Geographisches Institut Georg-August-Universität Göttingen


Spezialübung
Entwicklungsnder/Internationale Entwicklungspolitik
WS 2001/2002

Leitung: Dr. Michael Waibel

Pro & Contra - 3-Schluchtenstaudamm in China

Anike Fritz

INHALTSVERZEICHNIS

  • 1. Einleitung
  • 2. Situation in China
  • 2.1 Flutkatastrophen, Dämme und Wasser
  • 2.2 Gebiet, Gegend und Fluss
  • 2.3 Staudämme am Jangtse
  • 2.4 Der Drei-Schluchten-Staudamm (TGP)
  • 2.4.1 Geschichte des TGPs
  • 2.4.2 Bauwerke des TGPs
  • 2.4.3 Bauzeit
  • 2.4.4 Dimensionen und Kapazitäten des TGPs
  • 2.4.5 Kosten und Finanzierung
  • 2.4.5.1 Firmen mit Aufträgen fürs TGP
  • 2.4.5.2 Bundesregierung Deutschland
  • 2.4.5.3 Hermesbürgschaften
  • 2.5 Meinungsfreiheit
  • 3. Ziele und Probleme des Drei-Schluchten Staudamms
  • 3.1 Die fünf Hauptziele und Zwecke
  • 3.1.1 Hochwasser und Überschwemmungen
  • 3.1.2 Energiegewinnung
  • 3.1.3 Verbesserung der Schifffahrt
  • 3.1.4 Beseitigung des Wassermangels in Nordchina
  • 3.1.5 Die regionale wirtschaftliche Entwicklung
  • 3.2 Die fünf Hauptprobleme
  • 3.2.1 Damm-Katastrophen in der Vergangenheit und (3.2.5.)
  • 3.2.2 Umsiedlungsproblematik
  • 3.2.3 Umweltschäden
  • 3.2.4 Verlust von historischen Relikten
  • 3.2.5 Militärische Zielscheibe und/oder Naturkatastrophe
  • 3.3 Deutsche Politik und Finanzierung
  • 4. Fazit Literaturverzeichnis und WWW-Quellen

1. Einleitung
Im vorliegenden Beitrag soll geklärt werden, ob der Nutzen von Großstaudämmen, am Beispiel des Drei-Schluchten Staudamms in China, größer ist als ihre Kosten. Ein Großstaudamm hat eine Mauerhöhe von 15 m und fasst mehr als 15 Mio. m3. Im 20. Jh. wurden etwa 22.500 Großstaudämme allein in China errichtet. Sie dienen der Stromerzeugung und der landwirtschaftlichen Bewässerung (das sind 12-16 % der weltweiten Nahrungsmittelproduktion). Leider verursachen sie auch Probleme, indem sie in das Ökosystem und das Leben vieler Menschen eingreifen. Großstaudämme wurden bis in die 70er Jahre "als Inbegriff von Entwicklung und wirtschaftlichen Fortschritt gesehen" (www.gtz.de/ themen/publikationen/euz-Durchbruch.pdf). In China hält man noch heute daran fest. Die ‚World Commission on Dams' kommt bezüglich Staudämmen zu folgenden Ergebnis: "Staudämme sind in erster Linie Mittel zum Zweck. Ihre Aufgabe besteht darin, das Wohlergehen der Menschen nachhaltig zu verbessern. Diese Verbesserung soll wirtschaftlich tragfähig, sozial gerecht und umweltverträglich sein. Kann dieses Ziel am besten durch einen Staudamm verwirklicht werden, soll der Bau unterstützt werden. Wo Alternativen die bessere Lösung bieten, sollen diese dem Staudamm vorgezogen werden" (www.gtz.de/themen/publikationen/euz-Durchbruch.pdf). Im Folgenden werden die Vor- und Nachteile des Drei-Schluchten Staudammes mit Bezug auf die Fakten und die Situation in China analysiert. (vgl. www.gtz.de/themen/publikationen/euz-Durchbruch.pdf)

