Geographisches Institut
Georg-August-Universität Göttingen

Abteilung Kultur- und Sozialgeographie


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Kleiner Geländekurs in die EUREGIO Maas-Rhein

21. Mai - 24. Mai 1998


Karl der Große und Napoleon

Ein kritischer Vergleich zweier Staatsmänner

Christian Heinker
INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
2. Voraussetzungen
3. Eroberungen
4. Herrschaftstechniken
5. Das Selbstverständnis als Herrscher
6. Legitimitätsgrundlagen - Widersprüche
7. Karl der Große, Napoleon und Aachen
8. Fazit - Die beiden Herrscher und Europa

Literaturverzeichnis



1. Einleitung
Die Zielstellung dieses Referates, zwei bedeutende Staatsmänner, ihren Platz in der Geschichte und die Auswirkungen ihrer Politik zu vergleichen, ist nicht ganz einfach zu verwirklichen. Immerhin ein volles Jahrtausend liegt zwischen den beiden säkularen Gestalten Karl dem Großen und Napoleon Bonaparte, die beide die Geschicke Europas wesentlich bestimmt haben. Auf den ersten Blick scheint sich der Vergleich zwischen beiden eher zu verbieten. Zu unterschiedlich sind die Bedingungen ihrer Herkunft, der historische Kontext, die bestimmenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen, innerhalb derer sich das Handeln dieser Personen abspielte. Trotz dessen - oder vielleicht gerade deswegen - soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, beide Staatsmänner auf bestimmten Ebenen einander gegenüber zu stellen, soweit das einzelne, allgemein gültige Indikatoren zulassen.

Beide Herrscher weisen in ihrem Handeln und dessen politischen Auswirkungen zum Teil weit über ihr Land, in dem sie regierten, hinaus. Karl der Große und Napoleon Bonaparte sind gleichsam europäische Gestalten, die ganz Europa etwas angehen. Deshalb soll hier der Vergleich beider Herrscher in Bezug auf Europa Priorität besitzen. Doch auch bestimmte Aspekte, wie die der Machtausübung bzw. Herrschaftstechnik sowie gewisse kulturelle und religiöse Bezugspunkte müssen in diesem Vergleich Beachtung finden, wie auch Leben und Leistung beider Staatsmänner gewürdigt werden sollen.

2. Voraussetzungen
Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Herrschergestalten besteht in den Voraussetzungen ihrer Machtposition, die auch auf die Langzeitwirkungen ihrer Herrschaft einen Einfluß besitzen. Karl der Große wurde in die Herrschaft hineingeboren: Er war bereits bei seiner Geburt zum künftigen König bestimmt. Gerade die Vorleistung seines Vaters Pippin, die oft allzu gering geschätzt wird, sollte dabei nicht übersehen werden, leistete sie jedoch einen wichtigen Beitrag zur späteren Machtentfaltung unter Karl. Ohne die Einführung des Gottesgnadentums durch die Salbung des ersten karolingischen Königs (751) - der die Heiligkeit des neuen fränkischen Königtums untermauern sollte - , ohne die Absetzung des letzten merowingischen Schattenkönigs, ohne das Bündnis mit der Kirche, die den Herrschaftsanspruch der Karolinger religiös abstützte, ist der spätere Aufstieg Karls zur imperialen Größe nur sehr schwer vorstellbar. Auch der frühe Tod Karlmanns (771), zu einem Zeitpunkt, als sich der Konflikt beider Brüder bereits abzeichnete, trug außerordentlich zur schnellen Durchsetzung des Machtanspruches Karls nach innen bei.

