sich nicht immer um High-Tech Unternehmen wie in Silicon Valley oder Orange County. High-Tech Aktivitäten begründen nicht zwangsläufig regionale Prosperität (Krätke, 1995 Gundlach u.a. 1995). Es fällt ebenfalls auf, daß diese Gebiete im allgemeinen abseits der Ballungsräume liegen. Wie in Silicon Valley handelt es sich in diesen neuen Industrieregionen vor allem um kleine und mittelständische Betriebe. Sie sind eng miteinander vernetzt und arbeiten auf einer kooperativen Ebene zusammen, um auf dem globalisierten Weltmarkt bestehen zu können. Während in der Globalisierungsdebatte die "Raum-Zeit-Kompression" oder die "Neutralisierung des Raumes" hervorgehoben wird, spielt bei diesen Regionen räumliche Nähe offensichtlich doch noch eine große Rolle. Ob das Regionale durch den Bedeutungszuwachs auch an Regulationsmöglichkeiten gewonnen hat ist eher zweifelhaft. Die entwickelten Strategien, mit denen Regionen Investoren anlocken wollen, bewirken eher eine Stabilisierung der Globalisierungseffekte.

3. Regionen in der EU
Die räumlichen Disparitäten innerhalb der EU sind unübersehbar groß. Damit steht die EU vor großen Problemen. Einerseits möchte man innovative Regionen mit Eigeninitiative und Entwicklungspotential unterstützen. Andererseits können die einzelnen Nationen nicht strukturschwache Regionen "fallenlassen". Ein Mindestmaß an Subventionen ist also für Krisengebiete (z.B.: Neue Bundesländer) zwingend erforderlich. Auf keinen Fall möchte man allerdings alte Strukturen, die alleine nicht mehr lebensfähig sind mit Subventionen künstlich am Leben erhalten. Dies ist auf nationaler Ebene nicht immer durchsetzbar, schließlich müssen sich die politischen Entscheidungsträger vom Volk wählen lassen. Trotzdem sind die Nationen an die EU-Regelungen gebunden. Prinzipiell ist allerdings davon auszugehen, daß die Subventionen innerhalb der EU weiter sinken werden.

4. Die EUREGIO Maas-Rhein
Nun stellt sich die Frage ob vorhergehende, theoretische Überlegungen auch auf die EUREGIO Maas-Rhein zutreffen bzw. nachweisbar sind. Allgemein scheint in der EUREGIO die Rechnung, was den Technologietransfer anbelangt, durchaus aufzugehen. Innerhalb der EUREGIO Maas-Rhein scheint hierbei die Region Aachen am besten da zu steht. Trotzdem stellen die unterschiedlichen Gesetzgebungen der drei Nationen immer noch ein Investitionshindernis dar. Diese Probleme können auch nicht innerhalb der EUREGIO gelöst werden, sondern hier bedarf es einer Homogenisierung der Gesetzgebung auf EU-Ebene. Letztlich sind auch noch die mentalen Grenzen zu erwähnen, die zwar in den letzten zwanzig Jahren abgebaut werden konnten, aber auch heute noch vorhanden sind.

Literaturverzeichnis
Anim, A./Thrift, N.: Globalisation, Institutions and Regional Development in Europe. Oxford 1994.

Gundlach, E./Klodt, H./Langhammer, R.J./Soltwedel, R.: Fairneß im Standortwettbewerb. Auf dem Weg zur internationalen Ordnungspolitik. Kiel 1995. (Kieler Diskussionsbeiträge, 254).

Kratke, S.: Globalisierung und Regionalisierung. In: Geographische Zeitschrift, 83. 1995 (H. 4). S.207-211.

Leborgene, D./Lipietz A.: Neue Technologien, neue Regulationsweisen: Einige räumliche Implikationen. In: Borst, R. u.a. (Hrsg.): Das neue Gesicht der Städte. Basel, Boston, Berlin 1990. S. 109-130.

Messner, D./Meyer-Stammer, J.: Die nationale Basis internationaler Wettbewerbsfähigkeit. In: Nord-Süd aktuell, 7. 1993. (Nr. 1).

Peck, J./Tickell, A.: Jungle Law Breaks Out: Neo-Liberalism and Global-Local Disorder. In: Area, 26. 1994. (H. 4). S. 317-326

Prigge, W.: Zur Theorie der Globalisierung. In: Noller, P./Prigge, W.

Ronneberger (Hrsg.): Stadt-Welt. Über die Globalisierung städtischer Milieus. Frankfurt, New York 1994. S. 94-111. (Zukunft des Städtischen, B. 6)


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Der Preis beträgt 13.-Euro (gebunden, ca. 180 Seiten). Bezahlung vorzugsweise per Überweisung im voraus.

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Michael Waibel
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Letzte Änderung: 12.06.1998 - maw

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