2. Situation in China
2.1 Flutkatastrophen, Dämme und Wasser

China leidet schon seit ewigen Zeiten unter den Fluten des Jangtse. Seit der Han-Dynastie vor 2000 Jahren ist der Fluss für über 200 große Flutkatastrophen verantwortlich gewesen. Bei den letzten beiden großen Fluten, 1931 und 1935, starben zusammen über 280.000 Menschen. 1954 starben 33.000 Menschen (damaliger Machthaber: MAO TSE-TUNG). 1975 folgte die bisher größte Katastrophe.
Das Desaster von 1975: Im August brachen nach einem Taifun, der aufgrund unglücklicher Wetterkonstellationen ins Landesinnere kam, mit sintflutartigen Regenfällen der Banqiao-Damm (bis 110 m sicher; am 8. Aug. um 1:00 a.m. bei 118 m voll mit + 30 cm Überlauf gebrochen) und der etwas kleinere Shimantan-Damm (am 8. Aug. 12.30 a.m. bei + 40 cm Überlauf) in Henan. In Folge brachen 62 weitere Dämme. Um noch Schlimmeres zu verhindern und vor allem die wertvollen Industrieanlagen zu schützen, wurden ohne Vorwarnung Flussdeiche gesprengt. Die Folge: 230.000 Tote. Hauptursache des Dammbruchs war menschliches Versagen. Die Tore der Abflusskanäle ließen sich nicht öffnen, da sie verrostet waren. Es folgte eine Untersuchung zur Dammsicherheit mit einem niederschmetternden Ergebnis. Ein Drittel der chinesischen Staudämme erwies sich als nicht sicher. Es gab Bauschäden und -mängel an den 89 größten Staudämmen. 1986 kam man zu dem Ergebnis, dass 43 Staudämme als extrem gefährlich einzustufen sind, weil sie Hauptstädte, Industrie, Minen, Hauptverkehrswege und militärische Einrichtungen bedrohen. Einige von ihnen sollten daraufhin repariert werden.
Die ‚Jahrhunderthochwasser' kehren in immer kürzeren Zeitperioden wieder (1989, 90, 91, 93, 95, 96). Erst 1998 trat der Jangtse wieder über die Ufer. Folge: 3.656 Tote, 5,7 Mio. zerstörte und 7 Mio. beschädigte Häuser. 14 Mio. Menschen mussten umziehen. Aber warum tritt der Fluss immer wieder über? Als Gründe können versandete oder trockengelegte Seen, Umwandlung der Seenfläche in Ackerland, Trockenlegung von Auslaufflächen, fehlerhafte Flussregulierung, starke Abholzung im Einzugsgebiet, Überweidung und dadurch verstärkte Erosion und schnellerer Abfluss des Wassers genannt werden. Die Seen am Jangtse waren 1949 noch 17.198 km2 groß. 1980 betrug ihre Größe nur noch 6.605 km2.
In China muss immer mehr Land bewässert werden. Die Bevölkerung muss ausreichend Wasser zur Verfügung haben, sowohl im Süden als auch im Norden. Das Grundwasser darf dabei nicht angegriffen werden. Der Wasserverbrauch muss eingeschränkt und kontrolliert werden. Gleichzeitig will man Wasserkraft für Elektrizität nutzen, das Versandungsproblem in den Griff bekommen, sichere Dämme bauen und die großen Fluten bezwingen. In China stehen die Hälfte (ca. 22.000-24.000) aller großen Staudämme der Welt. Die meisten wurden seit 1949 gebaut. 1949 gab es etwa zehn große Dämme. Heute ist China eines der wenigen Länder, das noch aktiv Dämme baut. Im Moment befinden sich ca. 90 im Bau, die größer als 60 Meter sind. Einer von ihnen ist das Three Gorges Dam/Project (TGP) (= Dreischluchtenstaudamm) mit 175 m Höhe.
Chinas ist ein sehr wetterabhängiges Land mit einem sehr variationsreichen Klima. Es gibt Monsunregionen, aber auch semiaride Zonen. Im Norden des Landes leben 45 % der Bevölkerung. Dort befinden sich 60 % des nutzbaren Agrarlandes, aber es sind nur 13 % der Wasserressourcen des Landes verfügbar. Im Süden gibt es dagegen durch den Monsun häufig Überschwemmungen. Das Problem wollen die Chinesen durch das TGP beseitigen. Sie wollen eine Fernleitung aus dem wasserreichen Süden in den Norden bauen. Mit dem 250.000 km langen Wassersystem will man ebenfalls eine Superlative verwirklichen. (vgl. HOFFMANN 1997: 345, 354f; DAI QING 1998: 23, 25f, 32ff; FREIWALD 1997: 5 und www.probeinternational.org, www.dams.org/global/china.htm)