Demgegenüber betrat Napoleon als homo novus die politische Bühne. Alles was er war, was er erreichte, war er im wesentlichen durch sich selbst. Obgleich die Voraussetzung für seinen rasanten Machtanstieg in der unmittelbar vorausgegangenen französischen Revolution lag, als deren Sohn sich Napoleon auch immer wieder bezeichnete, ist der Aufstieg aus der politischen Bedeutungslosigkeit zum Beherrscher Europas sein Werk, auch wenn er sich dabei auf die zum Teil ungeheuren durch die Revolution hervorgerufenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen seiner Zeit stützen konnte. Dabei erwies er sich als wahrer geistiger Erbe der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, der auf geschichtlich Gewordenes, auf Traditionen keine Rücksicht nehmen zu brauchen glaubte und alle Probleme mit seiner katalysierenden Willenskraft des Verstandes, der Rationalität und seines militärischen Genies lösen zu können glaubte.
Beiden Herrschern war natürlich auch der persönliche Ehrgeiz als Antrieb zu eigen, möglicher Alleinherrscher im Abendland zu sein und sich durch erfolgreiche Kriegszüge Ansehen und Ruhm zu sichern.

3. Eroberungen
Die Eroberungspolitik beider Herrscher liefert am ehesten Beispiele dafür, in welchen Punkten sich Karl und Napoleon unterschieden und glichen, aber auch dafür, wo die Grenzen ihrer jeweiligen Politik lagen.

Bei Karl wird von Anfang an ersichtlich, daß es ihm bei aller Unterwerfung von Ländereien auch darum ging, diese längerfristig in sein Reich zu integrieren und seinen Nachfolgern zu erhalten. Die lange und blutige Eroberung Sachsens, verbunden mit einer gewaltsamen Christianisierung, erweiterte das Frankenreich stark nach Nordosten und ermöglichte erst dadurch - in Verbindung mit einer festeren Einbeziehung Bayerns in das Reich - die spätere Abspaltung mit angrenzenden Gebieten als relativ geschlossener Block in Entwicklung hin zu einem mittelalterlichen Deutschland.

Die Eroberung und Auslöschung des Langobardenreiches in Nord- und Mittelitalien gleich am Anfang seiner Regierungszeit machte es Karl erst möglich, den eben entstandenen Kirchenstaat mit dem Frankenreich zu verbinden.

Besondere Bedeutung erlangten unter Karl die Einrichtung von Marken als eine Art Militärgrenze zu Gebieten, die nicht so rasch erobert und integriert werden konnten. Die bretonische, spanische, sorbische oder pannonische Mark bildeten eine Pufferzone mit eigenen Markgrafen um das eigentliche fränkische Kerngebiet und verhinderten erfolgreich, daß das Reich an den Rändern abbröseln konnte.

Ab dem Höhepunkt der Machtstellung Karls sind keine nennenswerten Eroberungen mehr zu verzeichnen. Er hatte nun alle Hände voll zu tun, das Erreichte abzusichern und vor allem gegen die beginnenden Einfälle der Normannen abzuschirmen.

Die einzelnen Eroberungsphasen unter Karl lassen erkennen, daß er bei seiner hartnäckig, bisweilen auch grausam vorgetragenen Eroberungs- und Befriedungspolitik keinen bestimmten Plan verfolgte. Oft war es sogar so, daß ihn die Unterwerfung eines Landes in Berührung mit weiteren Völkern brachte, mit denen er sich dann nolens volens auseinandersetzen mußte. Trotz allem erweiterten seine Kriegszüge die Reichsgrenzen derartig, daß der spätere Weg der Reichsteilungen, die sich dann als dauerhaft erweisen sollten, schon vorgezeichnet wurde. Zu unterschiedlich nach Sprache, Sitten, Gebräuchen und Rechtsvorstellungen waren die einzelnen Regionen, daß schon zu Lebzeiten Karls wieder zum Prinzip der Teilreiche übergegangen werden mußte.

Napoleon hingegen gründete seinen Ruf und Ruhm von Anfang an nahezu ausschließlich auf militärischer Eroberung. So einförmig sind die immer wiederkehrenden Motive seiner Feldzüge, daß daraus eine gewisse Monotonie hervorscheint. Napoleons Eroberungen tragen in noch stärkerem Maße, sowohl auf dem Gipfelpunkt seiner Erfolge als auch im Angesicht der tiefsten Niederlage seine persönlichen Züge, seiner Politik des Alles oder Nichts, die es ihm unmöglich machte, ausgleichend einzuwirken und sich selbst zu beschränken. Er unterwarf sich dem größtmöglichen Herrschaftsanspruch einer Politik, die ihm in ihrer Folgerichtigkeit zunehmend das Gesetz des Handelns aufzwingen mußte. Sein Ehrgeiz war unermeßlich, wie er auch ständig mehrere Pläne gleichzeitig verfolgte und nie eine Priorität in ihnen zuließ. Wohl wie Karl der Große mit keinem festumrissenen Plan ausgestattet, dehnten sich seine Ambitionen ins Uferlose. Auf dem Höhepunkt der Machtausdehnung reichte Frankreich von Rom bis Hamburg, von Brest bis zur dalmatinischen Küste. 130 Departements umfaßte das Kaiserreich, davon nur die Hälfte eigentlich französisch. Darum legte sich ein breiter Kranz von Satellitenstaaten. Eine Eroberung zog fast zwangsläufig die nächste nach sich. Während seiner Feldzüge blieb Napoleon ein Feind dauerhaft erhalten: England, das folgerichtig auch als Kriegsgrund für jede weitere Eroberung herhalten mußte. Das Selbstverständnis der einzelnen Regionen Europas hatte sich aber damals schon zu sehr herausgebildet, um unter der Eroberung und Hegemonie eines Landes dauerhaft bestehen zu können. Am Ende wurde Frankreich wieder auf die Grenzen von 1790 zurückgedrängt, aber die Landkarte Europas wurde nachhaltig verändert. Die Eroberungen Napoleons hatten keinen Bestand, weil sie ihrem Wesen nach militärdespotischer Natur waren und ihre Feinde gegen sich einten. Das Reich Karls des Großen dagegen hatte Bestand, indem es die Grenzen des politischen Europa erstmalig fixierte und lebte in seinen Teilen fort.

4. Herrschaftstechniken
Bei der Herrschaftsausübung unter Karl dem Großen wird von Beginn an deutlich, daß es ihm in der Regierungspraxis um die Verbindung des Reichsgedankens mit dem neu gefestigten und in Zukunft zu festigenden Christentum als höhere moralische Leitidee und Wertesystem ging. Karl scheint es klar gewesen zu sein, daß die rein militärische Eroberung eines Landes nicht ausreichte, um dieses auch strukturell längerfristig an das Reich zu binden. Daher sind auch auf dem Gebiet der Verwaltung unter Karl neue, interessante Ansätze sichtbar. Überhaupt sind in seiner Regierungszeit Entwicklungen zur Institutionalisierung verschiedener Herrschaftsmethoden feststellbar, die bis dahin lediglich den Charakter von Gewohnheitsrecht besaßen. Herrschaft bedeutete gerade im Frühmittelalter, Herrschaft über einen Personenstaatsverband zu besitzen. Der Loyalität der wichtigen Amtsträger mußte man sich immer wieder neu versichern. Dies wurde im wesentlichen durch persönliche Autorität und Präsenz erreicht; weswegen Karl auch, um Macht auszuüben, von Pfalz zu Pfalz reiste und dort die Kontrolle über die Großen des Reiches sicherstellte. Durch eine relativ neue Einrichtung, die Entsendung der missi dominici (Königsboten) als Kontrolle der Verwaltung und zur Aufsicht über die Grafschaften, wurde ein strafferes Regieren ermöglicht. Dadurch, daß Karl von Amtsträgern den Treueid verlangte, diese also seine Vasallen werden sollten, bildete sich ein neuartiges Lehnswesen heraus. Allerdings war dieses Vasallentum von der Autorität des jeweiligen Herrschers abhängig. Das gute Funktionieren dieser Praxis unter Karl zeigt, daß er diese Autorität besaß. Er erweiterte auch den Kreis seiner Ratgeber, so daß allmählich eine nunmehr feste Kanzlei mit zunehmendem Schriftverkehr entstand.