2.2 Gebiet, Gegend und Fluss
Der Three Gorges Dam (TGP, Drei-Schluchten Staudamm, Sanxia Gongcheng) soll das Wasser des Jangtse Flusses (Jangtsekiang, Chang Jiang) stauen. Der Jangtse ist der längste Fluss Chinas und der drittlängste der Erde nach dem Nil und dem Amazonas. Er fließt in Ostasien, vom tibetanischen Hochland (ca. 5.000 m ü. NN) durch Zentralchina bis er bei Shanghai ins Ostchinesische Meer fließt. Der Fluss fließt im Oberlauf durch Berge und Schluchten ins rote Becken (Sichuan-Becken). Auf 3.500 km beträgt sein Gefälle 6.000 m. Die Folge sind große Wasserenergiereserven. Nach dem Roten Becken fließt er etwa 200 km durch die berühmten Drei Schluchten (Qutang-, Wu- und Xiling-Schlucht). Im Durchschnitt sind sie nur 200-300 m breit. In der dritten Schlucht wurde der Bau des Dammes 1994 offiziell begonnen. Er liegt damit nur wenig oberhalb des bisherigen Staudamms am Jangtse, dem Gezhouba-Damm. Danach fließt der Fluss mäandrierend durch die Tiefebene. Aufgrund des niedrigen Gefälles setzten sich viele Schwebstoffe ab, so dass der Fluss eingedämmt werden musste und das Flussbett jetzt höher als seine Umgebung liegt. "Auf diesem Fluß über der Erde fahren die Schiffe wie auf den Dächern der Häuser" (Böhn, Min 1997: 40). Der Fluss ist insgesamt 6.380 km lang, sein Einzugsgebiet ist über 1.8 Mio. km2 groß. Der Jangtse transportiert mit seinen 1000 Nebenflüssen ein Drittel von Chinas Wasser. Das Einzugsgebiet liegt hauptsächlich in Gegenden mit Sommermonsun (Überschwemmungen im Frühling und Herbst). Der Wasserpegel schwankt je nach Saison stark. Der Pegelstand bei Chongqing schwankt um 30 m, in den Drei Schluchten sogar bis zu 60 m. Im Unterlauf ist der Wasserstand von der Gezeitenwelle des Meeres abhängig. Der Fluss wird auch als Chinas ‚Goldener Wasserweg' bezeichnet, weil er den Westen mit dem reichen Osten verbindet. Am Fluss liegen mehr als 30 Industriestädte, von denen 10 mehr als 10 Billionen Yuans Output pro Jahr erwirtschaften. In ganz China gibt es nur 20 solcher Städte.
Der Drei-Schluchten Staudamm soll eine Fläche von 1 Mio. km2 vor Hochwasser schützen. Der See, der sich hinter dem Damm erstrecken wird, geht über die Provinz Hubei bis tief hinein nach Sichuan. Die Gegend ist zur Zeit Hauptquelle landwirtschaftlicher und industrieller Produktion. Mehr als 350 Mio. Menschen, ein Drittel der Bevölkerung, erwirtschaften hier den nationalen Bedarf (70 % Getreide, 65 % Reis, 50 % Baumwolle, 65 % Fischereiwirtschaft). (vgl. ZICH, ARTHUR 1998; GUTOWSKI 2000: 13ff; BÖHN, MIN 1997: 39ff; FREIWALD 1997: 1, 19ff und http://www.smipp.com/000.htm, www.welt.de/ archiv/1996/06/27/0627s301.htm)

2.3 Staudämme am Jangtse
Der bisher einzige Staudamm am Jangtse ist der Gezhouba-Damm. Er sollte den Staudammplanern als Versuchsobjekt für den Drei-Schluchten Staudamm dienen. Eine Bauzeit von fünf Jahren war vorgesehen. 18 Jahre wurden jedoch benötigt und er kostete das Dreifache des eingeplanten Budgets von 1.35 Mrd. Yuan. Er liegt etwa 2 km oberhalb der Stadt Yichang. Er ist nur 40 m hoch und 2561 m lang. Strom wird in zwei Wasserkraftwerken mit 18 Generatoren hergestellt. Die Schleuse besteht aus zwei Kammern zur Überwindung von 20 m. Obwohl dieser Damm so viel kleiner ist, gab es schnell Schwierigkeiten, z.B. durch Versandung. (vgl. GUTOWSKI 2000: 16f; FREIWALD 1997: 23) Etwa 1.600 km stromaufwärts vom Meer, an der Grenze zwischen Mittel- und Unterlauf, oberhalb der Stadt Yichang und unmittelbar bei der Kleinstadt Sandouping, wird der Drei-Schluchten Staudamm gebaut. Der Stausee wird sich bis zur Stadt Chongqing erstrecken
.

2.4 Der Drei-Schluchten Staudamm (TGP)
2.4.1 Geschichte TGPs

Die Staudammidee ist schon über 80 Jahre alt. Die wichtigsten Phasen:

· 1919: Republikgründer DR. SUN YAT-SEN (Yatsen/Yat Sen) wollte die Fluten kontrollieren, das rückständige Binnenland schiffbar machen und dabei Wasserkraft herstellen.
· 1944 bekamen Wasserbauingenieure vom ‚US-Reclamation Bureau' den Auftrag den Damm zu planen. Seitdem steht der Platz (Drei-Schluchten) fest. Damalige Kosten ca. 1 Mrd. US$.
· 1946: Der Vertrag zur gemeinsamen Durchführung des Projektes wurde unterschrieben.
· 1947: Chinesischer Bürgerkrieg oder Inflation/ökonomische Krise (je nach Quelle). Alle Baupläne wurden gestoppt.
· The Great Leap Forward (1958-60) unter MAO TSE-TUNG (Zedong) (dem Vorsitzenden der an die Regierung gelangten kommunistischen Partei)
· 1953: Unter MAO wurden sowjetische Experten geholt.
· 1958: Ein neuer Plan wurde vom Zentralkomitee der Partei geplant.
· 1969 wurde der Gezhouba-Staudamm, etwa 40 km flussabwärts der Drei-Schluchten als Ersatz/Versuch für das TGP beschlossen. Seine Bauzeit betrug letztendlich 18 Jahre.
· 70er: Einführung marktwirtschaftlicher Reformen.
· 1984: DENG XIAOPING, der neue starke Mann der KP, will einen neuen Plan zum TGP.
· 1985: Planungsausführung vom ‚US Bureau of Reclamation'
· 1985/86: Wissenschaftliche Kommission besucht das Gebiet, Ergebnis: Probleme werden unterschätzt. Kleinere Projekte wären sinnvoller.
· 1986: Kritik und Widerstand der Bevölkerung führten zu einer Vertiefungsstudie zum TGP.
· Bis 1988 wurde das Projekt aus finanzierungs- oder technischen Problemen, sowie aus Angst vor Sabotage durch den derzeitigen Feind Sowjetunion verworfen.
· 1988: Überprüfungskommission unter LI PENG, Ergebnis: Projekt durchführbar. Weitere Kommission unter kanadischer Führung (1986-88), Machbarkeitsstudie ebenfalls positiv.
· 1989: Kritisches Buch zum TGP von DAI QING, Folge: Überprüfungskommission verschob Beschluss um mind. fünf Jahre.
· 1989: Massaker am Tian'anmen-Platz in Peking, Folge: Jegliche Kritik wurde untersagt. Gegner wurden mundtot gemacht und inhaftiert. Bücher wurden verbrannt, z.B. das Buch ‚Yangtse, Yangtse' der Journalistin DAI QING. Sie selbst kam für zehn Monate ins Gefängnis. Ihre Entlassung war im Mai 1990. Sie lebt jetzt im Ausland. Andere Schriftsteller arbeiten nur noch unter Pseudonymen. Jegliche Kritik ist verboten. Kritik aus dem Ausland wurde als ignorant oder als vorsätzliche Untergrabung des Regimes dargestellt.
· 3. April 1992: Unter Ministerpräsident LI PENG wurde der Bau vom Nationalen Volkskongress ohne lange Debatte beschlossen. Bei der Abstimmung gab es 1767 Ja-Stimmen, 177 stimmten dagegen und 664 enthielten sich. Das ist eine Sensation. Zum ersten Mal in der Geschichte des Volkskongresses verweigerten so viele (1/3) ihre Zustimmung. Normal sind Zustimmungsraten von über 80 %.

Die Kritik innerhalb Chinas verstummte gänzlich durch Unterdrückung. Nur noch außerhalb war Kritik möglich, praktiziert z.B. durch DAI QING, Umweltschutzorganisationen wie WEED, BUND und Green Peace. Aber der Bau war und ist nicht mehr zu stoppen. (vgl. FREIWALD 1997: 4, 17; ZICH 1998; MISHI SARAN: Critics from China on communities in deep water, http://www.china-embassy.org/eng/6896.html, www.welt.de/archiv/1996/06/27/0627s301.htm , http://probeinter national.org/pi/3g/index.cfm?DSP=content&ContentID=1708)

cover reader 2002[Ende der Internet-Version - Das gesamte Referat ist in dem Druckexemplar zu finden, nähere INFO zur Bestellung:

Titel: Waibel, Michael (Hrsg.) (2002): Reader zur Spezialübung: Entwicklungsländer/Internationale Entwicklungspolitik. 273 S., Göttingen.

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*Letzte Änderung: 17.02.2003 - M. Waibel

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