Auch der Loyalität der Kirche versicherte sich Karl, als er sie sich allein unterstellte, indem er sich auch als Oberhaupt der Christenheit betrachtete. Dieses System einer "Reichskirche" wurde des öfteren mit Immunität ausgestattet, eine Praxis, aus der später noch mancherlei Schwierigkeiten erwachsen sollten.

In der zunehmenden Durchführung von Kapitularien zeigt sich Karls Bemühung um eine verstärkte Rechtspflege, die altes Gewohnheitsrecht durch normierte Rechtssatzungen ersetzen sollte. Auch im Bereich der Kulturpolitik ist ein deutlicher Aufschwung unter Karl zu bemerken. Karl zieht Gebildete aus ganz Europa an seinen Hof und bereitet damit den Boden für die Karolingische Renaissance. Das ursprünglich bildungsfeindliche Mönchtum wird im Frühmittelalter zum fast einzigen Träger der Bildung. Die Gründung von Klosterschulen wirkt sich hier sehr positiv aus.

Auch Napoleon erwies sich - abseits seiner Feldzüge und Eroberungen - als fähiger Organisator und Verwaltungsfachmann. Die Einführung des Code Civil, des ersten bürgerlichen Gesetzbuches, auch außerhalb Frankreichs, verdeutlicht die fundamentalen Neuerungen, von denen ganz Europa profitieren konnte. Durch zentralistisch-einheitliche Verwaltung, Gleichheit vor dem Gesetz und Toleranz in religiösen Dingen sicherte er das Fortbestehen der wichtigsten Errungenschaften der Revolution, die diesen Prinzipien eigentlich erst zum Durchbruch verholfen hatte. Das Fortführen der nachfeudalen Besitzrechte an Grund und Boden bringt ihm die Unterstützung der kleinbürgerlichen Schichten bei Plebisziten ein. Aber er wagte es auch, mit gewissen Traditionen der Revolution zu brechen. So schloß er mit dem Papst ein Konkordat zur Wiederherstellung des Religionsfriedens, der durch die Revolution doch arg in Mitleidenschaft gezogen worden war. Für Napoleon stellte dies eine politische Maßnahme dar, denn, wie er sagte: "Wenn sie dem Volk den Glauben nehmen, haben Sie bald nur noch Straßenräuber".

Vor allem in der Spätphase des Konsulats erweisen sich Napoleons Fähigkeiten außerhalb militärstrategischer Erwägungen. Er organisiert, er stiftet, so zum Beispiel die Ehrenlegion, die Banque de France oder die Universität von Paris. Durch die Bestimmungen, die die Begabung des Einzelnen zum Grundstein von Karrieremöglichkeiten machen, setzt er auch einen Schlußstrich unter die jahrhundertealten Vorrechte des Adels in diesem Bereich.

In Europa sollten diese verwaltungstechnischen Neuerungen und Fortschritte jedoch einen zumeist doppeldeutigen Charakter bekommen. Allzu oft stützt sich Napoleon in den unterworfenen Ländern auf die Vertreter der alten Schichten als Herrschaftsinstrumente und bahnt für die Vertreter des Ancien Regime den Weg, nach ihm im Zeichen der Restauration noch einmal für eine Generation zur alten Ordnung zurückzukehren. Die Ausbeutung der unterworfenen Länder wird unter Napoleon bis an die Grenze des Erträglichen betrieben. Hier zeigt sich, daß eben doch - spätestens ab der Krönung Napoleons zum Kaiser - die Herbeiführung einer politischen Entscheidung durch militärische Operationen die Grundprämisse Napoleons darstellt.

Durch die Mediatisierungen der vielen kleinen deutschen Reichsstände und die Beseitigung des schon vorher zur bloßen Mumie gewordenen Heiligen Römischen Reiches (Sacrum Romanum Imperium) im Jahre 1806 bereitet Napoleon - wohl doch eher ungewollt - den Boden für eine spätere Entwicklung hin zu einem Nationalstaat.

5. Das Selbstverständnis als Herrscher
Das Kaisertum Karls des Großen stellt in seinem universalen Anspruch eine Synthese verschiedener Elemente dar. In seiner Persönlichkeit, so sahen es bereits Zeitgenossen, vollendete sich Antike, Christentum und Germanentum. In Karls Selbstbild wird immer wieder deutlich, daß er vor allem Herrscher der Christenheit sein wollte. Karl betrachtet sich dabei als über dem Papst stehend, der die Kirche in seinen Schutz nimmt. Daß seine Herrschaft dennoch mehr ist als eine sakrale Würde, macht Karl deutlich, indem er Wert darauf legt, daß die Kaiserakklamation nicht nur in Rom, sondern auch in seiner Lieblingspfalz Aachen von seinem fränkischen "Reichsvolk" vollzogen wird. Wichtig erscheint, daß Karl seinen Königstitel auch nach der Kaiserkrönung beibehält, wohl um deutlich zu machen, daß er seine Herkunft und Verwurzelung in der germanischen Stammestradition nicht vergessen hatte. Mit dem Begriff der römischen Kaiserherrschaft geht Karl sehr vorsichtig um. Nach seiner Krönung bestand das Zweikaiserproblem mit Byzanz, das erst kurz vor seinem Tode gütlich beigelegt werden konnte. Der römische Titel ist wohl vor allem auf päpstliche Intentionen zurückzuführen, der damit eine gewisse Schutzpflicht und -tradition der Kaiser für sich begründen wollte. Die Verbindung zur Antike suchte Karl mehr auf kulturellem Gebiet, was die karolingische Renaissance auch zeigt. Diese Traditionen zu erhalten, mit dem Neuen zu verbinden und es nicht auf dem Altar der realen Machtpolitik zu opfern, darin bestand für Karl eben auch ein Teil seines Herrschaftsverständnisses, gleichwohl seine Kulturpolitik eher auf Gotterkenntnis ausgerichtet war. Dennoch läßt sich Karl von dem Ruhm und der Würde des Kaisertitels nicht gefangen nehmen. Er scheint sogar geahnt zu haben, daß sein imposanter Machtanstieg unter seinen Nachfolgern nicht von Dauer sein würde. Die divisio regni, in der wenigstens zum Teil wieder zum alten Prinzip der Reichsteilung zurückgekehrt wurde, gibt einen deutlichen Hinweis darauf. Daß Karl von allen nachrömischen Herrschern bis dahin trotz allem die höchste Autorität genossen hat, ist unbestritten.

"Ich habe", so demgegenüber Napoleon, "die Herrschaft über die Welt gewollt, und um sie mir zu sichern, brauchte ich unbegrenzte Macht." Aus diesem Zitat wird schon deutlich, daß Napoleon bis an die Grenzen dessen, was zur unbegrenzten Eroberungspolitik notwendig war, zu gehen bereit war. Das Eingeständnis seines Despotismus scheint ihn eher mit altrömischen Cäsaren vergleichbar zu machen als mit neuzeitlichen Herrscherfiguren. Nur das Element der Aufklärung in ihm zeigt da noch gewisse Züge, die sich mit seiner geistigen Heimat im 18. Jahrhundert erklären lassen. Die immer weitere Ausdehnung seiner Ziele machen es schwer möglich, sein Konzept vom Herrscher zu verdeutlichen. Wahrscheinlich ist Napoleon auch irgendwann zum Gefangenen seiner ehrgeizigen Pläne geworden, die nach und nach alle geschichtlichen Analogien in den Schatten stellten. Nichtsdestotrotz muß Napoleon in jeder Phase seiner (Eroberungs-)politik die alleinige Verantwortung zugeschrieben werden. Zu sehr kümmerte er sich um jedes Detail, zu eng waren die Spielräume, die er seinen Untergebenen lassen wollte, so daß seine Rolle von der eines Militärdespoten nicht ungerechtfertigt erscheint. Schon die Konsulatsverfassung war auf ihn allein zugeschnitten. Dennoch leitet sich aus seinen Herrschaftsvorstellungen die Idee des Bonapartismus ab, bei der plebiszitäre Elemente eine tragende Rolle spielen sollten.
 

6. Legitimitätsgrundlagen - Widersprüche
Als Karl der Große an Weihnachten 800 in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde und somit das Heilige Römische Reich begründete, so war er dies de facto bereits. Durch seine Eroberungen, sein Ansehen und seine Autorität hatte er bereits ein solches Maß an Prestige - auch über die Grenzen seines Reiches hinaus - gewonnen, daß der Akt der Krönung nur noch die Anerkennung dieses Ruhmes vollzog. Eben dies verlieh Karl eine nahezu unangreifbare Legitimierung, sowohl in politischer als auch in persönlicher, moralischer Hinsicht als Lenker des Christenvolkes. Aber dadurch, daß Karl dem Papst die Rolle des Verleihers der Kaiserwürde zubilligt, sind damit auch künftigen Konflikten um die Vorherrschaft im Reich die Grundsteine gelegt, die fast drei Jahrhunderte später im Investiturstreit so effektvoll gipfeln konnten. Karl hatte damit auch die Basis für die spätere Sonderstellung der Kirche geschaffen. Eigentlich bestand auch unter Karl ein gewisser grundlegender Widerspruch zwischen archaischem, dem alten germanischen Stammesbrauchtum verpflichteten Herrscherethos und der neuen, reformbereiten Gottesdienerschaft als Herrscher fort. Daß diese Widersprüche unter Karl nicht offen ausbrachen, zeigt seine Größe in diesen Fragen. Seine Nachfolger sollten da schon wesentlich mehr Probleme haben, obwohl unter ihnen die Institutionalisierung des Königsamtes es für dessen Träger zunehmend weniger notwendig machte, außeralltägliche Leistungen zu vollbringen. Karl hatte eine neue Legitimität geschaffen, die tausend Jahre Bestand haben sollte, obgleich es am Ende nur noch eine leere Hülle sein sollte.

Napoleon, der diese Kaiserwürde 1806 beseitigte, wohl auch, weil er sich als deren Erben betrachtete, bedurfte dieser scheinbaren Legitimation dringender als irgend ein anderer Herrscher. Sein ganzes Leben läßt sich als eine zum Teil verzweifelte Suche nach Legitimität darstellen, die seinen ungeheuren Herrschaftsanspruch abstützen sollte. Daß sich die verschiedenen Konzeptionen widersprachen, wollte ihm dabei nicht auffallen. Zunächst war das karolingische Kaisertum Vorbild für Napoleon. Allerdings setzt er sich die Krone in Paris - und nicht in Rom - selbst aufs Haupt. Als er irgendwann die Hände auf Territorien legt, die nie von Karl dem Großen beherrscht wurden, mußten andere Anleihen aus der Geschichte als Legitimierung dafür herhalten. Von Anfang an wird das Bemühen erkennbar, seinem Empire einen Charakter zu geben, der europäischer Natur ist. Hier stellt sich dann aber doch die Frage, ob die historischen Anleihen für Napoleon nicht doch nur bloße Symbole darstellten. Es scheint hier aber Napoleon bewußt gewesen zu sein, daß seine Herrschaft mit bloßer militärischer Kraftanstrengung nicht zu behaupten sein würde. Von den Vertretern des alten Europa wurde er nur als Usurpator, als Korsischer Parvenü betrachtet. Seine Herkunft stellte stets den schwächsten Punkt seiner Herrschaft dar. Deshalb war er zum Siegen verdammt, wollte er seine Herrschaft nicht gefährden.

Dabei hatte Napoleon durchaus Chancen, die Herrschaft über seine Zeit zu behaupten. Von Beginn an wird die Doppeldeutigkeit seines Auftretens sichtbar. Er kam für die Völker Europas als Befreier und Eroberer. Das machte seine Erfolge überhaupt erst möglich. Auch seine Maßnahmen sind höchst widersprüchlich. Um die Bourbonen, das alte Herrschergeschlecht Frankreichs, zu erschrecken, läßt er den Herzog von Enghien erschießen. Im gleichen Atemzug schafft er neuen Adel und verteilt die Throne Europas in einem anachronistischen, korsischen Clan-Prinzip an die Angehörigen seiner Familie. Die Kontinentalblockade gegen England ist für den Kontinent zum wirtschaftlichen Nachteil, obwohl damit - ungewollt - auch der Anstoß zum Aufbau eigener Industrien gegeben wird.
 

7. Karl der Große, Napoleon und Aachen
Aachen hat die Bedeutung, die diese Stadt während der folgenden Jahrhunderte innehaben sollte, zu einem wesentlichen Anteil Karl dem Großen zu verdanken. Er machte den Ort, der schon aus römischer Zeit wegen seiner heißen Quellen eine Badetradition begründen konnte (Aquisgranum), ab 794 zu seiner ständigen Residenz.

Die Kirche, die Karl in Aachen weihte, wurde schon sehr bald zu dem Zentrum, das in der Folgezeit die Menschenmassen anziehen sollte. Beim Bau wurden keine Kosten und Mühen gescheut, so daß die Hofkirche Karls, aus der später der Dom erwachsen sollte und in der er höchstwahrscheinlich auch begraben liegt, zum Weltkulturerbe gehört.

In der Architektur der Hofkirche drückt sich auch der geistige Anspruch Karls als Herrscher aus, indem beim Bau römisch-antike, byzantinische und germanisch-fränkische Elemente miteinander verknüpft sind. Zentrum des Domes bildet das Oktogon, eine bauliche Meisterleistung für die damalige Zeit. Im Obergeschoß, zwischen Westbau und Oktogon, steht der marmorne Kaiserthron, dem Herrschersymbol für dreißig deutsche Könige und Kaiser, die zwischen 936 mit Otto I. und 1531 mit Ferdinand I. in Aachen gekrönt wurden.

In der Schatzkammer sind für Europa einzigartige Kunstschätze zu finden. Im Karlsschrein ruhen seit 1215 die Gebeine Karls, der 1165 auf Betreiben Friedrich Barbarossas heiliggesprochen wurde. Dies führte auch dazu, daß Aachen in noch stärkerer Form als bisher ein Zentrum für Pilger aus ganz Europa werden konnte.

Für Napoleon bildete Aachen, das seit 1794 französisch und Hauptstadt des Departements Roer geworden war, mit seiner einzigartigen Tradition offenbar auch eine Legitimationsbasis mit seiner vermeintlichen Vorbildfunktion Karls des Großen. Napoleon stützte sich am Anfang seiner Herrschaft stark auf Karl als Idealbild eines Herrschers. Er macht Aachen zum Bischofssitz, läßt seinen Sohn, den König von Rom, dort taufen und verdeutlicht seinen imperialen Herrschaftsanspruch unter Bezugnahme auf das alte Rom, indem er sogar Herrschaftssymbole baulicher Art, wie etwa die 30 antiken römischen Marmorsäulen aus der Chorhalle des Aachener Doms, welche unter Karl aus Ravenna über die Alpen gebracht wurden, nach Paris verbringen läßt.
 

8. Fazit - Die beiden Herrscher und Europa
Der Mythos, das festländische Europa gegen England zu einigen, hat im Denken Napoleons immer eine große Rolle gespielt. Allerdings dachte er dabei mehr an ein straff zentralistisch organisiertes Reich mit Paris als Mittelpunkt als an eine föderative Organisation. Die Mittel, um dies zu erreichen, waren zu utilitaristisch und zum Teil sogar noch von feudalem Denken im Sinne seiner Familie geprägt. Allzu sehr unterschätzte Napoleon die irrationalen Triebkräfte der Völker Europas im Zeitalter der heraufziehenden Nationalismen. Man kann sogar sagen, daß er sich mit aller Kraft des 18. Jahrhunderts gegen die bestimmenden Faktoren des 19. Jahrhunderts stemmte und diesen damit erst zum vollen Durchbruch verhalf. Sicherlich bedeutete seine Herrschaft in vielen Teilen Europas - gerade auch in Deutschland - zunächst Befreiung. Die freiheitlichen Ideale der französischen Revolution kehrten sich am Ende gegen ihn selbst. Die Mittel, die er in der Folgezeit anwendete, hatten eher kontraproduktive Auswirkungen. Die Völker Europas, die seiner ewigen Kriegsanstrengungen müde geworden waren, mochten nicht mehr einer Politik folgen, die doch nur zum Ruhme Frankreichs dienen sollte. Nicht nur die Mittel, sondern auch die Ziele lassen es fragwürdig erscheinen, Napoleon in die Ahnenreihe der (geistigen) Stammväter Europas zu stellen. Zu nackt, zu bloß erscheinen die nur zweckrationalen Motive seiner Herrschaft, der es an einer übergeordneten Leitidee mangelte und die so viele Opfer forderte. Versuche, Napoleon nachträglich zum Integrator Europas zu befördern, müssen wohl in den Bereich der Spekulation verwiesen werden, die manche Autoren angesichts der bevorstehenden möglichen Einigung Europas dazu verleiten, allzu eilfertig nach historischen Analogien zu suchen. Schließlich macht sich jede Generation ihr eigenes Bild von Napoleon, der so viele entgegengesetzte Möglichkeiten in sich barg. So liegt denn Napoleons wahres Erbe, seine Hinterlassenschaft, die auf uns überkommen ist, vor allem in seinen zivilen Leistungen.

Von Karl dem Großen dagegen kann man mit Recht beanspruchen, daß er einer der "Gründerhelden" Europas gewesen ist. Schon seine Zeitgenossen feiern ihn als "Leuchtturm Europas". Das Kaisertum Karls kann als erste Ausformung eines politischen Europas betrachtet werden, eines Kontinents, der vor ihm lediglich geographische Bedeutung besaß. Die beiden europäischen Kernvölker, Deutsche und Franzosen, gründen ihre Erinnerung gleichermaßen auf Karl, der eine wahrhaftige Integrationsfigur gewesen ist. Zwar nicht ganz frei von Widersprüchen, war Karl zu seiner Zeit Vorbild für alle anderen Herrscher und die Bedeutung des Königsnamens ist in vielen europäischen Sprachen direkt von Karl abgeleitet. Mit ihm beginnt die Geschichte des christlichen Abendlandes. Der seit 1950 von der Stadt Aachen alljährlich verliehene Karlspreis, der für Verdienste um die europäische Bewegung und Einigung vergeben wird, trägt dem Rechnung.
 

Literatur
Becher, Matthias (1993): Eid und Herrschaft. Untersuchungen zum Herrscherethos Karls des Großen. Sigmaringen.

Ellis, Geoffrey (1997): Napoleon. London & New York.

Kalckhoff, Andreas (1987): Karl der Große. Profile eines Herrschers. München & Zürich

DUMONT-KUNSTFÜHRER - AACHEN UND DIE EIFEL(1992): Hamburg.

Riche, Pierre (1987): Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. München.

Sieburg, Heinz-Otto (Hrsg.) (1971): Napoleon und Europa. Köln & Berlin.

Woolf, Stuart (1991): Napoleon´s Integration of Europe. London & New York.

 

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Letzte Änderung: 27.05.2001 - maw

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